Die Preise steigen und steigen …

Energie und Rohstoffe – nunmehr Luxusgüter?


Prof. Dr. Reinhard Herzog

Die Preiskapriolen bei Rohstoffen und Energie, gerade hierzulande, bedrohen immer mehr Existenzen und dürften mancher Apotheke zu schaffen machen. Von energetischen Kuriositäten bis hin zu Spar-Schwabenstreichen – machen Sie sich auf Überraschendes gefasst!

Die Rohstoffmärkte spielen verrückt – wirklich? Zwar gehen manche Verbraucherpreise durch die Decke, doch betrachten wir die langfristige Preisentwicklung der letzten 30 Jahre. Abbildung 1 zeigt einige bedeutsame (Energie-)Rohstoffe; zum Vergleich ist die Linie einer Inflation von konstant 3% eingezeichnet (was der Realität in vielen westlichen Ländern nahekam). Wir sehen als großen Trend tatsächlich eine Teuerung der Rohstoffe, die sich eher am globalen Wirtschaftswachstum orientiert, und von einer wachsenden Erdbevölkerung bei begrenzten Ressourcen befeuert wird. Das ist nur folgerichtig. Von „Preisexplosionen“ kann man insoweit, von temporären Verwerfungen abgesehen, (noch) nicht sprechen. Nahrungsmittel wie Reis, Fleisch, Früchte, Zucker, Tee u.a.m. sind – gemessen an der Wirtschaftsentwicklung – eher billiger, jedenfalls nicht überproportional teuer geworden, auch in der aktuellen Krise nicht. Ausnahmen sind in der Tat einige Getreidesorten und Öle (nunmehr Gas?), die bei Licht und historisch betrachtet aber ebenfalls (noch) überschaubar sind.

Die Kurven zeigen zudem: Die Investition in Rohstoffe hat gerade für Kapitalanleger ihren (Rendite-)Reiz, zeigen die Preise doch langfristig mit einer Rate zumeist oberhalb der allgemeinen Inflation nach oben – allerdings unter teils heftigen Schwankungen. Angebotsdefizite wechseln mit temporären Überschüssen ab. Genau diese Schwankungen kann man sich aber zusätzlich zunutze machen. Sie machen fast nie einen Fehler, wenn Sie in Zeiten des Angebotsüberhangs und Preisen nahe oder gar unterhalb der Produktionskosten in Rohstoffe investieren, die künftig (idealerweise verstärkt) benötigt werden. Timing ist also alles bei „Rohstoff-Deals“!

Nichts geht ohne Energie

Energie ist der Motor der Zivilisation. Der Primärenergiebedarf beträgt pro Erdenbürger stolze 20.000 Kilowattstunden (KWh) pro Jahr, bei uns doppelt so viel. Nahrung einschließlich Verderb macht global daran nur 6% aus. Der große Rest ist Infrastruktur und Mobilität, Industrie, in kälteren Regionen sehr viel fürs Heizen. Ein Kernproblem ist die vertrackte Wärme. Allein 2,5 KWh muss man je Kubikmeter Wasser aufwenden, um es nur ein Grad Celsius wärmer zu bekommen. Für die adäquate Erwärmung von einem Kubikmeter Luft reicht analog der Molekulardichte größenordnungsmäßig ein gutes Tausendstel davon.

Für Extreme gibt die Natur selbst Beispiele. Der kleine Kolibri entwickelt beim Fliegen eine Leistung, die auf unser Körpergewicht hochgerechnet um die 20 Kilowatt beträgt. So muss der Mini-Gefiederte über tausend Blüten täglich abklappern, und das geht nur in den warmen Tropen.

Wir Menschen setzen grob nur ein Hundertstel an Energie je Kilogramm Körpergewicht um und leisten weit unter einem Kilowatt. Da können wir auf dem Hometrainer strampeln, wie wir wollen – nicht mal ein Haarfön käme ordentlich in Gang. Solche Relationen sollte man stets beim Thema Energie im Hinterkopf haben. Reden wir von Energieeffizienz, steht die Wärme ganz weit oben. Neben Heiz- und Kühlaktivitäten ist es Verlustwärme, die u.a. bei diversen Geräten anfällt (Computer, viele Netzteile, die ein Dauerabo an der Steckdose haben). Tipp: Stecken Sie alle fühlbar warmen und dabei nicht benötigten Verbraucher aus!

Vertragsende = Kostenschock?

Energie-Altverträge aus der Vorkriegszeit lauten noch auf teils nur 0,20 € bis 0,30 € je KWh Gewerbestrom und 5 bis 7 Cent je KWh Gas. Laufen sie aus, droht ein Kostenschock mit über 0,50 € je KWh Strom und um 25 Cent/KWh für Gas; regional sind die Unterschiede enorm. Für eine Apotheke mit 25.000 KWh p.a. allein an Strom drohen da gern 500 € Zusatzkosten – pro Monat!

Eine durchschnittliche Apotheke müsste dafür im gesamten OTC-Sortiment – vom Erkältungspräparat bis zu Heftpflaster und Zahnbürste – etwa 15 bis 20 Cent je Packung aufschlagen. Das dürfte in nennenswerten Teilen in diesen Zeiten sogar umsetzbar sein.

Jedenfalls lohnt genaues Hinschauen. Zuerst gilt der prüfende Blick den Lieferverträgen mit Ihren Energieversorgern: Laufzeit, Kündigungsfristen, Modalitäten einer Verlängerung. Von jahrelanger Festlaufzeit bis zu monatlicher Kündigung – ein- oder beidseitig? – gibt es alles. Für eine kluge Zukunftsentscheidung müssen Sie leider Ihre Glaskugel bemühen und ein Preisszenario als Arbeitshypothese entwickeln.

Am wahrscheinlichsten scheint ein Preismaximum im kommenden Winter zu sein, weil sich vieles zuspitzen könnte. Rettet Sie die Laufzeit Ihrer Verträge ins nächste Frühjahr, tun Sie eher nichts. Müssten Sie in den kritischen Wintermonaten verlängern, sollten Sie zusehen, ob Sie sich nicht jetzt akzeptable Preise sichern können. Im Winter legt man sich dann besser nur kurzfristig fest; das Hin und Her dürfte massiv sein. Aber irgendwann, vielleicht früher als gedacht, sollte wieder die Ratio obsiegen.

„Schwabenstreiche“ zum Schluss ;-)

„Kleinvieh“ macht auch (energetischen) Mist und rettet uns wohl nicht, aber immerhin:

  • 1.000 Liter Tee jährlich „schwabenmäßig“ gekocht (nur auf 50°C bis 60°C Aufgießtemperatur erwärmen statt aufkochen) = reichlich 100 KWh gespart und Zeit dazu (Trinktemperatur)! „Extraktionsergebnis“ ist ganz ähnlich ...
  • 10 Liter Dusch-/Bade-Warmwasser (Nutztemperatur um 40 °C ) eingespart = minus rund 0,75 KWh, und das (mehrfach?) täglich ...
  • Niedrigere Temperaturen von Wasch- und Spülmaschinen versprechen leicht einige hundert Kilowattstunden Ersparnis p. a. Und: Herd samt Ofen dürfen auch mal kalt bleiben ...

Prof. Dr. Reinhard Herzog, Apotheker, 72076 Tübingen, E-Mail: Heilpharm.andmore@t-online.de

Aktueller Wirtschaftsdienst für Apotheker 2022; 47(14):4-4