Dr. Christine Ahlheim
? Wo sehen Sie für die Apotheken das Potenzial, bestehende Kompetenzbereiche auszubauen?
Die Bundesbürger werden immer älter und alle wollen möglichst lange gesund bleiben. Eines der großen Zukunftsthemen ist deshalb die Gesundheitsvorsorge. Die Politik, die Krankenkassen und die Ärzteschaft verstärken seit einigen Jahren ihre Bemühungen in diese Richtung. Die Prävention ist vor allem für Apotheker ein ideales Betätigungsfeld, denn sie bieten ein niedrigschwelliges, wohnortnahes Gesundheitsangebot an. Zudem bringen die Verbraucher den Apotheken viel Vertrauen entgegen.
Aktuelle Umfragen zeigen: Etwa die Hälfte der Deutschen wünscht sich Präventionsangebote außerhalb von Arztpraxen. Jedem Fünften wäre das auch finanziell etwas wert. Hier erschließen sich also aussichtsreiche Perspektiven. Aktionswochen und Sonderaktionen sind bislang nur der Hälfte der Apothekenkunden schon einmal aufgefallen. Viele Kunden, die bislang nichts von Sonderaktionen wussten, sind daran interessiert. Hier können die Apotheken einiges tun, um sich stärker bemerkbar zu machen und ihre Leistungen besser zu positionieren. Diese Chance sollten die Apotheken nutzen, bevor andere Berufsgruppen dieses attraktive Feld erobern.
Apotheken haben viele Möglichkeiten, Präventionsleistungen anzubieten: Das reicht von einer individuellen Ernährungsberatung über Patientenseminare zur Raucherentwöhnung bis zu Bewegungsgruppen. Das sind zudem auch Kundenbindungsmaßnahmen.
Eines muss klar sein: Die Apotheker können und wollen sich in der Prävention engagieren, aber das muss sich auch betriebswirtschaftlich rechnen. Wir verhandeln auf Bundes- und Landesebene mit Krankenkassen über Modellprojekte.
? Die Bundesapothekerkammer hat ein bundeseinheitliches Qualitätssiegel für Apotheken angekündigt. Kommt jetzt noch mehr Bürokratie auf die Apotheken zu und welchen wirtschaftlichen Nutzen haben die Apotheken von einer Zertifizierung?
Derzeit gibt es auf Länderebene verschiedene Schwerpunkte in den Qualitätsmanagement-Systemen. Um mit bundesweit agierenden Krankenkassen Verträge zu schließen, ist aber eine übergreifende bundeseinheitliche Struktur in den Qualitätsanforderungen auch für Apotheken wichtig. Deshalb hat die Bundesapothekerkammer, aufbauend auf den bereits bestehenden QM-Systemen der Länder, ein bundeseinheitliches Qualitätssiegel entwickelt.
Hier arbeiten Bundesapothekerkammer und Deutscher Apothekerverband wie immer eng zusammen: Die Bundesapothekerkammer definiert die Qualität der pharma- zeutischen Dienstleistungen, der Deutsche Apothekerverband schließt darauf aufbauend die Verträge mit den bundesweiten Krankenkassen. Es lohnt sich heute also mehr denn je für jede Apotheke, sich bei ihrer Apothekerkammer zertifizieren zu lassen. Denn so wird sie in der Zukunft bei bundesweiten Verträgen automatisch beteiligt sein.
Hinzu kommt, dass QMS die Arbeitsabläufe in einer Apotheke nicht nur erfasst, sondern auch verbessern oder auf hohem Niveau sichern kann. Aber nicht alle Anbieter von Zertifizierungsmaßnahmen berücksichtigen gerade die typisch pharmazeutischen Arbeitsabläufe in einer Apotheke. Auch hier wird die Apotheke mit dem Qualitätssiegel in Zukunft deutlich profitieren.
? Der Deutsche Apothekertag hat eine Resolution gegen Werbung für rezeptpflichtige Arzneimittel verabschiedet. Was sind die Beweggründe hierfür?
Nach dem Heilmittelwerbegesetz ist in Deutschland die Werbung für verschreibungspflichtige Arzneimittel verboten. In Brüssel gibt es Bestrebungen, dieses Verbot zu lockern. Was passieren würde, wenn für ein neues Medikament gegen Krebs im Fernsehen geworben werden würde, können wir uns mit ein wenig Phantasie vorstellen: Verunsicherte Patienten würden sich an diesen Strohhalm klammern, ob sinnvoll oder nicht, und würden ihren Arzt zu einer entsprechenden Verordnung drängen. Vielleicht würden sie bei seiner Weigerung mit dem Wechsel der Arztpraxis drohen, auf jeden Fall kämen Mehrkosten auf das Gesundheitssystem zu, wie das Beispiel USA anschaulich zeigt. Das ist nicht sinnvoll und kann auch nicht erwünscht sein.
Im Gegensatz dazu meinen die Apotheker, dass die Patienten weiterhin objektiv und unabhängig informiert werden sollten – und Werbung ist nun mal keins von beidem. Mit dieser Forde- rung sind wir nicht allein. Auch die Bundesärztekam-mer, der Gemeinsame Bundesausschuss, die Krankenkassen, der Verbraucherzentrale Bundesverband und viele weitere Partner unterstützen uns darin. Dieses Ziel wird vom Bundesministerium für Gesundheit mitgetragen. Gemeinsam wollen wir die vorhandenen Kompetenzen und Ressourcen bündeln und ein konkretes Projekt für eine unabhängige, seriöse und konstruktive Arzneimittelinformation für Patienten erarbeiten.
Aktueller Wirtschaftsdienst für Apotheker 2008; 33(20):3-3