Anleger-Communitys

„Heiße Tipps“ aus dem Internet


Prof. Dr. Reinhard Herzog

Der PC ist auch im Umgang mit Geld zum unverzichtbaren Werkzeug geworden: Ob schnelle Information, Online-Banking oder Erfahrungsaustausch mit anderen Anlegern – das Internet bietet vielfältige Möglichkeiten. Vorsicht ist jedoch bei „heißen Tipps“ geboten.

Informationen stellen – gerade in der jetzigen Finanzkrise mit ihren enormen Kursausschlägen innerhalb jeder Börsensitzung – das A und O jeglicher Geldanlage dar. Das Problem jedoch: Banken und Sparkassen beraten selten wirklich objektiv, vielmehr stehen hinter ihren Publikationen meist mehr oder weniger ausgeprägte eigene Interessen, speziell der Produktverkauf. Medien wie Zeitungen und Zeitschriften sind hin­gegen oft schon bei ihrem Erscheinen veraltet. Auch die Sendungen im Fernsehen sind oftmals mit Vorsicht zu genießen: Nicht selten werden auch sie von Finanzdienstleistern gesponsert, sodass von einer objektiven Information nicht gesprochen werden kann.

Über 20.000 Meldungen pro Tag

Hoch im Kurs stehen daher mittlerweile sogenannte An­leger-Communitys. Dabei han­delt es sich meist um „Ableger“ großer Informationsseiten, die beispielsweise aktuelle Kurse und Börsennachrichten bereithalten und quasi nebenbei auch ein oder mehrere Foren betreiben. Das größte von ihnen – Wallstreet-Online – kann bereits auf über 400.000 angemeldete Nutzer verweisen, die nach Unternehmensangaben täglich rund 20.000 Beiträge zu Aktien, Anleihen, Zertifikaten oder anderen Themen verfassen. Sprung­haft angestiegen ist dabei zuletzt die Zahl der Beiträge zu Kursausschlägen mancher Papiere, insbesondere weniger bekannter Titel.

Der schnelle Informationsaustausch via Community hat zweifellos einige Vorteile: Registrierte Anleger, die sich für ein bestimmtes Papier interessieren, können auf dem Brokerboard ihre Frage publizieren. Oft finden sich schon nach wenigen Sekunden mehrere Antworten. Aber auch das Mitlesen bei bestehenden Diskussionen – von Experten als „threads“ bezeichnet – bietet oftmals eine Fülle an Informationen rund um die gewählte Geldanlage. Viele Anleger schwören zudem darauf, dass ihnen allein schon der morgendliche Blick auf die Überschriften ihres „Lieblingsboards“ genügt, um die Tagesstimmung der Börse treffsicher zu erkennen.

Doch die schnelle und – vor allem – bequeme Information hat auch ihre Nachteile: Jeder Anleger sollte sich zunächst der Tatsache bewusst sein, dass in den meisten Communitys die „Profis“ unter sich sind. Profis bedeutet dabei nicht unbedingt, dass sich hinter Namen wie „Börsenversteher“ oder „Analyst-99“ Banker, Anlageberater oder Analysten verbergen. Vielmehr sind es meist Trader, die jede noch so kleine Kurs­chance ausnutzen, um binnen Minuten schnelle Gewinne zu erzielen. Oft sitzen sie vor mehreren Bildschirmen, auf denen gleichzeitig die aktuel­len Börsenmeldungen eintrudeln, Communitys kontrolliert und Aufträge erteilt werden. Schnelles Handeln und Reagieren ist ihr wichtigstes Ziel.

Zwischen Tradern und den „klassischen Anlegern“ liegen jedoch Welten. Während die einen froh sind, wenn sie mit ihrer Prognose für die DAX-Tendenz der nächsten halben Stunde ein paar hundert Euro machen können, setzen die anderen oftmals auf Strategien, die über mehrere Monate oder gar Jahre angelegt sind. Der Hinweis „DAX kaufen“ eines Traders darf also nicht missverstanden werden, denn vielleicht gilt der Tipp nur für ein paar Minuten.

Optimismus als Risikofaktor

Im Übrigen sollten sich Anleger der Tatsache bewusst sein, dass Börsianer von Natur aus eher optimistisch sind. Wenn die Kurse steigen, werden die Zielmarken oftmals euphorisch nach oben geschrieben. Und wenn die Notierungen fallen, mangelt es nicht an Kommentaren, die eine baldige Trendwende prognostizieren. Zudem „kennt“ man sich untereinander und weiß meist sehr wohl, wie die Meinung eines „Spekulationskollegen“ einzuschätzen ist. Unbedarfte Laien geraten jedoch beim Lesen der Boards schnell in eine Euphorie, die sehr teuer werden kann. So konnte man etwa Anfang Oktober 2008 – als der DAX noch bei knapp 6.000 Punkten stand – wahre „Jubelgeschichten“ über die „neuen Chancen“ lesen. Doch die Realität sah anders aus: Über 20 % Kursverlust innerhalb nur einer Woche zeigten schnell den Unterschied zwischen Wunsch und Wirklichkeit.

Lasche Kontrollen

Und selbst wenn es gesetzlich verboten ist: Manchmal finden sich auch bewusst lancierte Falschmeldungen in den Boards, die einzig das Ziel der Kursmanipulation in die eine oder andere Richtung haben. Lange Zeit beliebt waren beispielsweise Meldungen, der Unternehmenschef sei plötzlich bei einem Autounfall oder Flugzeugabsturz ums Leben gekommen. Macht solch eine Meldung binnen Minuten die Runde und erreicht womöglich sogar die Nachrichten­agenturen, kann dies schnell einen Kurssturz des betreffen­den Papiers zur Folge haben. Derartige Manipulationen sind mittlerweile oftmals nicht nur „Taten“ einzelner Interessierter. Nachgewiesen wurden bereits Fälle, in denen eine ganze Gruppe oder sogar eine Promotion-Firma entsprechende Publikationen vornahm – zum Leidwesen gutgläubiger An­leger, die letztlich die Verlierer sind.

Zwar versuchen die Behörden, diesem Treiben einen Riegel vorzuschieben. Doch zum einen sind die Recherchen sehr langwierig, zum anderen kann die Beweiskette selten so lückenlos geführt werden, dass der Tippgeber mit der vom Gesetzgeber vorgesehenen Geld- oder gar Freiheitsstrafe belangt wird.

Werbung zur Finanzierung

Dieser Manipulationsmöglichkeiten sollte sich jeder Anleger beim Lesen der Beiträge bewusst sein und dabei keinesfalls in eine Euphorie verfallen. Die Hinweise aus den Foren können zwar hilfreich und gewinnbringend sein, sie sollten jedoch nie allein die Grundlage einer Anlageentscheidung darstellen. Denn auch den Teilnehmern an den Foren winkt selten der „große Gewinn“, speziell beim Day-Trading droht vielmehr oftmals das finanzielle Desaster.

Im Übrigen haben auch die Betreiber der Plattformen bereits nach entsprechenden Lösungen gesucht. Neben der inzwischen obligatorischen Registrierung werden die persönlichen Daten zunehmend auch kontrolliert. On­vista, eines der bekanntesten Finanzportale, entwickelt bei der neu geschaffenen Plattform Tradingbird sogar ein spezielles Bewertungssystem, über das die Hinweise von anderen Usern auf Treffsicherheit bewertet werden können. Ähnliches sieht sharewise vor, wo auch professionelle Analysten zu Wort kommen.

Nahezu immer erfolgreich sind die Betreiber der Finanz-Communitys. Denn sie bieten die entsprechenden Daten und Informationen zwar für den Anleger in der Regel kostenlos an. Die Seiten sind jedoch gespickt mit Werbung und – zumindest manchmal – geschicktem Produkt-Placement.

Alternativ werden die aufbereiteten Kursdaten auch Finanzdienstleistern zur Ein­bindung in die eigene Homepage zur Verfügung gestellt, sodass die Community lediglich ein „Nebenprodukt“ darstellt. Auch einige Geldhäuser – etwa der Discountbroker CortalConsors – betreiben selbst eigene Boards, wobei die rechtlichen Haftungsfragen immer wieder Grund für Diskussionen darstellen.

Finanz-Communitysim Internet (Auswahl)

Aktueller Wirtschaftsdienst für Apotheker 2008; 33(21):16-16