Selbstmanagement

Mit Ärger richtig umgehen


Ute Jürgens

Oft genug ärgern wir uns über unsere Kunden, Kollegen und uns selbst. Gerade im Berufs­alltag ergeben sich jedoch viele „Chancen“, um eine andere Sichtweise zu trainieren und damit zu einem fairen Umgang mit den Kunden, dem Team und sich selbst zu finden.

Um aus dem Gefühl des Ärgers auch Nutzen ziehen zu können, sollte man zunächst typische Situationen, die Ärger auslösen, für einige Zeit gut beobachten. Das Gemeinsame an allen Situationen könnte beispielsweise sein, dass man sich nicht respektiert oder gekränkt fühlt. Oder aber man wird zu häufig bei der Arbeit gestört. Vielleicht wird das unerwünschte Gefühl immer durch dieselbe Person ausgelöst. Denkbar ist auch, dass wir uns ausgenutzt fühlen, nicht ausreichend Anerkennung bekommen oder das Gefühl haben, dass immer alles an uns hängen bleibt.

Worauf habe ich Einfluss, worauf nicht?

Auch der Lebensbereich, in dem der Ärger spürbar ist, kann unterschiedlich sein: Der Ärger kann nur auf die Familie bezogen sein, sich lediglich im beruflichen Umfeld äußern, auf soziale oder politische Bereiche konzentriert sein oder von mehreren dieser Bereiche herrühren. Je nach Ursache für den Ärger gilt es, entsprechend zu reagieren.

Hierbei sollten grundsätzlich folgende Situationen unter­schieden werden: diejenigen, an denen man selbst etwas ändern kann, und andere, denen man machtlos gegenübersteht. Bei letzteren wie etwa dem Wetter oder den aktuellen Entwicklungen in der Sozial- und Gesundheitspolitik kann man oftmals nur versuchen, die Dinge gelassen hinzunehmen.

Ärger kann sinnvoll sein

„Wer Ärger zulässt, glaubt daran, dass man das Leben noch verändern kann“, meint die Psychologin Prof. Dr. Vere­na Kast. Das Gefühl zeigt uns deutlich, wo wir anpacken dürfen, sollten oder – wenn wir lange zögern – müssen.

Der Konfliktmediator Dr. Marshall B. Rosenberg konzen­triert alles auf die Frage der zugrunde liegenden Bedürfnisse: Wenn ich meine Bedürfnisse und die meines Gegenübers verstehe, führt das nicht nur zu weitgehender Entspannung, sondern gibt gleichzeitig sehr gute Hinweise, wo es anzusetzen gilt. Wut und Ärger entstehen durch Bewertungen, die wir selbst abgeben. Die Handlung des anderen Menschen ist also nur der Auslöser unseres Grolls, nicht jedoch seine Ursache! Zuerst gilt es, die eigenen Bilder und Urteile als Ursache zu erkennen, danach die dahinterstehenden Bedürfnisse.

Ein Beispiel: Ein Kunde beschwert sich zum wiederholten Mal bei Ihnen über den rabattvertragsbedingten Wechsel sei­nes Medikaments. Sie haben ihm den Hintergrund schon mehrfach erklärt, trotzdem „macht er Ärger“. Ihr Bedürfnis: Sie möchten keine Zeit verlieren, das Rezept wie vorgeschrieben bearbeiten und sich dem nächsten Kunden in der zweiten Reihe zuwenden. Sein Bedürfnis: Er möchte sein altes Medikament, weil er sich daran gewöhnt hat und – wie Sie erst jetzt durch Nachfrage erfahren – die Tabletten von dieser Firma besser teilen kann. Sowie er Sie und Sie ihn verstehen, sind beide erleichtert und können in Ruhe zusammen überlegen, wie die weitere Vorgehensweise ist: Sie kümmern sich darum, dass er wieder sein altes Präparat bekommt, oder bieten ihm einen Tabletten­teiler als Hilfe und Zusatzverkauf an.

Nicht von anderen anstecken lassen

„Es ist unmöglich, jemandem ein Ärgernis zu geben, wenn er es nicht nehmen will“ – die­se Weisheit von Friedrich von Schlegel ist ein guter Tipp. Ist es Ihnen nicht auch schon passiert, dass eine Kollegin oder ein Kunde ärgerlich erzählt hat, was ihr/ihm geschehen ist? Womöglich haben Sie gute Ratschläge gegeben und das Ganze hat damit geendet, dass Ihr Gegenüber sich beruhigt, Sie aber mit seinem Gefühl infiziert hat. Sorgen Sie rechtzeitig für Ihre aktive „Immunisierung“, indem Sie lernen, zwischen eigenem und fremdem Groll zu unterscheiden und sich entsprechend abzugrenzen.

Den Ursachen des Ärgers auf die Spur kommen

Den Anfang hierzu haben Sie bereits mit Ihren Antworten auf die Frage „Was ärgert mich?“ geleistet. Reflexionen über uns selbst zeigen uns gangbare Wege auf, die wir beschreiten können, um uns zu verändern. Dabei hilft unter anderem die oben genannte Methode der Bedürfniserforschung. Spezielle Atemtechniken leisten weitere Hilfe. Anregungen hierfür finden Sie bei den örtlichen Volkshochschulen und in der Literatur, z.B. in dem Buch „Ärger: Befreiung aus dem Teufelskreis destruktiver Emotionen“ des Zenmeisters Thich Nhat Hanh.

Auch wenn es vielleicht zunächst ungewohnt ist, sich durch entsprechende Atemtechniken zu entspannen, probieren Sie es doch einfach einmal aus! Das oben genannte Buch von Thich Nhat Hanh bringt zudem viele Ideen, Anregungen und Tipps zum Thema Ärger. Dabei handelt es sich nicht um abgehobene fernöstliche Weisheiten, sondern um Anregungen, wie Sie sich selbst kennenlernen und wie Sie sich selbst helfen können.

Wir sind heute ausgesprochen verwöhnt von den vielen hochgepriesenen (aber oft unwirksamen) Rezepten, die uns überall angeboten werden: Abnehmen im Schlaf, Sprachen lernen mittels einfachen Anhörens von drei CDs, Essen ohne zu kochen etc. Alles scheint so wunderbar einfach, so wollen wir es immer haben. Doch zum Ändern von Gewohnheiten bedarf es mehr. Ein Schlüssel dazu ist Geduld. Niemand verlangt von uns, dass beim ersten Mal alles klappt, wir haben Jahre Zeit. Wichtig ist es jedoch, überhaupt anzufangen und sich klare, konkrete und realistische Ziele zu setzen – und es immer wieder von Neuem zu versuchen.

Von oben betrachten

„Wenn uns jemand ärgert, sollten wir zwischen dem Menschen an sich und seiner aktuellen Haltung unterscheiden“ – der Dalai Lama kennt zwar unsere persönlichen „Herausforderer“ nicht, er meint aber sicher auch diese. Manche Kollegen haben irgendeine Angewohnheit, die uns regelmäßig „auf die Palme bringt“. Von hier aus können wir entweder grollend mit Kokos­nüssen werfen oder uns das Geschehen genüsslich von oben betrachten. Dabei lässt sich trefflich überlegen, was wir dieses Mal anders machen wollen. Schließlich lehnen wir unser Team oder unsere Kunden nicht grundsätzlich ab, sondern nur ein bestimmtes Verhalten. Wenn die Kontrahenten sich wieder in normalen Bahnen bewegen, hilft oft ein Gespräch – gerade falls es immer wieder um die gleichen Auslöser geht.

Wer sich oft ärgert hat weniger Angst

Man liest immer wieder, dass Ärger gesundheitsschädlich sein soll. Der amerikanische Psychologe Nathan Williams beleuchtet aber eine ganz andere Seite des Ärgers. Durch Studien und Tests fand er heraus, dass Angstzustände sich vor allem aus inneren Bildern aufbauen, während sich Ärger eher in Worten manifestiert. Durch Formulieren fällt es daher Menschen, die sich häufiger ärgern, leichter, auch ihre Ängste in Worte zu fassen. Und das wiederum hilft ihnen dabei, den Ängsten ins Auge zu sehen und diese abzubauen.

Fazit: Jeder hat selbst die Wahl

Wir haben die Wahl: Entweder ärgern wir uns weiter und lassen das Gefühl an anderen aus, die für dieses „Geschenk“ so gar nicht dankbar sind, oder wir machen uns die eine oder andere genannte Idee zunutze und fangen geduldig und beharrlich mit der Umsetzung an. Herausforderungen wird es sowohl im Berufs- als auch im Privatleben immer genug geben.

Ute Jürgens, Kommunikationstrainerin
und Einzelcoach,
KomMed, 28865 Lilienthal,
E-Mail: KomMed@freenet.de

Aktueller Wirtschaftsdienst für Apotheker 2008; 33(12):8-8