Prof. Dr. Reinhard Herzog
Vor Jahresfrist war die Stimmung unter den Börsianern alles andere als optimistisch. Finanz- und Wirtschaftskrise, Schieflagen bei Banken und Unternehmen und nicht zuletzt die ausufernde Staatsverschuldung ließen Befürchtungen keimen, dass nur noch radikale Maßnahmen zu einer Trendwende führen könnten. Selbst das Schlagwort „Währungsreform“ war bereits in manchen Kommentaren zu lesen.
Die Aktienmärkte reagierten darauf keineswegs überraschend: Bereits in den ersten Januarwochen verlor der DAX, der mit 5.000 Punkten in das Jahr 2009 gestartet war, weitere 15%, um dann sogar auf unter 4.000 Punkte abzutauchen. Anfang März stand das Frankfurter Börsenbarometer gerade einmal bei 3.666 Punkten, der Gleitende 200-Tage-Durchschnitt war in weite Ferne gerückt. Die Prognosen lasen sich entsprechend: Der DAX werde bis zum Sommer unter die 3.000er-Marke fallen, manche Baisse-Gurus setzten als Zielmarken sogar die Tiefststände vom Frühjahr 2003 an, bei denen der DAX nur noch rund 2.200 Punkte wert war.
Wer die Märkte jedoch genau beobachtete, konnte eines erkennen: Der Rückgang im Februar war von vergleichsweise hohen Umsätzen begleitet – ein sicheres Indiz dafür, dass viele Anleger jetzt quasi „um jeden Preis“ verkauften. Die Erfahrung zeigt, dass zum Ende einer solchen Entwicklung meist eine Gegenbewegung zu erwarten ist.
Positive Impulse
Und so kam es auch im März 2009: Der Verkaufsdruck nahm ab, gleichzeitig sorgte die extrem hohe Liquidität für ein zunehmendes Interesse an Aktien. Schon Anfang Juni meldete die Deutsche Börse einen DAX-Stand von mehr als 5.000 Punkten. Keineswegs überraschend kam dann auch die kurzzeitige Schwäche, doch wenige Wochen später wurde diese psychologisch wichtige Marke nachhaltig überschritten. Denn jetzt sorgten auch erste positive Meldungen aus der Wirtschaft für mehr Zuversicht unter den Börsianern. Begünstigt wurde die Entwicklung durch die anhaltend solide Binnennachfrage und die gegenüber dem Vorjahr deut-lich gesunkenen Benzin- und Heizölpreise. Nicht zuletzt lieferte auch die Bundestagswahl entsprechende Impulse, erhoffte man sich doch, dass die schwarz-gelbe Regierung die Wirtschaftskrise vergleichsweise schnell abschließen werde.
Per saldo können Anleger also mit 2009 durchaus zufrieden sein, selbst wenn die Jahresperformance mit einem Plus von rund 20% die Schwankungsbreite nur unzulänglich zum Ausdruck bringt. Ohnehin waren die Unterschiede zwischen den einzelnen Branchen beträchtlich:
- Zu den absoluten Favoriten zählten die Technologiewerte. Der TecDAX erreichte ein Plus von über 64%. Anleger, die auf Halbleiter gesetzt hatten, können sich sogar über mehr als 400% Gewinn freuen.
- Auf der Verliererseite finden sich hingegen insbesondere traditionelle Branchen wie etwa die Automobilsparte oder der Transport- und Logistik-Sektor sowie Hypothekenbanken.
Die internationalen Aktienmärkte verzeichneten eine weitgehend ähnliche Entwicklung: Die ersten beiden Monate des Jahres 2009 waren noch extrem schwach, bevor es dann zu einer nachhaltigen Erholung kam. Fast schon einheitlich rangieren die beiden wichtigsten Börsenplätze nebeneinander: Der Dow Jones-Index brachte es auf einen Zuwachs von rund 24%, beim Nikkei-Index sind es nur 3%-Punkte weniger. Für deutsche Anleger waren dennoch japanische Aktien die bessere Wahl, lag der Rückgang des Yen gegenüber dem Euro doch deutlich unter den Kursverlusten, die der US-Dollar zu verbuchen hatte.
Spitzenreiter unter den internationalen Börsen waren insbesondere die asiatischen und osteuropäischen Märkte: Die Börse in Shanghai legte immerhin 73% zu, Russland brachte es sogar auf 124%. Unter den westeuropäischen Börsen sorgte Wien für Schlagzeilen: Hatte der Markt zunächst besonders unter der Wirtschaftskrise gelitten, mehrten sich bald zuversichtliche Stimmen, die den Osteuropa-Engagements österreichischer Banken wieder mehr Potenzial zusprachen. Per saldo lag der ATX zum Jahreswechsel rund 42% im Plus. Gut lief es aber auch in Norwegen, Schweden und Frankreich. Schonkost war indes in der Schweiz und Großbritannien angesagt.
Charttechnisches Potenzial
Die Kernfrage gilt jetzt der weiteren Entwicklung. Zumindest die Charttechniker, die auf eine grafische Auswertung des bisherigen Kursverlaufs setzen, geben grünes Licht: Auch nach den zwischenzeitlichen Unsicherheiten befindet sich der DAX ganz klar in einem Aufwärtstrendkanal, zudem hat der Gleitende 200-Tage-Durchschnitt nachhaltig nach oben gedreht. Risiken bestehen nach dieser Analysemethode allenfalls dann, wenn der Index in absehbarer Zeit die zwischen 5.300 und 5.000 Punkten verlaufenden Widerstandslinien nach unten schneiden sollte. Temporäre Kursschwächen werden indes nur als Zeichen dafür angesehen, dass die neue Hausse weiterhin intakt ist.
Aber auch die Fundamentalanalyse, bei der Unternehmen unter anderem nach der Entwicklung wichtiger Kennzahlen wie etwa des Gewinns bewertet werden, liefert eher optimistische Signale. Schließlich verzeichnen viele Firmen bereits wieder deutlich steigende Gewinne, die längst nicht immer auf bilanztechnischen Tricks beruhen. Im Übrigen sind auch die Dividendenausschüttungen mittlerweile so attraktiv, dass viele Anleger der Aktie den Vorzug gegenüber festverzinslichen Wertpapieren geben. Zudem ist gerade der deutsche Kapitalmarkt derzeit so liquide wie schon seit Langem nicht mehr. Liquidität gilt – so eine alte Börsenregel – als „wichtigster Treibstoff der Börse“.
Allerdings gibt es auch manche Skeptiker, die den jüngsten Kursaufschwung eher als Strohfeuer betrachten. Gerade die Pleiten verschiedener amerikanischer Regionalbanken, aber auch die neuerlichen Millionenverluste einiger deutscher Finanzdienstleister lassen Befürchtungen aufkommen, die Bankenkrise könnte sich auch 2010 noch weiter fortsetzen. Zudem bietet die bevorstehende Bilanzsaison manchen Zündstoff: Werden die hochgesteckten Erwartungen von den Unternehmen nicht erfüllt oder skeptische Prognosen für die weitere Entwicklung abgegeben, könnte die Börse mit Enttäuschung reagieren. Belastungen bringt aber auch der schwache US-Dollar, sorgt er doch bei exportorientierten Werten für eine schwächere Marktposition. Nicht zuletzt stellen sich viele Finanzexperten die Frage, wie die Märkte reagieren, wenn die Bundesregierung die bisher großzügig ausgereichten Stützungsmittel mittel- bis langfristig wieder zurückfordert. Steigende Zinsen könnten dann zur Belastungsprobe werden.
Selektiv investieren
Vor diesem Hintergrund sollten sich Anleger zwar keinesfalls vom Aktienmarkt zurückziehen, aber zunehmend selektiv investieren. Unternehmen, die sich auch in der Krise gut behaupten konnten, über eine solide Produktpalette und interessante Zukunftsperspektiven verfügen, dürften sich auch 2010 überdurchschnittlich entwickeln. Drohen jedoch z.B. bilanztechnische Risiken oder gar eine finanzielle Schieflage, kann die bisherige Euphorie schnell in Pessimismus umschlagen. Dies gilt insbesondere für Firmen aus der zweiten Reihe, deren Aktien jetzt oft von einer – bisher noch – hohen Dividendenrendite profitiert haben. Für den Gesamtmarkt sind jedoch die Zeichen zumindest mittel- bis langfristig weiterhin günstig, sodass sich z.B. indexorientierte Anlagen auf Sicht von fünf bis zehn Jahren durchaus in Form hoher Gewinne rechnen sollten.
Aktueller Wirtschaftsdienst für Apotheker 2010; 35(03):13-13