Anlagepsychologie

Die eigene Mentalität als Börsenindikator


Prof. Dr. Reinhard Herzog

Im Nachhinein ist man immer klüger: Geht es an der Börse aufwärts, wird über verpasste Chancen geklagt, brechen die Kurse ein, schiebt man den Verkauf viel zu lange hinaus. Wer jedoch seine Anlegermentalität richtig einschätzt, vermeidet manchen Fehler.

Die Börse ist längst nicht allein ein Wechselspiel von Angebot und Nachfrage. Auch die „Psychologie“ spielt eine wichtige Rolle. Typisches Beispiel ist die Fehleinschätzung von Gewinnen und Verlusten: Ist eine Aktie um 10% gestiegen, werden Gewinne aus Sorge um einen künftigen Kursverfall mitgenommen. Ist sie jedoch um 10% gefallen, hält man an dem Engagement fest mit der Begründung, dies sei nur ein kurzzeitiger Rückschlag, der bald wieder aufgeholt werde. In beiden Fällen wird nicht rational gehandelt: Gewinne möchte man sichern, sie keinen drohenden Verlusten aussetzen. Hingegen will man sich bei einem Kursrückgang nicht eingestehen, dass die Kaufentscheidung vielleicht doch falsch war.

Richtig wäre jedoch exakt das gegenteilige Verhalten: Ist eine Aktie bereits 10% gestiegen, bestehen – gerade in einer sich anbahnenden Hausse – realistische Chancen auf weitere Kurssteigerungen, die den ersten Gewinn möglicherweise deutlich übertreffen können. Anleger sollten also zunächst engagiert bleiben und über den Verkauf nur dann nachdenken, wenn die Aktie aufgrund der aktuellen Wirtschaftslage und/oder Unternehmenssituation uninteressant geworden ist oder aber das Geld benötigt wird.

Im Falle eines Kursrückgangs sollten Anleger hingegen sehr genau prüfen, ob sie weiter-hin engagiert bleiben wollen. Denn vielfach wird mit einem derartigen Kursrückgang der Beginn einer Baisse eingelei­tet. Die Prüfung sollte dabei sowohl dem Unternehmen selbst als auch dem allge­meinen Börsenumfeld gelten. Schon bei kleinsten Zweifeln ist der Verkauf die letztlich bessere Lösung. Viele Anle­‑ ger arbeiten dabei mit zwei Limits:

  • Bei einem Minus von 10% wird eine Aktie unter „strenge Beobachtung“ gestellt,
  • bei einem Minus von 15% oder 20% wird sie verkauft.

Professionelles Handeln

Im Übrigen lassen sich beide Kurstendenzen auch mitein­ander verknüpfen: Im Falle steigender Kurse wird das Verkaufslimit mit heraufgesetzt, bei fallendem Kurs jedoch festgeschrieben. Steigt also eine Aktie z.B. von 100 € auf 130 €, wird das mit 10% angesetzte Verkaufslimit von 90 € auf 117 € (130 € minus 10%) angehoben. Sollte nun die Aktie nachgeben und unter diese Marke rutschen, erfolgt der Verkauf. Damit beschränkt sich das Kursrisiko stets auf maximal 10% des höchsten Werts, gleichzeitig werden bestehende Kurs­chancen weiterhin genutzt.

Über den Dingen stehen

Darüber hinaus haben An­leger sehr unterschiedliche Mentalitäten: Die Palette reicht von „übervorsichtig“ bis „wag­halsig“. Wer allzu zurückhaltend agiert, wird Chancen nicht nutzen, um jedes Risiko zu vermeiden – mit der Folge einer sehr mäßigen Gesamtrendite. Wer allzu forsch spekuliert, ist jedoch auch nur selten erfolgreich. Denn einigen wirklich profitablen En­gagements stehen meist viele – und teure – Fehlschläge gegenüber.

Um tatsächlich erfolgreich zu sein, ist es jedoch erforderlich, seine eigene Mentalität zu erkennen und entsprechend zu handeln. Nur wer „über den Dingen steht“ hat an der Börse Chancen auf solide Gewinne.

Der Traditionalist setzt auf das Bekannte und Bewährte, auf Kontensparen, Bausparen und die klassische Lebensversicherung. Alle Arten von Risiko sind ihm suspekt, sodass sich Aktien und Optionen kaum in seinem Depot finden. Das Problem: Die Rendite seiner Anlage ist viel zu niedrig. Traditionalisten sollten bemüht sein, sich zumindest in kleinem Umfang am „Spiel um die Rendite“ zu beteiligen, am besten durch Beimischung der einen oder anderen in­dexorientierten Geldanlage oder auch Aktie. Dabei sollte der langfristige Charakter im Vordergrund stehen, denn ein ständiges Beobachten der Kurse hat lediglich übereilte Verkaufsentscheidungen zur Folge.

Der Disziplinierte agiert in Geldanlagefragen ähnlich zurückhaltend. Allerdings ist er offen für Modellrechnungen zur Wirtschaftlichkeit einer Investition. Er will in klaren Zahlen wissen, was ihn erwartet. Sein Depot besteht aus langfristigen Sparverträgen in unterschiedlichen Varianten, bei denen er auf Euro und Cent genau die Erträge kennt. Aktien wird man auch hier vergeblich suchen. Auch für ihn gilt: Etwas mehr Risikofreude könnte die Depotrendite deutlich aufbessern. Und dabei dürften langfristige Statistiken wie etwa die Muster-Renditerechnungen des Deutschen Aktieninstituts durchaus hilfreich sein.

Der Harmonisierer geht mit großer Zurückhaltung durchs Leben: nicht auffallen, kein Luxus, keine teuren Reisen. Stattdessen erfreut er sich an den kleinen Dingen, etwa dem eigenen Garten. Von Geldanlage will er jedoch nichts wissen. Er kauft, was ihm emp­fohlen wird. Hauptsache sicher – so seine Devise. Gerade dieser Anlegertyp sollte sich jedoch im Interesse der Depotrendite etwas mehr mit Fra-gen der Geldanlage ausein­andersetzen. Hilfreich sind entsprechende Fachbücher und -magazine, mit denen er sich selbst in die Materie einarbeiten kann.

Der Performer ist ein Fan von Statussymbolen. Ein hochwertiger Wagen, eine exklusive Uhr und der teure Urlaub sind Selbstverständlichkeiten. Und das gilt auch für sein Depot: Er kauft alles, was Erfolg und Ansehen verspricht. Beim Aktienboom in China war er selbstverständlich von Anfang an dabei, auch in der jüngsten Baisse hat er – zumindest seinen Aussagen nach – hohe Gewinne erzielt. Doch die Wirklichkeit sieht oft anders aus. Das Depot wirkt wie wild zusammengewürfelt: Fonds, Aktien, Optionsscheine finden sich in bunter Mischung. Zwar bringt das eine oder andere Produkt durchaus Gewinne – und Gesprächsthemen bei der nächsten Party. Per saldo wird er jedoch meist verlieren. Denn „vergessene“ Geldanlagen haben die fatale Neigung, hohe Verluste zu bescheren. Ziel dieses Anlegertyps sollte es sein, mehr Struktur in sein Depot zu bringen.

Der Unbekümmerte liebt es, zu shoppen und zu feiern. Geldanlage muss für ihn zwar sein, aber nur, um den teuren Lebenswandel zu finanzieren. Von langfristigen Produkten hält er wenig, stattdessen spielen kurzfristige, wenn auch oftmals spekulative Geldanlagen die wichtigste Rolle in seinem Depot. Kleines Problem dabei: Er versteht die Produkte nicht, die er kauft. Und so wird sein Investment mit schöner Regelmäßigkeit zum Verlustgeschäft. Ziel des „Unbekümmerten“ sollte mehr Selbstdisziplin bei der Anlage sein, etwa in Form eines langfristigen Aktiensparplans. Auch das Sammeln von Erfahrungen lohnt sich.

Der Abenteurer wird im Leben nur glücklich, wenn es ihm Herausforderungen bietet – Gleitschirmfliegen, Poloturniere und Reisen in exotische Länder sind sein Ding. Das gilt auch an der Börse: Ein Papier kann nicht spekulativ genug sein, damit er es nicht kauft. Entsprechend erzielt er zeitweise oft satte Renditen. Doch er kümmert sich oft nicht um das einmal Erworbene, die Gewinne schmelzen schnell wieder dahin. Wichtig wäre es für ihn, sein Depot im Blick zu behalten und nicht jeder Gewinnchance nachzulaufen.

Anlegen mit Disziplin

Schon Börsen-Altmeister André Kostolany hat gesagt: „Es ist besser, eine Stunde über Geld nachzudenken als für Geld zu arbeiten“ – und diese Regel gilt für alle Typen von Inves­toren. Die – teilweise bewusst überzeichneten – Beispiele zeigen, dass letztlich jeder mit etwas Disziplin zum erfolgreichen Geldanleger werden kann, sei es durch Erweiterung der Produktpalette beim Traditionalisten oder durch gezielte Zurückhaltung beim Abenteurer.

Aktueller Wirtschaftsdienst für Apotheker 2009; 34(17):13-13