Ute Jürgens
Menschen, die „alles geben“ und ab und zu freiwillig die Arbeit anderer übernehmen, sind immer gern gesehen. Das schmeichelt und stärkt, es ist die positive Seite des Ja-Sagens. Wir identifizieren uns mit der Rolle des professionellen Helfers und fühlen uns daher verpflichtet, fast alle Wünsche zu erfüllen, immer und ewig dienstbereit zu sein.
Das Nein-Sagen bietet uns dagegen andere Pluspunkte. Zunächst einmal gewinnen wir natürlich Zeit durch ein Weniger an Arbeit. Hat sich unsere Umgebung schließlich an unsere neue Fähigkeit gewöhnt, entfallen langwierige Diskussionen genauso wie längeres Erklären, wie etwas gemacht werden soll. Vorausgesetzt, dass wir merken, wann uns ein Nein lieber ist als ein Ja, gewinnen wir an Profil und Vertrauen. Im Extrem: Wir nehmen unseren Angestellten und Kunden nicht länger die Chance, Umsichtigkeit und Organisieren zu lernen, einzelne Arbeitsgänge selbst durchzuführen und die eigenen Kompetenzen zu erweitern.
Bekämpfen Sie Störungen aktiv
Nicht in Versuchung geführt werden Sie, wenn Sie
- Zeiten einrichten, in denen Sie für jedermann ansprechbar sind, ansonsten Ihre Tür schließen und Ihr Handy ausschalten,
- einen zeitlichen Rahmen für Gespräche setzen, z.B. bei Außendienstmitarbeitern der Pharmafirmen und des Großhandels,
- mit Hilfs- und Checklis-ten arbeiten, in denen Sie für immer wiederkehrende Fragen und „ Anträge“ Dinge erläutern und Regeln setzen,
- sich nicht zur falschen Zeit am falschen Ort aufhalten. Beispiel: Ein Stammkunde, der bereits angenommen ist, steht im HV. Sie wissen, dass er jede Gelegenheit nutzt, um mit Ihnen ins Gespräch zu kommen. Bleiben Sie jetzt hinten, anstatt etwas zu kontrollieren, Ihre Mitarbeiterin etwas zu fragen oder sonstwie in Erscheinung zu treten.
Eine Voraussetzung: Ein gutes Selbstwertgefühl
Glauben Sie an sich selbst und die eigenen Fähigkeiten! Viele Menschen denken bei Zielen und Wünschen in erster Linie daran, was alles schief gehen könnte, was sie für Fehler machen könnten und was passiert, wenn sie scheitern und versagen.
Wenn Sie den Fokus beim Nein-Sagen darauf legen, was alles falsch laufen könnte, dann fangen Sie gar nicht erst damit an. Dadurch wiederum zementieren Sie Ihre Überzeugung, dass Sie es nicht schaffen können. Wenn Sie es nicht versuchen, können Sie aber keinen Erfolg haben und ohne Erfolg bekommen Sie kein Vertrauen in Ihre neue Fähigkeit. Falls Sie beginnen und es klappt nicht sofort, haben Sie vielleicht nur Pech gehabt oder sich einfach zu viel vorgenommen.
Eine gute Möglichkeit ist, sich selbst viele kleine Erfolgserlebnisse zu verschaffen. Nehmen Sie sich immer wieder eine Kleinigkeit vor, mit der Sie beispielsweise Ihr Leben schöner machen können und setzen Sie diese um. Achten Sie dabei darauf, dass diese Sachen realistischerweise für Sie erreichbar sind und ein klein wenig über Ihre Grenzen hinausgehen, damit Sie die Leistungen hinterher nicht abwerten können („Ach, das war doch nichts Besonderes.“).
Tun Sie Dinge, die einfach genug sind, dass Sie sie schaffen können, für die Sie sich jedoch auch ein bisschen strecken müssen, um sie zu erreichen. Wenn Sie dies regelmäßig machen – und sich dabei selbst nicht überfordern, allerdings auch nicht unterfordern – dann wird Ihr Selbstvertrauen mit der Zeit stetig wachsen.
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Der „innere Kritiker“
Falls Sie einen lebendigen „inneren Kritiker“ besitzen, wird dieser sich natürlich vehement zu Wort melden, sowie Sie sich das erste Mal zu einem „Nein“ durchringen. Entweder er suggeriert Ihnen, dass Sie egoistisch seien oder dass Sie nicht bravourös Nein gesagt hätten, irgendwas ist immer verkehrt. Gewöhnen Sie sich an, diese innere Stimme nicht zu un-terdrücken, sondern ihr zuzuhören, in den Dialog zu gehen und das Gemäkel Punkt für Punkt zu entkräften. Falls das nicht sofort klappt, machen Sie es schriftlich.
Und was sagen die anderen dazu?
Die anderen sagen gar nichts, weil sie nach Luft schnappen. Dann wird in die Trickkiste gegriffen, Sie werden diverse „Motivationen“ hören und in Versuchung geführt: „Sie haben das doch letztes Mal auch gemacht“, „Sie können das am allerbesten“, „Sie können mich doch jetzt nicht im Stich lassen“. Wenn Sie standhaft bleiben: „Das hätte ich nie von Ihnen gedacht“, „Wie kannst Du so egoistisch sein“, „Nie hilfst Du mir“ etc.
Sowie Sie nachgeben, ist alles wieder in bester Ordnung für Ihr Gegenüber, Ihnen selbst bleibt Arbeit und ein dicker Seufzer. Sie fangen das nächste Mal von vorne an. Also: lieber gleich stark bleiben. Wenn Sie wirklich sicher sind, dass Sie etwas nicht wollen, schaffen Sie es auch, dies auszudrücken!
Ute Jürgens
Kommunikationstrainerin und Einzelcoach,
KomMed, 28865 Lilienthal
E-Mail: KomMed@freenet.de
Aktueller Wirtschaftsdienst für Apotheker 2008; 33(08):10-10