Prof. Dr. Reinhard Herzog
Heute kennen die Medien nur noch eine Schlagzeile: die Finanzkrise. Düstere Szenarien werden dabei gezeichnet: Die weltweite Konjunktur steuere in eine Rezession oder sei bereits dort angekommen, die Arbeitslosigkeit werde sprunghaft ansteigen und die Insolvenzlisten der Amtsgerichte nie geahnte Dimensionen erreichen. Die Situation solle sich weitaus gravierender entwickeln als während der Weltwirtschaftskrise vor 80 Jahren.
Vor knapp einem Jahr las sich das noch ganz anders: Damals wurde die Finanzkrise als „überschaubar“ abgetan, gelobt wurden stattdessen die phänomenalen Entwicklungen etwa der asiatischen Regio‑ nen und der Schwellenländer. Aber auch das Wort „Krise“ wurde seinerzeit gebraucht, wenngleich in ganz anderem Zusammenhang: Der wirtschaftliche Boom – so war in den Medien zu lesen – könne katastrophale Auswirkungen auf die Rohstoffversorgung haben. Das Rohöl werde immer knapper, die Getreidevorräte könnten die Bevölkerung nicht mehr hinreichend ernähren und zumindest bei Industriemetallen sei eine deutliche Verknappung zu erwarten. Die Folge dieses Hypes: Die Rohstoffpreise kletterten, oft sogar sprunghaft.
Inzwischen hat sich das Blatt jedoch gewendet: Anfangs war es lediglich eine technische Reaktion, die z.B. den Goldpreis um 10% absinken ließ und auch beim Rohöl zu einem Rückgang um zeitweise bis zu 20% führte. Als sich dann jedoch gleichzeitig die Finanzkrise zuspitzte und erste Stimmen vor einer Rezession warnten, brachen die Notierungen ein. Gegenüber seinen Höchstständen verlor z.B. der Goldpreis 30 %, Kupfer ging um 60 % zurück und selbst Altpapier – das vielerorts schon kostenlos zuhause abgeholt wird – büßte zeitweise mehr als 75 % seines Wertes ein. „Verlierer“ dieser Entwicklung waren insbesondere private Geldanleger, die vor Jahresfrist auf die in großer Zahl geschaffenen „neuartigen“ Anlagemöglichkeiten in Rohstoffen, etwa Zertifika-te, gesetzt hatten.
Wachstum in China
Nun stellt sich die Frage nach der möglichen weiteren Entwicklung. Ausgelöst wurde die damalige Rohstoffhausse durch das Zusammentreffen unterschiedlicher Faktoren. Den größten Einfluss hatte zweifellos die weltweit positive Konjunkturentwicklung, speziell aber der Wirtschaftsboom in China und Indien. In wenigen Jahren wurde China zum weltgrößten Verbraucher von Kohle, Eisenerz, Aluminium, Kupfer, Blei und Zink. Der wachsende Wohlstand der Bevölkerung führte aber auch zu einer größeren Nachfrage nach höherwertigen Lebensmitteln, weshalb die Lagerbestände an Weizen inzwischen auf den niedrigsten Stand der letzten 30 Jahre gesunken sind.
Regulierung im Westen
Unterstützt wurde der Nachfrageboom aber auch aus den westlichen Ländern, die etwa im Agrarbereich jede freie Marktwirtschaft durch strenge Regulierungsmaßnahmen unterbunden haben. Sorgten zunächst umstrittene Kontingentvorgaben und Flächenstilllegungsprogramme für Unmut unter Landwirten, so setzt man heute auf Bio-Energie: Ob Raps, Mais oder Getreide – der Anbau gilt als besonders erwünscht. Wenn es jedoch für den Landwirt rentabler wird, seinen Weizen an ein Heizkraftwerk statt an die Mühle zu liefern, gerät der gesamte Kreislauf durcheinander. Als ein „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ bezeichnete unlängst der indische Finanzminister das Verarbeiten knapper Nahrungsmittel zu Treibstoff. „Tanken statt Essen“ dürfe auch in Zeiten steigender Benzinpreise keine Alternative darstellen.
Zögerliche Erschließung
Der weltweit steigenden Nachfrage stand andererseits ein immer knapperes Angebot gegenüber: Die letzte Hausse der meisten Rohstoffe lag über 20 Jahre zurück, die Preise „dümpelten“ weitgehend vor sich hin. Entsprechend gering war der Ehrgeiz der Produzenten, neue Kapazitäten zu erschließen. Dies gilt insbesondere für Metalle, aber auch für Erdöl. Umfangreiche Ölquellen am Persischen Golf sind bislang immer noch nicht erschlossen worden. Da es jedoch vom Fund bis zum Beginn der Förderung bis zu zehn Jahre dauern kann, ist mit einer Entspannung in absehbarer Zeit nicht zu rechnen.
Eine weitere bedeutende Rolle spielten schließlich Geldanleger selbst. Bisher war es insbesondere privaten Anlegern kaum möglich, sich sinnvoll am Rohstoffmarkt zu engagieren. Mit den neuen Produkten wurde jedoch eine enorme künstliche Nachfrage geschaffen, die mit dem tatsächlichen Bedarf nicht in Einklang zu bringen war.
Auch wenn die Preise inzwischen eingebrochen sind, so sollten Geldanleger den Markt keineswegs vernachlässigen. Allerdings lohnt es sich gerade jetzt, eine Differenzierung vorzunehmen. Experten unterscheiden vorrangig vier „Rohstoffklassen“, in die Anleger investieren können:
- Edelmetalle, also Gold, Silber, Platin oder Palladium, gelten als die bekannteste Form der Rohstoff-Geldanlage. Die Nachfrage insbesondere aus Asien ist derzeit immer noch recht groß, daneben herrscht auch industrieller Bedarf. Eine konjunkturelle Abschwächung oder gar Rezession hat jedoch erfahrungsgemäß besonders fatale Folgen, da hier auch das Luxussegment eine Rolle spielt: Am Luxus kann besonders leicht gespart werden, sodass Edelmetalle derzeit bei der Geldanlage keine Priorität haben sollten.
- Bunt- oder Nichteisenmetalle, etwa Kupfer, Blei, Nickel oder Zink, sind zwar weltweit in ausreichendem Maß vorhanden. Die langfristig sicherlich weiterhin steigende Nachfrage aus den Regionen Asiens, verbunden mit einer geringen Erschließung neuer Vorkommen, macht das Investment jedoch – insbesondere angesichts der inzwischen stark gedrückten Preise – wieder attraktiver.
- Energierohstoffe, etwa Öl, Gas oder Kohle, waren angesichts der guten Konjunkturentwicklung gefragt wie noch nie. Allerdings wird derzeit kaum davon ausgegangen, dass die Nachfrage derart massiv einbricht, wie dies die aktuelle Preisentwicklung vermuten lassen könnte. Hier sind also zumindest unter langfristigen Aspekten erste Investments überlegenswert.
- Auch Agrarrohstoffe stehen im Konflikt zwischen steigender Nachfrage sowohl aus der Nahrungsmittel- wie auch der Energiebranche und dem schwindenden Wachstumspotenzial. Denn die Anbauflächen lassen sich nicht mehr beliebig erweitern, sodass die Zeit des Überflusses hier vorbei sein dürfte. Preissteigerungen sind also mittelfristig zu erwarten, selbst wenn damit erheblicher sozialer Brennstoff verbunden ist. Die Kluft zwischen Arm und Reich wird immer größer und die Regierungen sind gefordert, mit vorsichtigen Lenkungsmaßnahmen das Konfliktpotenzial in Grenzen zu halten. Langfristig ist jedoch von deutlich steigenden Preisen auszugehen.
In jedem Fall sollten Investments im Rohstoffsektor selektiv vorgenommen werden. Im Übrigen ist gerade hier keineswegs von kontinuierlichen Preissteigerungen auszugehen. Vielmehr kommt es – das haben die vergangenen Monate gezeigt – bei etlichen Produkten zu erheblichen Schwankungen, die sich künftig noch ausweiten könnten. Schon durch das Engagement eines größeren Fonds kann der Preis um bis zu 15 % variieren. Rohstoffe sind damit insbesondere für Langfrist-Investoren interessant, die ihr Vermögen diversifizieren möchten.
Aktueller Wirtschaftsdienst für Apotheker 2008; 33(24):15-15