Dr. Marian Corbe
Das E-Rezept wird als Leuchtturm und Meilenstein der Digitalisierung im Gesundheitswesen angesehen und soll Ihnen als Apotheker eine erhebliche Arbeitserleichterung sein und gleichzeitig für Ihren Kunden mehr Komfort bringen. Als Apotheker gewinnen Sie Zeit für die Beratung und können besser auf Ihre Kunden eingehen, da administrative Vorgänge beschleunigt werden. Ihre Kunden wiederum sparen dank kürzerer Wege Zeit.
Dank der elektronischen Patientenakte erhalten Sie den Überblick über die Gesundheitsgeschichte, die aktuelle Medikation und mögliche Unverträglichkeiten. Diese Transparenz optimiert den Beratungsprozess und hilft dabei, Wechselwirkungen von Medikamenten frühzeitig zu erkennen und zu vermeiden.
Um diese Vorteile in der Praxis nutzen zu können, müssen Sie die Prozesse in Ihrer Apotheke aber zunächst umfassend verändern und an die Anforderungen einer stärkeren Digitalisierung anpassen. Das wird zwangsläufig einiges an Unsicherheiten und auch Sicherheitsrisiken mit sich bringen.
Technische Herausforderungen und Risiken
Anknüpfend an unsere Argumentation in den Artikeln im AWA 06/2021 und 20/2021 sollten Sie unbedingt die Aspekte IT-Sicherheit und Notfallmanagement im Blick behalten, sobald Sie aktiv beginnen, E-Rezepte zu beliefern.
Gefahren entstehen für Sie als Apotheker durch Störungen im Alltagsgeschäft sowie für Ihre Kunden durch Zugriff auf deren höchst vertrauliche Gesundheitsdaten. Dabei ist eine Bandbreite verschiedener Gefährdungen zu beachten. Die größten Sicherheitsrisiken für Sie als Apotheker sind technische Geräte und Systemausfälle, Hackerangriffe und Datenschutzverletzungen.
- Technische Geräte können aus verschiedenen Gründen ausfallen. Ursache können Wasserschäden ebenso sein wie eine fehlerhafte IT-Administration oder ein Komplettausfall des Internets. Falls die Telematik-Infrastruktur einmal ausfällt, das E-Rezept aber bereits auf den Server geladen wurde, kann dieses nicht eingelöst werden. Dadurch werden Sie in Ihrer Geschäftstätigkeit spürbar behindert, und die Medikamentenausgabe verzögert sich.
- Obwohl die Telematik-Infrastruktur (TI) als sehr sicher eingestuft wird, bestehen immer Restrisiken durch Hackerangriffe – insbesondere aufgrund des hohen Werts von Gesundheitsdaten.
- Informationssicherheitskonzepte und Datenschutz sind in Apotheken leider häufig noch ein Randthema, obwohl Sie als Apotheken-Inhaber oder -Leiter für Datenschutzrechtsverletzungen haften. Meldepflichtige Datenrechtsverstöße müssen gemäß DSGVO genau festgehalten und der Aufsichtsbehörde gemeldet werden. Der Ernstfall erfordert schnelles und strukturiertes Handeln, denn nach 72 Stunden wird laut DSGVO aus der Ordnungswidrigkeit ein Straftatbestand. Sind sensible, personenbezogene Informationen oder Gesundheitsdaten von Kunden betroffen, müssen diese ebenfalls über den Vorfall informiert werden.
Organisatorische Herausforderungen und Risiken
Die Einführung des E-Rezepts führt unweigerlich zu größeren Änderungen von organisatorischen Abläufen. Die zwangsläufige Folge sind Unsicherheiten bei Ihren Mitarbeitern ebenso wie Kunden, auf die Sie gut vorbereitet sein sollten:
- Beginnen Sie frühzeitig mit Schulungen und Testläufen, um alle Teammitglieder mit der neuen Technik und den geänderten Abläufen vertraut zu machen. Planen Sie mehr Zeit für die Beratung in der Apotheke ein, da Ihre Kunden einen größeren Informationsbedarf haben werden.
- Bewerben Sie die neuen Möglichkeiten frühzeitig auf allen Kanälen, die Sie verwenden (in der Apotheke, im Internet, in regionalen Broschüren, etc.), um Ihre Kunden aktiv zu informieren.
Das E-Rezept ist da – und was jetzt?
Perspektivisch soll die Nutzung digitaler Anwendungen im deutschen Gesundheitswesen intensiviert werden. Das E-Rezept dient dazu als Meilenstein, der eine flächendeckende Versorgung mit verschreibungspflichtigen Arzneimitteln digital ermöglicht. Das Gesamtkonzept erscheint momentan noch nicht vollständig ausgereift, gleichzeitig führen große Verzögerungen bei der Einführung zu fehlender Planbarkeit und hohen Vorabinvestitionen auf Seiten der Apotheken. All diese Faktoren führen dazu, dass die Akzeptanz sinkt. Neben den (Sicherheits-) technischen Problemen sollten Sie aber auch die Änderungen der Organisationsabläufe – wie z.B. den Mehraufwand für die Kommunikation vor allem mit älteren Kunden, um ihnen die neue Anwendung zu erklären – keinesfalls unterschätzen.
Die Vorteile aus der Einführung des E-Rezepts sind klar – doch um diese auch voll und ganz realisieren zu können, muss die Digitalisierung sicher umgesetzt werden. Dafür braucht es nicht nur Gesetze und politische Absichtsbekundungen, sondern auch Umsetzungshilfen, klare Regeln und vor allem viel Geduld.
E-Rezept: technische und organisatorische Voraussetzungen
Zunächst müssen Sie die notwendige technische Infrastruktur und Hardware für Ihre Offizin beschaffen. Diese umfasst:
- eine Anbindung an die Telematik-Infrastruktur: Konnektor und VPN-Zugangsdienst,
- eine gesicherte und stabile Internetverbindung,
- ein aktuelles Apothekenverwaltungssystem, um die E-Rezepte empfangen und verarbeiten zu können,
- mindestens einen oder besser zwei elektronische Heilberufsausweise, um Redundanzen bei Verlust oder Defekt zu schaffen,
- eventuell zusätzliche Scanner, damit die Rezepte über ihren QR-Code eingelöst werden können. Neben diesen technischen Voraussetzungen, müssen Sie auch die Organisation auf den Betrieb des E-Rezepts vorbereiten. Dazu gehören:
- geschulte Mitarbeiter, die mit den neuen Strukturen sicher und zuverlässig arbeiten können,
- die Kennzeichnung im Apothekenportal, „E-Rezept ready“ zu sein, und die aktive Weitergabe dieser Information an Kunden und Arztpraxen.
Wie Sie Ihre Apotheke gut auf das E-Rezept vorbereiten
- Beachten Sie die Hinweise und Onboarding-Checkliste auf der Homepage der Gematik.
- Analysieren Sie die Risiken Ihrer eigenen Apotheke und verringern Sie diese durch geeignete technische und organisatorische Maßnahmen (TOMs).
- Dokumentieren Sie die Maßnahmen vollständig in einem Sicherheitskonzept, das Sie alle zwei Jahre sowie bei Änderungen aktualisieren.
- Schulen Sie sich und Ihre Mitarbeiter im Umgang mit der neuen Technik.
- Holen Sie sich kompetente Unterstützung von außen für Spezialthemen, die nicht in Ihre Kernkompetenz als Apotheker fallen.
- Beginnen Sie frühzeitig mit regelmäßigen Testläufen, um Ihren Mitarbeitern Handlungssicherheit zu geben.
- Erstellen Sie einen Notfallplan als Handlungsleitfaden für den
Ernstfall.
Lena Hassel, Associate, RST Informationssicherheit GmbH, 45128 Essen, E-Mail: lhassel@rst-beratung.de
Dr. Marian Corbe, Geschäftsführender Gesellschafter, RST Informationssicherheit GmbH, 45128 Essen, E-Mail: mcorbe@rst-beratung.de
Aktueller Wirtschaftsdienst für Apotheker 2022; 47(14):6-6