Claudia Mittmeyer
?Welche sind aus Ihrer Sicht die größten Probleme, die der Gesundheitsfonds mit sich bringt?
Der Gesundheitsfonds behindert einen Wettbewerb zwischen den Krankenkassen. Er liegt wie eine Betondecke über dem System. Mit dem von der Regierung festgelegten Einheitsbeitrag und dem begrenzten Zusatzbeitrag können die Kassen ihre Einnahmen nur noch wenig an die Ausgabenentwicklung anpassen.
Das muss mittelfristig zwangsläufig zu Problemen führen, die auch die Apotheken zu spüren bekommen. Medizinische Innovationen und die Versorgung mit vielversprechenden neuen Medikamenten werden dadurch erschwert.
Hinzu kommt, dass der morbiditätsorientierte Risikostrukturausgleich falsche Anreize setzt. Das System belohnt die Einnahmemaximierung durch die Dokumentation von möglichst viel Krankheit. Beispielsweise haben die Kassen ein handfestes finanzielles Interesse daran, dass aus einem einfachen Sodbrennen die wesentlich lukrativere Refluxkrankheit wird. Dann steigen nämlich ihre jährlichen Einnahmen aus dem Fonds um 912 € pro Versicherten. Wir brauchen aber nicht einen Wettlauf um möglichst viele Krankheiten in den Patientenakten, sondern einen Wettbewerb um die beste medizinische Versorgung der Versicherten.
?Welche Wünsche haben Sie im Hinblick auf die bevorstehende Bundestagswahl an die Gesundheitspolitik der künftigen Bundesregierung?
Ich wünsche mir wieder mehr Visionen in der Gesundheitspolitik. Wir brauchen ein langfristiges Konzept, das über die nächste Legislaturperiode hinausgeht. Gleichzeitig brauchen wir jenseits von Fonds und morbiditätsorientiertem Risikostrukturausgleich ein System, das auf Wettbewerb ausgerichtet ist und weniger stark vom Staat reguliert wird. Nur so werden wir mit den Beitragseinnahmen die beste medizinische Versorgung bekommen.
?Welche Möglichkeiten einer engeren – und auch honorierten – Zusammenarbeit zwischen Krankenkassen und öffentlichen Apotheken sehen Sie für die Zukunft?
Grundsätzlich könnte ich mir gemeinsame Projekte vorstellen, die Einsparungen ermöglichen und die Versorgung unserer Versicherten optimieren. Auf der Kostenseite wäre das beispielsweise durch eine stärkere Unterstützung unserer Rabattverträge möglich. Die Versorgung könnten die Apotheken verbessern, indem sie etwa für bestimmte Patientengruppen wie Diabetiker spezielle Angebote einführen oder für alle Versicherten die Arzneimittelsicherheit fördern. Das könnte zum Beispiel eine intensivere Überprüfung der verwendeten und verschriebenen Arzneimittel sein.
Bei beiden Aspekten gilt allerdings: Für eine höhere Honorierung muss aufgrund des verbesserten Angebots ein zusätzlicher Nutzen nachweisbar sein. Dazu müssen die Ergebnisse transparent gemacht und mit validen Daten nachgewiesen werden. Wir sind offen für entsprechende Vorschläge und Ideen von Seiten der Apotheken.
Aktueller Wirtschaftsdienst für Apotheker 2009; 34(12):3-3