Ursachen finanzieller Schieflagen

„Sünden“ im Privatbereich


Prof. Dr. Reinhard Herzog

Betrachtet man die finanziellen Schieflagen etlicher Apotheker, dann finden sich die Ursachen oft nicht in der Apotheke selbst, sondern im privaten Bereich. Die gefährlichsten Fallen sollen im Folgenden skizziert und ihre Umgehung ausdrücklich empfohlen werden.

Während Schwach­stellen im Betrieb meist recht schnell zutage treten, gilt im privaten Bereich das „Eisberg-Prinzip“: Das meiste befindet sich unter der Wasseroberfläche... Erst nach und nach werden die dort verborgenen Probleme sichtbar und manchmal ist es dann schon zu spät, die Überschuldung ist so weit voran­geschritten, dass harte Schnitte unvermeidlich werden. Gerade hier sind viele Schwierigkeiten jedoch mit etwas Vernunft vermeidbar.

„Über die Verhältnisse leben“

Der Klassiker: stets mehr ausgeben als einnehmen. Es wird auf großem Fuß gelebt, auch weil der Unternehmer oft gar nicht so recht weiß, wie hoch sein privat verbrauchba­res Nettoeinkommen nach Ab­zug aller Verbindlichkeiten, Steuern und Verpflichtungen wirklich ist – und ihm das erstaunlicherweise auch keiner sagt.

Kommt dann noch die Wachstumsillusion hinzu (jedes Jahr verdienen wir mehr...), ist der Boden geebnet für überteuerte Investitionen in das zu große Eigenheim, in weitere Autos, ein Boot, das Pferd für die Tochter etc. Hier beginnen sich bizarre Spiralen zu drehen: Das große Haus verlangt nach Putzfrau und Gärtner. Für das Pferd benötigt man einen Stall, für das Boot einen kostenpflichtigen Liegeplatz. Das mag jetzt für den soliden Kleinstadt-Apotheker überzogen klingen – es gibt jedoch genügend Beispiele hierfür.

Das böse Erwachen kommt, wenn eines Tages die Banken nicht mehr mitspielen und „Bilanz“ gezogen wird: Wie hoch ist der Wert des Eigenheims tatsächlich, welches als Sicherheit dient? Dass Konsumgüter und Autos einem großen Wertverlust unterliegen, ist bekannt. Leider erzielen selbst viele „sichere“ Immobilien bei Weitem nicht mehr ihren Anschaffungswert, insbesondere, falls zu großspurig und an den lokalen Marktgegebenheiten vorbei gebaut wurde. Ein „Traumhaus“ im hintersten Bayerischen Wald wartet oft vergebens auf einen entsprechend solventen Käufer, und wenn sich doch jemand findet, dann sind die Abschläge empfindlich hoch.

Ganz böse kann es enden, wenn noch verworrene steuerliche Konstruktionen versuchen, bedeutende Teile des schönen Lebens in den Betriebsbereich zu verlagern. Eine scharfe Betriebsprüfung läutet dann schnell den Anfang vom Ende ein.

Gegenmittel gegen die „Großspur-Krankheit“: Bescheidenheit, Definition des eigenen Persönlichkeitswertes und Ansehens nicht vorrangig über materielle Dinge, „Neinsagen“ zu den täglichen Verlockungen. Heilungschance: je nach Persönlichkeitsstruktur durchaus hoch.

Private Probleme

Zu den Klassikern der Finanzprobleme zählen regelmäßig auch private Eskapaden. Das Techtelmechtel im Betrieb, das sich zur Ehekrise und womöglich Scheidung auswächst, massive Persönlichkeitsbeeinträchtigungen infolge von Krankheit oder Sucht bis hin zu „teuren Kindern“, denen man nur das Beste angedeihen lässt und die sich gerne an das Berufsbild Tochter/Sohn gewöhnen – das Spektrum der negativen Abweichungen ist groß. Oft komplettieren hier einzelne Mosaiksteinchen ein desaströses Gesamtbild hinter einer scheinbar makello­sen Fassade.

Bedenken Sie, dass schon recht kleine private Unbedachtheiten sich zu einer fi­nanziellen Lawine auswachsen können. Eine Scheidung, vielleicht schon die zweite, womöglich gar einen „Rosenkrieg“ muss man sich leisten können, so barsch das klingt. Wüssten viele im Vorhinein von den jahrelang nachwirkenden Konsequenzen, würden sie sich das eine oder andere noch einmal überlegen, zumal die Auslöser solcher Krisen im Nachhinein betrachtet oft nichtiger Natur sind.

Gegenmittel: ein klarer Kopf. Heilungschance: bei Dominanz des Verstands über kurzfristige Gefühle hoch; in der Praxis aber viele hoffnungslose Fälle.

Das große (Finanz-)Rad drehen

10% Rendite und mehr je­‑ des Jahr garantiert, geschlossene Im­mobilienfonds mit „bom­bensicheren Gewinnen“, Wachstumsmarkt Containerschiffe, und immer wieder die leidige Steuer, die so manch Finanzabenteuer erst richtig katalysiert: Wer möchte das nicht, das Geld arbeiten lassen, statt jahrein, jahraus selbst täglich „in der Bütt“ zu stehen? Nicht wenige Kollegen haben richtig draufge-zahlt bei ihren Abenteuern in der Finanzwelt. Soweit möglich, wird darüber geschwiegen – solange es mit Geld geschehen ist, welches tatsächlich „übrig“ war, kein Problem. Schwierig wird es, wenn das Geld an anderer Stelle fehlt bzw. als Soll in Form irgendwelcher Kredite auftaucht.

Ganz übel kann es werden, falls noch ein steuerliches Nachspiel droht. Nicht wenige „Finanzinnovationen“, aber auch unternehmerische Beteiligungen (wie z.B. die meisten geschlossenen Fonds) halten da manche Überraschungen auf Lager.

Bedenken Sie daher bitte immer eines: Besitz belastet – und verpflichtet. Das gilt umso mehr, wenn Sie in konkrete Beteiligungsmodelle (ge­schlos­se­ne Fonds) einsteigen, aber selbst eine Aktienanlage macht Sie zum Mitinhaber, eine Industrieanleihe zum Gläubiger dieses Unternehmens. Bei einem Publikumsfonds sind Sie quasi anonymer Investor unter tausend anderen, wissen also so gut wie gar nichts.

Wenn Sie sich nicht um Ihren Besitz kümmern können oder wollen, dann lassen Sie die Finger von solchen Konstruktionen. Investieren Sie lieber in sich selbst, gönnen Sie sich etwas, machen Sie noch eine weitere Ausbildung, die Ihre Fähigkeiten stärkt, und legen Sie das überschüssige Geld ganz langweilig auf die „Sparkasse“. Das ist sicher nicht die ertragreichste Variante, wohl aber die sicherste und entspannendste. Doch allzu verlockend sind die Sprüche: „Lehnen Sie sich zurück“, „Lassen Sie Profis für sich arbeiten“ usw., natürlich immer auf der Rendite-Überholspur. Das kann in der Breite nicht funktionieren, höchstens in Ein­zelfällen, und das ist dann schlicht Glück. Zurücklehnen können sich hingegen dieje­nigen, denen Sie Ihr Geld gegeben haben, denn die verdienen in jedem Fall daran. Und wenn’s schiefgeht, ist das Geld ja nicht weg – es hat nur jemand anders ...

Gegenmittel gegen die „Renditemärchen-Krankheit“: der gesunde Menschenverstand. Wenn seriöse Schuldner wie Staaten, Großunternehmen usw. Geld für 4% leihen können und man Ihnen das Doppelte und Dreifache „sicher“ in Aussicht stellt, dann sollten Sie dies kritisch hinterfragen. Rendite und Risiko gehen nun einmal Hand in Hand. Heilungschance: bei Besiegung des „Gier-frisst-Hirn-Faktors“ ausgesprochen hoch; aber auch hier einige hoffnungslose Fälle, die erst nach weitgehendem Vermögensver­lust (zwangsweise) genesen.

Mangelhaft synchronisierte „Lebensuhr“

Leider ist Altern nun einmal ein unumstößliches Lebensgesetz. Mit dem Fortschreiten der Zeit verengen sich die Perspektiven, es kann nicht mehr auf Jahrzehnte hinaus geplant werden, Amortisationsfristen verkürzen sich und die eigene Gesundheit droht verstärkt da­zwischenzufunken.

Vor diesem Hintergrund staunt man nur, welche Bürden und Risiken sich selbst gut situierte Kollegen im vorgerückten Alter aufladen – und damit ihr ge­samtes Lebenswerk gefährden. Es ist gar nicht primär die Gier, sondern eine Mischung aus Angst („Wenn ich es nicht tue, macht es jemand anders“), wirtschaftlicher Unbedarftheit („Bisher ging es immer gut“) und auch manchmal Selbst­überschätzung, die dazu verleitet, noch einmal Abenteuer, z.B. im „Filialen-Märchenland“, zu erleben. Auch wenn es gut gehen kann – das Chance-Risiko-Verhältnis stimmt nicht.

Umgekehrt sind viele Jüngere eher zu defensiv. Worauf noch lange warten? So viel zusätzliche Erfahrung bringen einige Angestelltenjahre in aller Regel auch nicht mehr, wenn man einmal erkannt hat, „wie der Hase läuft“. Viele Dinge erschließen sich sowieso erst aus der Unternehmer­perspek­tive, das kann kein Job vermitteln. Und in jungen Jahren lässt sich auch ein Fehlgriff noch leichter wieder heilen.

Verknüpfung mit dem Betrieb

Überbordende Privatschulden können schnell wie ein Flächenbrand wirken, der auf den Betrieb übergreift und selbst eine gesunde Apotheke in den Abgrund zieht. Spätestens, wenn hinter den Schulden keine ausreichende Sub­stanz mehr steht, wird es kritisch und der Betrieb gerät als möglicher veräußerbarer Wert in den Fokus. Bei sich häufen­den Schwierigkeiten wie geplatzten Abbuchungen kommt dann das gesamte Gebäude ins Wanken, welches oft nur noch auf Lügen, Verschleierung und Wegschauen aufgebaut ist. Die Verschuldung findet sich an allen Ecken, bei mehreren Banken, beim Großhandel, der bisweilen als Ersatz-Hausbank fungiert, bei der Autobank, bei sonstigen Lieferanten. Es ist bereits ein Kraftakt, alle Verbindlichkei­ten auf den Tisch zu legen.

In solchen Situationen ist es mit dem Verkauf eines Autos, der Zweitwohnung oder gar des Eigenheims oft nicht mehr getan. Kostensenkungen im Betrieb stoßen rasch an Grenzen und Ihre eigene Leistungsfähigkeit auch: Ernste Gesundheitsprobleme drohen, der Super-GAU in dieser Lage. Als Nächstes wird dann der Vorschlag im Raum stehen, die Apotheke zu „verwerten“. Schlimms­tenfalls verlieren Sie Ihren Betrieb und stehen als Angestellter in der ehemals eigenen Apotheke oder bei einem Kollegen um die Ecke. Solche Fälle sind aktenkundig!

Wann wird es ernst?

Was tun? Achten Sie laufend und ehrlich auf die Kennzeichen der Überschuldung. Ausgehend vom EBITDA Ihres Betriebs (= Cashflow vor Zinsen), sollte die Gesamtverschuldung das Drei- bis al­len­falls Vierfache nicht übersteigen, es sei denn, Sie haben noch sonstiges Vermögen im Hintergrund bzw. stabile zusätzliche Familieneinkommen. Oder grob am Umsatz orientiert: Übersteigt die Verschuldung einmal 40% bis 50% des Nettoumsatzes, sollten die Warnlampen angehen. In jüngeren Jahren und mit einer guten Wachstumsperspektive im Rücken kann auch das glattgehen, bei festgefahreneren Verhältnissen aber eben nicht mehr. In jedem Fall sollten Sie den finanziellen „Schongang“ einlegen und ggf. professionellen Beistand suchen.

Verheimlichen Sie jetzt nichts und begeben Sie sich nicht in die verhängnisvolle Spirale, Löcher zu stopfen, indem Sie an anderer Stelle noch größe- re Löcher neu aufreißen. Auch wenn Ihnen anfangs hilfreiche Partner zur Seite stehen („Mit der soliden Apotheke ist das doch alles kein Problem“), so denken diese doch meist an den eigenen Geldbeutel. Spätestens, wenn es kriselt, werden Sie sehen, wie diese einstigen Partner plötzlich nur noch versuchen, ihre Ansprüche zu sichern, und bei den ersten Regentropfen ihre Regenschirme zurückfordern, die sie bei Sonnenschein so großzügig ausgeteilt haben. Selbst jahrelange Stammkundschaft hilft da oft nichts, Sie sind plötzlich lästig, ein „schlechtes Risiko“ und fallen durch diverse EDV-Raster. So weit darf es nicht kommen.

Fazit: Private „Sünden“ im Aus­gabeverhalten bekommen bei Betriebsberatungen meist nicht die nötige Aufmerksamkeit. Da oft sehr persönliche Dinge betroffen sind, möchte sich der Unternehmer hier nicht offenbaren und rechtfertigen. Das ist zwar verständlich, doch führt falsche Scham oft zu unumkehrbaren Abwärtsspiralen, in die dann unweigerlich der Betrieb hineingerät – und schließlich auch noch das Privatleben. Es kann daher nur empfohlen werden, bei Schwierigkeiten die Karten vollständig auf den Tisch zu legen, denn das bietet die beste Chance auf Sanierung und ein Davonkommen mit einem „blauen Auge“.

Dr. Reinhard Herzog,
Apotheker, 72076 Tübingen,
E-Mail: Heilpharm.andmore@t-online.de

Aktueller Wirtschaftsdienst für Apotheker 2010; 35(03):5-5