Tagesgeldkonten

Zins-Bonus aus dem Ausland


Prof. Dr. Reinhard Herzog

Bis vor wenigen Jahren war es die Domäne der Autobanken, heute glänzen vorrangig ausländische Finanzhäuser mit hohen Zinsen: Tagesgeldkonten locken zunehmend Sparer, die ihr Geld sicher und attraktiv verzinst sehen wollen. Doch nicht jede Offerte lohnt sich.

Mit großformatigen Lettern wirbt ein neuer Anbieter um deutsche Investoren: Die isländische Kaupthing Bank, nach eigenen Angaben die Nummer eins im Heimatland und die Nummer sechs unter den skandinavischen Kredit­instituten, bietet Anlegern 5,65 % Jahreszins für täglich verfügbares Geld. Aber auch bei Festgeldern lassen sich die Isländer den Marktein- tritt einiges kosten: Zwischen 5,11 % und 5,25 % werden für Laufzeiten zwischen sechs Monaten und drei Jahren bezahlt – unabhängig vom Betrag.

Genaueres Hinsehen zeigt jedoch: Das Angebot ist zwar attraktiv, aber keineswegs so großzügig wie auf den ersten Blick signalisiert. So setzt sich der Zinssatz von 5,65 % aus zwei Komponenten zusammen: einem Basiszins von 5,1 % und einem Bonus von 0,55 %, der nur für die ersten sechs Monate zugesagt wird. Danach können Anleger also lediglich noch den Basiszins erwarten, der variabel an die Marktlage angepasst werden soll. Die Kaupthing Bank verspricht allerdings, bis 2012 stets mehr als den Leitzinssatz (Hauptrefinanzierungszins) der Europäischen Zentralbank (EZB) zu vergüten. In jedem Fall erfolgt die Zinsgutschrift nur einmal jährlich, der bei anderen Angeboten oftmals beträchtliche Zinseszinseffekt (siehe unten) entfällt somit. Das größte Problem ist jedoch die Sicherheit: Die Kaupthing Bank ist zwar dem isländischen Einlagensicherungsfonds angeschlossen, dennoch sind Kon­toguthaben nur mit maximal 20.887 € abgesichert.

Tagesgelder als Einstiegsangebot

Allerdings müssen Anleger auf der Suche nach hohen Zinsen keineswegs ins kalte Island ausweichen. Ob Tchibo in Kooperation mit der com­direct, CortalConsors oder die Deutsche Skatbank, eine Zweig­niederlassung der genossenschaftlichen VR-Bank Altenburger Land eG: Attraktive Tagesgeld-Konditionen und oftmals wertvolle Willkommensgeschenke werden heute in großer Vielfalt an­geboten. Für den Anleger stellen sich damit zwei Fragen: Lohnt sich die Offerte für mich und, wenn ja, was muss ich unternehmen?

Zunächst gilt es, mögliche Fallstricke zu entlarven – die es bei fast allen Angeboten mehr oder minder ausgeprägt gibt. Dies be­ginnt bei den Betragsgrenzen: Einige Geldhäuser verlangen Mindestsummen von meist 5.000 € bis 10.000 €, niedrigere Beträge werden mit einem deutlich geringeren Satz verzinst. Eine solche Offerte kommt also nur in Frage, wenn die Mindestanlagesumme erreicht wird.

Problematischer sind indes Höchstgrenzen: Bietet ein Institut z. B. 5,0 % für maximal 5.000 € und ist der Zins nur für einen Zeitraum von sechs Monaten garantiert, beträgt der Zinsertrag in dieser Zeit 125 €. Wird das Geld indes bei der Hausbank z.B. für 3,75 % angelegt, erzielt der Anleger 93,75 €. Fraglich ist, ob sich für den temporären Zinsvorteil von gerade einmal 31,25 € der Wechsel lohnt. Denn schließlich erfordern auch die Kontoneuanlage und der Transfer des Geldes einige Tage, die am vermeintlich hohen Zins­ertrag zehren. Geht man z.B. von einer – optimistisch gerechneten – Gesamtdauer von zehn Tagen aus, reduziert sich der Zinsvorteil bereits auf rund 24 €, bei längerer Abwicklungsdauer geht er oft ganz verloren.

Ein weiteres Problem sind die gern vorgegebenen Zinsstaf­feln: Dabei werden z.B. für Anlagesummen bis 10.000 € lediglich 3,2 % bezahlt, bis 50.000 € hingegen 3,75 % und bis 100.000 € sogar 4,0 %. Auf den ersten Blick bedeutet das: Wer 100.000 € einzahlt, bekommt auch die 4,0 % Zins bzw. 4.000 € pro Jahr. Viele Institute ziehen die Staffelrechnung jedoch auch bei der Zinsvergütung durch. Für die ersten 10.000 € werden nur 320 € Zinsen bezahlt, für die nächsten 40.000 € dann 1.500 € und für den Rest von 50.000 € der Maximalzins von 2.000 €. Der Anleger bekommt also nur 3.820 € bzw. einen Gesamt-Zinssatz von rund 3,8 % gutgeschrieben.

Nicht zu vernachlässigen ist auch der Zinseszinseffekt. Regionale Sparkassen und Ge­nossenschaftsbanken schreiben die Zinsen für Tagesgel-der oftmals monatlich, zumindest aber vierteljährlich gut. Auf diese Weise profitiert der Anleger vom Zinseszinseffekt. Legt man einen Zinssatz von 3,5 % und eine Anlagesumme von 100.000 € zugrunde, werden bei jährlicher Zinsgutschrift 3.500 € dem Guthaben zugeschlagen, bei monatlicher Zinsgutschrift sind es hingegen 3.557 €.

Neukunden bevorzugt

Weiterhin stellt sich stets die Frage, für wen der in der Werbung angebotene Zins eigentlich gilt: Im Regelfall handelt es sich um Lockvogel-Offer­‑ ten für Neukunden, hingegen müssen sich Anleger mit bereits bestehendem Konto bei der jeweiligen Bank mit deutlich niedrigeren Sätzen begnügen. Wann ein Anleger als Neukunde eingestuft wird, ist unterschiedlich: Manche Geldhäuser verlangen, dass noch keinerlei Bankverbindung bestanden haben darf, andere sehen Anleger bereits ein halbes bis maximal zwei Jahre nach Schließung des letzten Kontos als „Neukunden“ an.

Eng damit verbunden ist die Frage nach der Dauer der Offerte: Nicht selten findet sich in Fußnoten der Hinweis auf eine sechs- oder gar nur dreimonatige Zinsfestschreibung. Wer hier den zeitaufwendigen Wechsel auf sich nimmt, muss sich möglicherweise schon nach sehr kurzer Zeit mit einem wesentlich niedrigeren Zinssatz für „Altkunden“ begnügen. Die Rechnung der Bank geht jedoch immer dann auf, wenn der Kunde aus Bequemlichkeit nach Ablauf dieser Frist nicht wieder wechseln will.

Teure Koppelungsgeschäfte

Erhebliche Probleme machen aber auch Koppelungsgeschäfte: Hohe Zinsen werden oftmals nur dann geboten, wenn der Kunde auch andere Dienstleistungen des Unternehmens wahrnimmt. Gern gesehen wird beispielsweise die Übertragung von Wertpapieren in ein neu anzulegen­des Depot – das dann nach einer gewissen Kulanzphase mit entsprechenden Kosten belastet wird. Aber auch Girokonten werden häufig automatisch in Verbindung mit einer Tagesgeldneuanlage eröffnet.

Am teuersten ist schließlich die Koppelung mit einer Investmentanlage: Geboten wer­den z.B. 6 % für Tagesgeld, verbunden mit der Auflage, die Hälfte des Anlagebetrags innerhalb von sechs bis zwölf Monaten in einen Investmentfonds umzuschichten. Verkauft werden solche Offerten mit Werbeslogans wie „Erst abwarten, dann einsteigen“, die dem Kunden sugge­rie­ren, er könne mit diesem Mo­dell auf eine besonders günstige Börsensituation warten.

Da jedoch der Fonds mit einem Ausgabeaufschlag von z.B. 5 % versehen ist, sinkt die Rendite der Tagesgeldanlage beträchtlich: Bei einer verbindlichen Umschichtung von z.B. 50 % nach sechs Monaten hat dann ein 100.000-€-Anleger nach einem Jahr auf dem Tagesgeldkonto ein Guthaben von 54.500 € und einen Investmentbestand von 47.619 €, zusammen also 102.119 €. Aus versprochenen 6 % sind somit lediglich 2,2 % geworden. Und auch diese Rechnung gilt nur, wenn der Kurs der Investmentanteile in der Anlageperiode unverändert geblieben ist. Billiger wäre der Anleger im Übrigen gefahren, wenn er sein Geld z.B. zu 4,0 % angelegt und die Investmentanteile bei einem Discounter mit Rabatt auf den Ausgabeaufschlag erworben hätte.

Dies zeigt: Lockvogelangebote können durchaus interessant sein. Achten Sie jedoch auf mögliche Fallstricke und bedenken Sie den Aufwand, der mit jedem Bankenwechsel verbunden ist. Nur wenn die neue Offerte diesen Aufwand wert ist, sollten Sie sich auf das „Spielchen Tagesgeld-Hopping“ einlassen.

Aktueller Wirtschaftsdienst für Apotheker 2008; 33(11):14-14