Prof. Dr. Reinhard Herzog
Als in den USA vor einigen Jahren die Immobilienpreise von Rekord zu Rekord kletterten, waren alle zufrieden: Hausbesitzer freuten sich über steigende Preise, Banken konnten Darlehen angesichts dieser Entwicklung problemlos vergeben und für Geldanleger war der „Weg zum Reichtum“ quasi vorprogrammiert. Doch kein Immobiliensektor ist so volatil wie der amerikanische Markt: Regelmäßig – darauf wies der AWA bereits vor zehn Jahren hin – bricht der Markt zusammen, das Nachsehen haben insbesondere Anleger, die „das schnelle Geld“ gewittert haben.
Immobilienfinanzierer verdienten zweimal
Waren es einstmals vorrangig ausländische und hier speziell deutsche Investoren, die besonders große Verluste verbuchen mussten, traf der Preisrückgang der Jahre 2006/07 zunächst vor allem kapitalkräftige Banken. Denn im Gegensatz zu früher verdienten die Immobilienfinanzierer diesmal mit den ausgegebenen Darlehen ein zweites Mal, indem sie insbesondere die Kredite „schlechter“ Schuldner – daher der Begriff „Subprime“ – bündelten und vor allem an ausländische Banken verkauften. Diese wiederum wiesen die übernommenen Anlagen nicht – wie für einen ordentlichen Kaufmann üblich – in ihren Bilanzen aus, sondern gründeten eigene Zweckgesellschaften, oft in steuerlich günstigen Staaten wie Irland.
Lange Zeit ging das Geschäft auch gut und die Subprime-Papiere warfen erstklassige Renditen ab – mit denen die Bankmanager ihre Quartalsberichte schmücken und ihre Gehälter in die Höhe schrauben konnten. Doch dann begann das Debakel: Der stark überhitzte US-Immobilienmarkt brach zusammen. Plötzlich fürchteten Darlehensgeber um die Sicherheit der ausgereichten Mittel, kündigten Darlehen und Pleiten häuften sich. Die Folge: Niemand wollte die einstmals heiß begehrten Subprime-Titel kaufen, der Markt trocknete aus, die Kurse brachen ein. Damit war die „Stunde der Wahrheit“ gekommen, denn die eigens gegründeten Zweckgesellschaften mussten entsprechende Verluste ausweisen.
Krise erreicht Deutschland
Erstes deutsches „Opfer“ dieser Entwicklung war die IKB: Der einstmals grundsolide Mittelstandsfinanzierer hatte sich in der Hoffnung auf hohe Renditen in erheblichem Umfang am US-Subprime-Markt engagiert. Nun drohte – wie auch anderen Instituten – die Insolvenz. Anleger sahen diese Entwicklung zunächst jedoch eher gelassen. Die Börsen gaben zwar kurzzeitig nach, wirklich unter Druck standen jedoch nur die Bankaktien sowie weitere Emissionen aus der Finanzbranche, etwa Genussscheine. Im weiteren Jahresverlauf 2007 konnten sich die Aktienmärkte schnell wieder erholen und zum Jahreswechsel 2007/08 notierte der Deutsche Aktienindex DAX nahe seinen Allzeit-Höchstständen bei über 8.000 Punkten.
Das Problem jedoch: Viele Banken hatten ihre Engagements am US-Subprime-Markt bis dahin weitgehend unter Verschluss gehalten. Mit den Abschlüssen für 2007 häuften sich dann die Meldungen über milliardenschwere Verluste und erhebliche finanzielle Schieflagen. Mehr noch: Obwohl durch die Subprime-Krise schon erheblich angeschlagen, sorgten manche Institute mit neuerlichen hochspekulativen Termingeschäften für Schlagzeilen. So etwa die französische Société Générale, bei der es einem einzigen Mitarbeiter gelang, mit wagemutigen Geschäften unter Umgehung aller Sicherheitsbestimmungen rund 5 Mrd. € zu „verzocken“.
Branchen-Misstrauen
Das Vertrauen der Anleger in die Kreditbranche wurde damit nach und nach zerstört. Die Situation eskalierte im September 2008, als nach dem Bekanntwerden von Schieflagen einiger amerikanischer Kreditinstitute die renommierte Investmentbank Lehman Brothers Gläubigerschutz beantragte. Erstmals wurde damit einer der „Großen“ der Branche von seinen Konkurrenten, vor allem aber von der amerikanischen Regierung „fallen gelassen“ – mit entsprechenden Konsequenzen auch für deutsche Anleger, die z.B. auf Zertifikate des bis vor Kurzem noch erstklassig bewerteten Geldhauses gesetzt hatten (vgl. Bericht auf Seite 16 dieser AWA -Ausgabe). Doch damit war nicht nur das Anlegervertrauen verspielt, auch das Vertrauen der Banken untereinander war zerstört. Der Geldmarkt – der auf der Bereitstellung kurzfristiger liquider Mittel zwischen den Banken basiert – trocknete aus. Kein Kreditinstitut war mehr bereit, seinen Mitbewerbern liquide Mittel bereitzustellen.
Schnelles Handeln war jetzt gefragt, um den drohenden Kollaps der Finanzsysteme abzuwenden: Die Regierungen bündelten milliardenschwere Hilfspakete und gaben Garantien ab, die das Zahlungssystem in Gang halten sollten. Die Börse honorierte dies zunächst mit kräftigen Kursgewinnen, doch bereits nach wenigen Tagen brachen die Märkte wieder ein. Bis heute ähnelt die Börse mit ihren Tagesschwankungen von oftmals mehr als 10 % eher einem Spielcasino als einem seriösen Handelsplatz für Beteiligungen. Denn mittlerweile ist die Finanzkrise in den Medien zum Thema Nummer eins geworden. Die „Angst um unser Geld“ wird auf den Titelseiten behandelt.
Jetzt nicht verkaufen
Welche Konsequenzen ergeben sich daraus für Anleger? Bei bestehenden Engagements ist es derzeit meist wenig sinnvoll, die aufgelaufenen Verluste zu realisieren. Verkaufen sollten Sie allenfalls Papiere von Unternehmen, deren wirtschaftliche Existenz tatsächlich gefährdet ist. Dies gilt nicht nur für Aktien, sondern vor allem auch für Unternehmensanleihen. Hier sind in den vergangenen Wochen selbst grundsolide Papiere durch die Verkäufe von Fondsgesellschaften derart unter Druck geraten, dass sie mittlerweile zweistellige Renditen abwerfen. Solange jedoch davon auszugehen ist, dass die Bonität des Emittenten über jeden Zweifel erhaben ist, besteht kein Grund zum schnellen Verkauf.
Bei geplanten Neuengagements sollten Sie vorerst noch etwas zurückhaltend sein: Die Finanzkrise ist längst nicht beendet. Keineswegs auszuschließen ist, dass der DAX – darauf deutet auch die Chartanalyse hin – weiter nachgibt und erneut unter die Marke von 4.500 Punkten abrutscht. Dabei spielen auch psychologische Gründe eine besondere Rolle: Deutsche Unternehmen weisen heute zwar wesentlich höhere Gewinne aus als etwa zum Ende der letzten Baisse im Jahr 2003, dennoch halten sich viele Anleger immer noch den seinerzeitigen DAX-Stand von rund 2.200 Punkten vor Augen. Die Medien diktieren die Börse und solange das der Fall ist, werden wir zu keiner soliden Kursentwicklung zurückfinden. Eine gute Lösung stellen daher derzeit insbesondere Tagesgeldanlagen dar, selbst wenn die Zinsen hier bereits deutlich nachgegeben haben.
Depot mit grundsoliden Aktien
Unter längerfristigen Gesichtspunkten könnte sich das neue Kursniveau – so war es in allen früheren Finanzkrisen – als interessante Einstiegsbasis darstellen. Denn eines Tages werden sich die Medien – analog zu einst schlagzeilenträchtigen Themen wie BSE oder Vogelgrippe – nicht mehr für die Aktienmärkte interessieren, sodass fundamentale Gründe wieder die Oberhand erhalten. Durchaus überlegenswert ist es daher, sich noch vor Jahresende ein Depot mit grundsoliden deutschen und internationalen Werten aufzubauen, um dann – wenn die Kurse wieder steigen – frühzeitig engagiert zu sein. Ein weiteres Plus: Künftige Kursgewinne mit diesen Papieren bleiben von der Abgeltungssteuer dauerhaft verschont.
Aktueller Wirtschaftsdienst für Apotheker 2008; 33(22):14-14