Prof. Dr. Reinhard Herzog
211.000 € durchschnittliches Apotheken-Betriebsergebnis 2021 (+45.000 € gegenüber dem schon nicht ganz schlechten 2020), aber ein drohender Rückgang um gut 80.000 € in diesem Jahr – das sind vielleicht die plakativsten Ergebnisse der ABDA-Wirtschaftstagung am 27.04.2022 in Berlin. Andere Quellen weisen noch erfreulichere letztjährige Ergebnisse aus.
Den Apotheken flossen demnach, jeweils netto, 1.444 Mio. € für den "Spahnschen Maskenzauber" zu (423 Mio. € waren es bereits 2020), 492 Mio. € für Impfzertifikate und 96 Mio. € für Impfstoff-Honorare. Das entspricht, nach Abzug der geschätzten Wareneinstandskosten, alles in allem einem zusätzlichen Rohertrag je Apotheke von statistisch rund 80.000 €. Noch gar nicht berücksichtigt sind darin die Einnahmen aus Testaktivitäten, die von den Apotheken sehr unterschiedlich genutzt wurden. Diese Sondereinflüsse verschieben insoweit auch viele Kennziffern; so betrugen die Personalkosten 2021 ca. 40% vom Rohertrag, während sonst über die Jahre hinweg eher 45% typisch waren.
Jetzt 2022 wird wieder anders gespielt. Die aktuelle Lohnrunde treibt die Personalkosten um rund 7% nach oben (je nachdem, inwieweit die Erhöhungen tatsächlich weitergereicht und nicht z.B. auf übertarifliche Bestandteile angerechnet werden), während der erhöhte Mindestlohn ab Oktober in diesem Jahr einen vernachlässigbaren Einfluss hat. Die Großhandelskürzungen zahlen mit etwa 0,25% bis 0,5% auf das Normal-Rx-Segment ein, neben einer neuen Tourenpauschale bzw. "Servicegebühr". Tabelle 1 zeigt ein Modellszenario bei aufmerksamer Betriebsführung.
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"Netto" zählt ...
Letztlich interessieren die – insoweit gedämpften – Auswirkungen nach Steuern. Im "Normalgeschäft" kann zwar, trotz Umsatz- und auch mäßigen Ertragswachstums, durchaus ein Tausender netto monatlich fehlen, den steigenden Kosten geschuldet (Basis-Szenario). Kommen aber die Kunden nur wieder etwas mehr in die Apotheke (Plus-Szenario), sind es noch einige hundert Euro weniger netto im Monat. 2022 brechen über das Gesamtjahr betrachtet wohl die meisten Corona-Sondereinnahmen weg (mit dem Unsicherheitsfaktor Herbst/Winter). Am meisten profitierten bislang noch die professionellen Test-Apotheken.
Vorsichtige haben die Pandemie-Sonderumsätze deshalb stets als das gesehen, was sie sind – eine schöne Sonderbescherung. Sie nutzen dieses Geld, um sich für die Zukunft zu wappnen, Schulden zurückzuführen und den privaten Vermögensstock zu stärken. Für Finanzplanungen kalkuliert man vorsichtigerweise nur mit dem "Normalgeschäft".
Unkalkulierbar ist derzeit die allgemeine Wirtschaftslage. Zwar ist der Rezeptumsatz krisenfest, die private Kaufzurückhaltung kann aber bei Anhalten der Unsicherheiten spürbar werden, auch wenn das in den Apotheken regelhaft nur abgeschwächt ankommt.
Etwas Mut sollten Sie bei Preiserhöhungen zeigen, denn diese sind allgegenwärtig. Nutzen Sie diese Chance! Geben Sie dafür lieber etwas mehr an Ihre treuen Stammkunden zurück (z.B. Vorteilsprogramme, abhängig vom Einkaufswert).
Sie sind zudem gut beraten, allen halblebigen Beteuerungen zum Trotz einen Energienotstand durchzuspielen: Wo sind Einsparungen möglich? Wie weit kann die Klimatisierung reduziert bzw. auf andere Energieträger umgestellt werden? Identifizieren und quantifizieren (!) Sie dazu die verzichtbaren und unverzichtbaren Energieverbraucher. Im Extremfall müssen Einschränkungen der Öffnungszeiten erörtert und der Betriebs-Energiebedarf mit dem Aufwand für eine ausgeweitete Botenzustellung abgewogen werden.
Pandemischer Ausblick
Während die Pandemie in der öffentlichen Wahrnehmung immer tiefer gestuft wird und auf den Straßen fast Vor-Corona-Zeiten herrschen, überlagern sich epidemiologisch mehrere Effekte.
Wir sehen den schleichenden, je nach Immunkompetenz und Alter unterschiedlich abnehmenden Impfschutz, der mit derzeitigen Impfstoffen nicht beliebig "nachgeboostert" werden kann. Einer schon in wenigen Monaten verblassenden Schutzwirkung auf Ebene der spezifischen Antikörper folgt etwas später der Abfall der spezifischen T-Zellen. Dann bleiben B-Gedächtniszellen als Schutzwall, deren Wirkdauer bei Corona bisher nicht sicher abzuschätzen ist, zumal sie mitnichten von jedem gleich aufgebaut werden (Abbildung 1). Die Menschen, insbesondere die sowieso stärker gefährdeten Älteren, werden insoweit wieder vulnerabler. Hospitalisierungs- und Sterberaten (IFR, Infection Fatality Rate) dürften langsam wieder ansteigen, allerdings nicht mehr auf frühere Werte.
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Neue Virusvarianten, nun auch rekombinante, werden den Impfschutz weiter unterlaufen und hochinfektiös bleiben – ansonsten setzen sie sich nicht durch. Die Verbreitung ist de facto nicht mehr kontrollierbar. Ob die Virus-Pathogenität zwangsläufig stets weiter sinkt, ist nicht ausgemacht; es kann durchaus noch statistische Streuungen in beide Richtungen geben, und die Immunlage (s.o.) ist der viel entscheidendere Faktor.
So läuft es wohl, wie schon früher postuliert, auf eine dauerhaft persistierende "Erkältung XXL" hinaus. Eine im unteren Prozentbereich erhöhte Mortalität der Gesamtbevölkerung im Vergleich zu Vor-Corona-Zeiten (1% entspricht hierzulande 10.000 Gestorbenen) erscheint plausibel und steht im Einklang mit Beobachtungen selbst in bestens durchimpften Populationen. Corona bleibt also, trotz nunmehr erheblich niedrigerer Risiken, noch länger "auf dem Schirm".
Deshalb halten Sie Ihr Corona-Equipment in Reserve! Schauen wir zudem, dass den Apotheken die Testkompetenzen nicht wieder beschnitten werden; im Gegenteil, sie gehören für die Rolle in der Prävention noch ausgebaut! Das Thema allgemeine Infektionsprophylaxe bleibt einstweilen weiter ein Marketing-Schwerpunkt.
Zu guter Letzt zeigen die vielleicht wieder aufflammende Corona-Problematik und die möglichen Betriebsstörungen infolge des Ukrainekrieges, wie wichtig es heute ist, Kunden nicht nur analog am HV-Tisch abzuholen, sondern auch digital zu erreichen, falls der normale Betriebsablauf stockt. Das wurde schon allzu oft erörtert, aber sind Sie hier inzwischen wirklich fit?
Prof. Dr. Reinhard Herzog, Apotheker, 72076 Tübingen, E-Mail: Heilpharm.andmore@t-online.de
Aktueller Wirtschaftsdienst für Apotheker 2022; 47(10):4-4