Prof. Dr. Uwe May
Die Dynamik des Arzneimittelmarkts in Deutschlands Apotheken ist im vergangenen Jahr einmal mehr an den Kriterien Patentschutz und Rezeptpflicht festzumachen. Während der OTC-Handverkauf weiterhin – wenn auch verlangsamt – an Volumen verliert, wächst der Markt rezeptpflichtiger Arzneien, getrieben durch Impulse bei den nachahmerfreien Präparaten.
IMS HEALTH hat in diesen Tagen die Daten zur Entwicklung des Arzneimittelmarkts in Deutschland von Januar bis Dezember 2007, das heißt für das Gesamtjahr 2007, vorgelegt. Die Umsatzdaten beziehen sich auf Endverbraucherpreise und beruhen ebenso wie die Mengenangaben auf Apothekenabverkäufen.
Der Markt rezeptpflichtiger Präparate erreichte im Berichtszeitraum ein Umsatzvolumen von 30,744 Mrd. € und lag damit deutlich über dem Wert des Jahres 2006 (+5 %). Die Zahl der abgegebenen Packungen rezeptpflichtiger Arzneimittel übertraf mit 689,6 Millionen Einheiten das Vorjahresniveau leicht (+2 %).
Rabattverträge prägen den GKV-Markt
In den Marktsegmenten Generika und Festbetragspräparate ist weiterhin festzustellen, dass hier jeweils die Umsätze stärker rückläufig waren, als dies durch die Mengenentwicklung vorgegeben wurde. Das heißt, hier sind – infolge von Festbetragssenkungen und Rabattverträgen – sinkende Durchschnittspreise pro Verordnung zu beobachten.
Ohnehin haben die Rabattverträge im zurückliegenden Jahr mehr als jeder andere Faktor den GKV-Arzneimittelmarkt geprägt. Innerhalb von nur einem halben Jahr ist das Volumen der rabattierten Arzneimittel rapide angestiegen. So waren im Oktober 2007 im gesamten GKV-Arzneimittelmarkt ein Viertel aller abgegebenen Packungen rabattierte Arzneimittel. Im November 2007 hatten nahezu alle Krankenkassen Verträge mit Herstellern für mehr als 20.000 Handelsformen abgeschlossen.
Die Präferenzen der Kassen für große Generikahersteller mit breiten Arzneimittelsortimenten als Vertragspartner sind dabei nicht zu übersehen: Lag im April 2007 der Anteil des Absatzes, der bei Großunternehmen auf Rabattarzneimittel entfiel, lediglich bei 5% (Mittelstand 11%), machte er im August 2007 bereits 47% (Mittelstand 23%) aus.
Mehr Umsatz im Direktgeschäft
Charakteristisch für das zurückliegende Jahr ist auch der Trend zur Direktbelieferung der Apotheken durch die Hersteller. Gemessen am Umsatz hat das Direktgeschäft um 9 % zugelegt. Für diese Entwicklung ist das Segment der nachahmerfreien bzw. patentgeschützten, hochpreisigen Arzneimittel maßgeblich.
Die Verordnungen rezeptfreier Arzneimittel verzeichneten auch im vierten Jahr nach dem Inkrafttreten des GKV-Erstattungsausschlusses weiterhin eine rückläufige Entwicklung. In diesem Segment wurde mit dem Absatz von 139,3 Millionen Packungseinheiten ein Umsatz von 1,346 Mrd. € erzielt. Dies entsprach nach Umsatz wie nach Menge jeweils einem knappen Rückgang von 0,3 % bzw. 1 % gegenüber dem Vorjahr.
Die weiterhin rückläufige Zahl ärztlicher Verordnungen bei rezeptfreien Arzneimitteln wurde – wie schon in den drei Jahren zuvor – nicht durch zunehmende Selbstkäufe entsprechender Präparate kompensiert. Vielmehr hat die Umsatz- und Absatzentwicklung im Selbstmedikationsmarkt dazu beigetragen, die abnehmende Bedeutung rezeptfreier Präparate in der Arzneitherapie wie für den Apothekenumsatz noch zu verstärken.
Lag der Anteil rezeptfreier Präparate am Arzneimittelumsatz im Jahr 2003 noch bei 21 %, so fiel dieser Wert 2007 erstmals auf unter 16 % (2006: 17 %). Die Zahl der von den Verbrauchern in der Apotheke selbst gekauften rezeptfreien Arzneimittel nahm 2007 um 2 % gegenüber dem Vorjahr auf 549,5 Millionen Einheiten ab. Damit ging ein in etwa stagnierender Umsatz (–0,2 %) in Höhe von 4,270 Mrd. € einher. Die im Vergleich zur Mengenkomponente positivere Umsatzentwicklung ist auf einen Anstieg des Durchschnittspreises pro abgegebenem Selbstmedikationspräparat um 15 Cent (ca. 2 %) gegenüber dem Vorjahr auf nunmehr 7,77 € zurückzuführen.
Die Selbstmedikation mit freiverkäuflichen Arzneimitteln außerhalb der Apotheke war 2007 nach Umsatz wie nach Menge um rund 5 % gegenüber dem Vorjahr rückläufig. In diesem Segment wurde nach Angaben von IMS HEALTH mit dem Absatz von 76,4 Millionen Packungseinheiten ein Umsatz von 0,243 Mrd. € erzielt. Die genannten Zahlen zeigen, dass jedenfalls die Entwicklung der Selbstmedikation in den von IMS HEALTH erfassten Distributionskanälen abseits des pharmazeutischen Einzelhandels nicht als Erklärung für die „OTC-Konsumschwäche“ dienen kann.
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Vertrauenskrise bei OTC-Präparaten hält an
Die Hintergründe und Motive des seit 2004 beobachteten Verbraucherverhaltens in der Selbstmedikation sind Gegenstand umfangreicher Marktforschung, die u.a. der Bundesverband der Arzneimittel-Hersteller (BAH) seit dem Frühjahr 2006 bis heute betreibt. Es erwies sich dabei als evident, dass der Glaube an den therapeutischen Nutzen rezeptfreier Arzneimittel durch den Ausschluss dieser Präparate aus der GKV-Erstattung grundsätzlich erschüttert wurde. Die wenigsten Versicherten kennen die tatsächlichen, nämlich rein fiskalischen Hintergründe für diese gesetzgeberische Maßnahme und vermuten dahinter eher eine auf mangelnder Wirksamkeit und fehlender Notwendigkeit beruhende Entscheidung.
Tatsächlich ist der durch den Gesetzgeber – mit bestimmten Ausnahmen – vorgenommene Ausschluss apothekenpflichtiger rezeptfreier Arzneimittel aus der GKV-Erstattung ausschließlich finanziell begründet und stellt keine negative Bewertung des therapeutischen Stellenwerts oder Nutzens dieser Präparate dar.
Apotheker als wichtige Multiplikatoren
Diese wichtigen Feststellungen sind auch Gegenstand von öffentlichkeitswirksamen Informationsmaßnahmen, die von den Arzneimittel-Herstellern in enger Zusammenarbeit mit dem Deutschen Apothekerverband und der ABDA entwickelt werden. Allerdings gibt es keine besser geeigneten Multiplikatoren für diese Botschaften als die Apothekerinnen und Apotheker selbst, deren Glaubwürdigkeit und Kundenkontakte von keinem Medium erreicht werden.
Dr. Uwe May, Bundesverband der Arzneimittel-Hersteller e.V. (BAH), Abt. Gesundheitsökonomie/Grundsatzfragen Selbstmedikation, 53173 Bonn, E-Mail: May@bah-bonn.de
Aktueller Wirtschaftsdienst für Apotheker 2008; 33(04):5-5