Dr. Hubert Ortner
Christoph Unglaub: "Die Achillesferse der Apotheker ist ihr 'Helferkomplex'; auch in unserer Familie steht die Patientenversorgung so stark im Fokus, dass man so manche Zumutungen aus Berlin einfach schluckt, gegen die andere Berufsgruppen längst rebelliert hätten."
Wie ist die Rathaus-Apotheke in Velburg bislang durch die Corona-Pandemie gekommen, Herr Unglaub? Welche war die wichtigste Lehre, die Sie für sich persönlich aus dieser schwierigen Zeit gezogen haben?
Christoph Unglaub: Wir hatten in der Pandemie großes Glück. Unser Team war hoch motiviert und das Netzwerk – bestehend aus Familie und Freunden – eine große Hilfe.
Meine wichtigste Lehre aus der Corona-Krise lautet: Wir Apotheker müssen lernen, pragmatische Lösungen für unsere Kunden zu entwickeln, statt uns in der fünften Nachkommastelle einer Rezeptur zu verlieren …
Schon recht früh in der Pandemie haben Sie ein eigenes Corona-Testcenter eröffnet – eines der ersten im Landkreis Neumarkt (Details siehe Infokasten rechts). Neben Antigen-Schnelltests bieten Sie dort auch PoC-PCR-Tests für Selbstzahler an. Ist das Konzept aufgegangen – 79 € sind schließlich kein Bagatellbetrag …?
Christoph Unglaub: Für diesen Betrag bekommen unsere Patienten einen Mehrwert! Wir haben uns bewusst für PoC-PCR-Geräte entschieden, die binnen 15 Minuten das Ergebnis liefern. Damals mussten die Menschen mit einem positiven Antigen-Test in der Regel noch vier bis fünf Tage auf ihr PCR-Testergebnis vom Labor warten und bis dahin schon prophylaktisch in Quarantäne. Insofern war ein derart schnelles Ergebnis ein echter Vorteil – und der Preis mit 79 € ist in Anbetracht der hohen Materialkosten fair kalkuliert.
Das ist auch der Grund, weswegen wir PCR-Tests ausschließlich für Selbstzahler anbieten können – die Vergütung nach der Corona-Testverordnung mit 30 € wäre nie kostendeckend gewesen.
Wie bewerten Sie die kürzlich hopplahopp beschlossene neue Testverordnung mit Eigenbeteiligung und nochmaliger Absenkung der Vergütung: Ist diese, wie vielfach kritisiert, tatsächlich eine Zumutung für Teststellenbetreiber wie Bürger?
Christoph Unglaub: Die Menschen sind durch die ständigen Änderungen verunsichert, und vieles wirkt so willkürlich: Eigentlich sollte man doch Personen, die sich verantwortungsbewusst testen lassen, belohnen – stattdessen müssen die meisten jetzt dafür zahlen. Wir haben derzeit eine Inzidenz von 750 im Landkreis Neumarkt, 2021 musste die Gastronomie ab einer Inzidenz von 50 schließen. Wie soll man das den Menschen erklären? In unserem Testzentrum bleibt die Zahl der Tests infolge des nun eingeführten Selbstbehalts konstant, aber die Positiv-Quote ist deutlich gestiegen.
"Ich würde mir für die ABDA öfters die Bissigkeit der KV Hessen wünschen – oder jemanden mit ähnlich pointierten Ansagen wie KBV-Chef Dr. Gassen. Die ABDA ist für mich ein riesiger Öltanker, der durch lauter Minenfelder steuert. Ein schnelles, wendiges Sportboot mit wenigen hauptamtlichen anstelle der vielen nebenberuflichen Vorstände könnte meines Erachtens viel effizienter handeln."
Vielleicht lag der einseitige "Inzidenz-Fetischismus" der Politiker in Berlin ja daran, dass man (zu Recht) befürchtet hat, ein stärkerer Fokus auf die medizinisch viel relevantere Hospitalisierungsrate würde die eigenen Versäumnisse der letzten Jahre zu sehr ins Schaufenster rücken? Schließlich wurden die Intensivbetten-Kapazitäten ja schon lange vor der Pandemie ohne Not deutlich nach unten gefahren …
Christoph Unglaub: Fakt ist, dass die Gesundheitspolitik der letzten Jahrzehnte in vielen Bereichen Spuren hinterlassen hat: Die Alten- und Krankenpflege wurde kaputtgespart, die Festbeträge für Arzneimittel lassen Hersteller ins Ausland abwandern. Deutschland war einmal die Apotheke der Welt – und jetzt sind wir vollkommen abhängig von Indien und China.
Wie viel Mehraufwand verursacht die neue Testverordnung in Ihrer Offizin in Velburg – von der Kontrolle des Pflegeheimbesuchs bis hin zum Eintreiben der 3 € Selbstbeteiligung?
Christoph Unglaub: Der ganze Prozess läuft rein digital ab. Auf die neue Testverordnung war die Software binnen 24 Stunden umgestellt, und die Selbsterklärung füllen die Kunden jetzt schon bei der Terminvergabe voll digital aus. Unterm Strich haben wir mit diesem Workflow innerhalb unseres Betriebs so gut wie keinen Mehraufwand durch die neue Testverordnung.
Ich würde mir aber effizientere Abläufe in der Kommunikation mit Krankenkassen und Behörden wünschen: Die setzen ja häufig immer noch auf Faxgeräte – oder drucken digitale Formulare aus, um sie zu stempeln und dann wieder einzuscannen.
Die letzte Erhöhung der Packungshonorare fand 2004 statt. Welche Gewerkschaft führt denn nur alle 20 Jahre Tarifverhandlungen? Wenn meine Einkaufs- und Verkaufsbedingungen weitgehend gedeckelt sind, dann frage ich mich: Warum gelten wir Apotheker immer noch als Kaufleute, die mit Privatvermögen haften?
Gibt es Überlegungen, das PCR-Testangebot für Selbstzahler auf diagnostische Verfahren jenseits von Corona auszuweiten und damit zu einem dauerhaften Dienstleistungs-Angebot zu verstetigen?
Christoph Unglaub: Mit unseren PoC-PCR-Geräten könnten wir auf Influenza, RSV und weitere Krankheitserreger testen, damit könnten wir die Hausärzte bei der Diagnostik unterstützen. Aber dafür fehlt bislang die rechtliche Basis.
Wenn das unsere Freunde von der KV Hessen lesen, dann droht uns mindestens die Steinigung …
Christoph Unglaub: Tatsächlich würde ich mir für die ABDA öfters die Bissigkeit der KV Hessen wünschen, oder jemanden mit ähnlich pointierten Ansagen wie KBV-Chef Dr. Gassen. Ich denke, die deutschen Apotheken würden deutlich besser dastehen, wenn unsere Standesvertretung ähnlich selbstbewusst agieren würde.
Die ABDA ist für mich ein riesiger Öltanker, der durch lauter Minenfelder steuert. Ein schnelles, wendiges Sportboot mit wenigen hauptamtlichen anstelle der vielen nebenberuflichen Vorstände könnte meines Erachtens viel effizienter handeln.
In der Sache ist das plumpe Lobby-Gepolter der KV Hessen gegen die bezahlten pharmazeutischen Dienstleistungen aber doch eine offene Einladung zum Fremdschämen, oder?
Christoph Unglaub: Die Kritik der KV Hessen ist einfach lächerlich. Seit nun über 20 Jahren ist klinische Pharmazie ein Pflichtfach für alle angehenden Apotheker und wird im Staatsexamen geprüft. Natürlich können wir Medikationsmanagement & Co.!
Die Hausärzte bei mir vor Ort haben überhaupt kein Problem mit dem Thema: Sie finden es sogar gut, wenn Apotheken in Zukunft solche pharmazeutischen Dienstleistungen anbieten. Ärzte und Apotheker sollten doch zusammenarbeiten!
Kommen wir zum nächsten neu–ralgischen Punkt, der Vergütung: Sind Apotheken tatsächlich "ausgepresst wie eine Zitrone", wie es Hamburgs Kammerpräsident Kai-Peter Siemsen unlängst ausdrückte?
Christoph Unglaub: Der Kammerpräsident hat Recht! Die letzte Erhöhung der Packungshonorare fand 2004 statt, das sagt doch schon genug aus. Welche Gewerkschaft führt denn nur alle 20 Jahre Tarifverhandlungen? Wenn meine Einkaufs- und Verkaufsbedingungen weitgehend gedeckelt sind, dann frage ich mich: Warum gelten wir Apotheker immer noch als Kaufleute, die mit Privatvermögen haften? Das erhöht die Attraktivität unseres Berufs nun wirklich nicht.
Als echte Frechheit empfinde ich den "freiwilligen" Kassenabschlag, der jetzt sogar noch auf 2,00 € erhöht werden soll! Dieser verkappte Rabatt von anno dazumal ist völlig aus der Zeit gefallen – kein Handwerker würde einem fast 20% Skonto gewähren, nur weil man pünktlich seine Rechnungen bezahlt. Im Übrigen ließe sich in anderen Bereichen weit mehr einsparen …
Wo zum Beispiel?
Christoph Unglaub: Wozu braucht es in Deutschland 97 verschiedene gesetzliche Krankenkassen mit jeweils Vorständen und Verwaltungsapparaten? Viele Abläufe könnte man digitalisieren und effizienter gestalten.
"Ich würde mir effizientere Abläufe in der Kommunikation mit Krankenkassen und Behörden wünschen: Die setzen ja häufig immer noch auf Faxgeräte – oder drucken digitale Formulare aus, um sie zu stempeln und dann wieder einzuscannen."
Themenwechsel. Wie reagieren Sie in Ihrer Offizin auf die extreme Teuerungsrate insbesondere bei den Energie- und Lohnkosten? Wie stark wird diese auf Ihre Erträge durchschlagen?
Christoph Unglaub: Entscheidend ist, dass man seine Kosten im Griff hat. Wir heizen mit Pellets und Fernwärme und produzieren unseren Strom über die eigene Photovoltaikanlage. Zudem investieren wir gerade kräftig in den Backoffice-Bereich, um unsere Prozesse zu optimieren und bestmöglich auf das E-Rezept und die Digitalisierung vorbereitet zu sein. Gegen Jahresende werden wir dann noch einen Kommissionier-Automaten installieren – das ist unsere Antwort auf steigende Kosten und den akuten Fachkräftemangel.
Rein kaufmännisch betrachtet ist die Achillesferse der Apotheker ihr "Helferkomplex": Auch in unserer Familie steht die Patientenversorgung so stark im Fokus, dass man so manche Zumutungen aus Berlin einfach schluckt, gegen die andere Berufsgruppen längst rebelliert hätten.
Stichwort E-Rezept: Wird dieses hauptsächlich den niederländischen Versendern aufs Pferd helfen, oder erwarten Sie dadurch auch spürbare Effizienz-Verbesserungen für Ihre Offizin?
Christoph Unglaub: Wir haben das E-Rezept schon getestet und es funktioniert. Allerdings stellen die Ärzte bei uns noch nicht aufs E-Rezept um, weil sie keinerlei Anreize dazu haben – da muss ich Jochen Brüggemann echt zustimmen. Von dieser Klarheit und Konsequenz könnten wir Apotheker uns ruhig eine Scheibe abschneiden.
Ich erwarte mir vom E-Rezept schon schlankere Abläufe mit weniger Retax-Fällen. Eine echte Chance ist das E-Rezept wohl für kleinere Apotheken in Randlagen: Wenn die sich digital gut aufstellen, dann werden sie ihren Standortnachteil künftig kompensieren können.
Wie positioniert sich die Rathaus-Apotheke in punkto Online-Plattformen? Wo ist man präsent und was sind die bisherigen Erfahrungen?
Christoph Unglaub: Wir sind unter anderem auf gesund.de vertreten. Unser Ziel ist es, alle Kunden, die über Plattformen neu zu uns kommen, auf unsere eigene Homepage rüberzuziehen – und das funktioniert sehr gut. Grundsätzlich macht es aus Apothekersicht sicher mehr Sinn, in den eigenen Webshop und die eigene digitale Kundenbindung zu investieren, als sich zu stark in die Abhängigkeit von Fremdanbietern zu begeben. Das ist denn auch unser Weg: Wir bewerben unseren Online-Shop aktiv und haben die Terminbuchung für unser Corona-Testangebot bewusst direkt in unserem Web-Shop platziert.
"Als echte Frechheit empfinde ich den 'freiwilligen' Kassenabschlag, der jetzt sogar noch auf 2,00 € erhöht werden soll! Dieser verkappte Rabatt von anno dazumal ist völlig aus der Zeit gefallen – kein Handwerker würde einem fast 20% Skonto gewähren, nur weil man pünktlich die Rechnung zahlt."
Kommen wir zum Schluss: Welche Schulnote würden Sie Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach derzeit ausstellen – bitte mit Begründung?
Christoph Unglaub: Mich enttäuscht, dass er bislang noch keine Gespräche mit der ABDA aufgenommen hat. Wir sind Heilberufler, die rund um die Uhr einen wichtigen Beitrag zur Gesundheitsversorgung in Deutschland leisten. Und wir sind Arbeitgeber für knapp 150.000 Menschen – zählt das alles gar nichts …?
Deswegen bekommt er von mir nur eine 4-, aber vielleicht steigert er sich ja noch! Ich würde ihn definitiv mal in meine Offizin einladen, damit er meine Perspektive kennenlernen kann.
Familienbetrieb at its best
Die Rathaus-Apotheke im oberpfälzischen Velburg wurde 1987 von Irene Unglaub gegründet und seitdem als Familienbetrieb mit viel Leidenschaft geführt. Die Apotheke beschäftigt 13 Mitarbeitende.
Bereits früh in der Corona-Pandemie hat man direkt angrenzend an die Offizin ein eigenes Corona-Testzentrum mit 6 Mitarbeitenden eröffnet. Dort werden sowohl Covid-19-Antigen-Schnelltests als auch PoC-PCR-Tests durchgeführt.
Die Antigen-Schnelltests wurden bislang überwiegend als kostenlose Bürgertests abgerechnet. Hier liegt die Kapazität bei bis zu 300 Tests pro Tag. Für die PCR-Tests wurden Geräte von der Firma Abbott (ID Now) gekauft, die binnen 15 Minuten ein Ergebnis liefern. In der Hochphase führte man bis zu 30 PCR-Tests pro Tag durch.
Dr. Hubert Ortner, Biochemiker, Chefredakteur AWA, E-Mail: hortner@dav-medien.de
Aktueller Wirtschaftsdienst für Apotheker 2022; 47(15):6-6