André Butterweck
Bedingt durch die Corona-Pandemie war der Apothekenmarkt in den letzten beiden Jahren von starken Veränderungen geprägt. Sonderumsätze, insbesondere die Abgabe von Schutzmasken und Impfzertifikaten sowie die Durchführung von Corona-Tests, haben auf die aktuellen Apothekenerträge zum Teil gravierende Auswirkungen. Gleichzeitig wurde und wird auch das originäre Apothekengeschäft – die Abgabe von Arzneimitteln – spürbar von der Pandemie beeinflusst: So führten die Lockdowns insbesondere bei OTC-Arzneimitteln 2020 und 2021 zu deutlichen Einbußen. Vor diesem Hintergrund stellt sich daher die Frage, inwieweit diese massiven wirtschaftlichen Verwerfungen Auswirkungen auf die Wertermittlung bzw. Bewertungssystematik von Apotheken haben.
Nach herrschender Meinung in Bewertungstheorie und -praxis sowie höchstrichterlicher Rechtsprechung bildet der Standard "IDW S1" des Instituts der Wirtschaftsprüfer den Rahmen für die Ermittlung von Unternehmenswerten und folglich auch für die Bewertung von Apotheken. Dem IDW S1 zufolge wird der Wert eines Unternehmens über das klassische Ertragswertverfahren (EW) bzw. das Discounted-Cash-Flow-Verfahren (DCF) ermittelt. Dieser ist ausschließlich aus der Fähigkeit des Unternehmens abzuleiten, zukünftig finanzielle Überschüsse zu erzielen – er wird deshalb auch "Zukunftserfolgswert" genannt. Zur Berechnung werden alle zukünftigen Nettozuflüsse ermittelt und mit einem risikoadäquaten Kapitalisierungszinssatz – über die Formel der ewigen Rente – auf den Bewertungsstichtag abgezinst. Vereinfacht ausgedrückt ergibt sich der Wert einer Apotheke damit nach der Formel:
UW = FÜ/i
[Unternehmenswert UW = zukünftige finanzielle Überschüsse FÜ x 100%/Kapitalisierungszinssatz i].
Abbildung 1 zeigt die grundsätzliche Vorgehensweise bei der Bewertung nach dem klassischen Ertragswertverfahren (ausführlichere Berichte dazu finden Sie im AWA 13/2019, AWA 14/2019 und AWA 16/2019).
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Da die zukünftige Ertragslage nach wie vor einen wesentlichen Parameter für die Bewertung darstellt, hat sich die Bewertungssystematik von Unternehmen im Allgemeinen bzw. von Apotheken im Speziellen durch die Corona-Pandemie nicht geändert. Insoweit erfolgt die Bewertung einer Apotheke unverändert entsprechend dem Schaubild (Abbildung 1).
Sondereffekte berücksichtigen
Allerdings ist es Aufgabe eines Gutachters, aufgrund der außerordentlichen Situation der letzten beiden Jahre – Stichwort Corona-Sondereffekte – die individuelle Ertragslage der Apotheke an die zukünftige Entwicklung anzupassen. Denn für die Wertermittlung sind die prognostizierten Zukunftsgewinne entscheidend. Weicht man von diesem Grundsatz ab und unterstellt als Basis für die Wertermittlung fälschlicherweise (unbereinigte) Vergangenheitsergebnisse, wie wir dies häufig in praxi feststellen, so kann dies zu erheblichen Verwerfungen bei der Ermittlung von Apothekenwerten führen.
Tabelle 1 zeigt verdichtet die Entwicklung des Ertragswerts einer Apotheke auf Basis von Vergangenheitsergebnissen mit und ohne Berücksichtigung spezifischer Corona-Effekte.
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Insbesondere die Erlöse aus der Abgabe von Schutzmasken und Impfzertifikaten haben in unserem Beispiel die Gewinne der Apotheke in den Jahren 2020 und 2021 geprägt, sodass das unbereinigte Vergangenheitsergebnis des Jahres 2021 den Wert der Apotheke – unter sonst gleichen Bedingungen – auf "utopische" 1.122.000 € ansteigen lassen würde, bei einem Wert ohne Sondereffekte aber nur von 333.000 €. Der hohe Wert wäre dann gerechtfertigt, wenn auch zukünftig dauerhaft mit Gewinnen von 253.000 € p.a. zu rechnen wäre.
Davon ist allerdings nicht auszugehen. So sind die Maskengelder bereits im April 2021 ausgelaufen. Die kurzfristige Aussetzung der von den Krankenversicherungen bezahlten Corona-Tests im Oktober/November 2021 hat deutlich gezeigt, dass die Umsätze mit Tests stark von der Übernahme der Kosten durch die Kostenträger abhängen. Die Umsätze mit Impfzertifikaten sind seit Januar 2022 ebenfalls deutlich rückläufig.
Erhöhte Planungsunsicherheit
Es ist daher Aufgabe des Gutachters, unter Berücksichtigung der individuellen Gegebenheiten einer jeden Apotheke den Wert auf Basis einer Zukunftsprognose zu ermitteln. Dabei sind zukünftig zu erwartende Veränderungen im originären Apothekengeschäft (u.a. Umsatzentwicklung am Standort, Personalkostenentwicklung aufgrund des neuen Tarifvertrags, Veränderung von Einkaufskonditionen oder Kundenzahlen) ebenso zu berücksichtigen wie weiterhin prognostizierbare Corona-Sondererträge. Um die Prognose detaillierter abzubilden, lässt sich der Detailplanungszeitraum für die Wertermittlung beispielsweise auf drei (bis fünf) Jahre erweitern (siehe Tabelle 2).
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Die COVID-19-Krise hat die Planungsunsicherheit zweifelsohne erhöht. Es kann sich insofern der Einsatz von Szenariorechnungen empfehlen, um die erhöhte Prognoseunsicherheit darzustellen und die Bandbreite möglicher Zukunftsgewinne in einem Erwartungswert zu verdichten.
Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass sich zwar an der grundsätzlichen Bewertungssystematik durch die coronabedingten Sondereffekte der letzten beiden Jahre nichts geändert hat: Nach wie vor entscheidend ist der Ertragswert – ermittelt als Zukunftserfolgswert. Allerdings ist die Vergangenheitsanalyse und Zukunftseinschätzung deutlich komplexer geworden, um zu sachgerechten Apothekenwerten zu gelangen.
Aktueller Wirtschaftsdienst für Apotheker 2022; 47(09):10-10