Prof. Dr. Reinhard Herzog
Zertifikate haben eine vergleichsweise junge Geschichte. Mitte der 1990er-Jahre wurden die ersten Papiere auf den Markt gebracht, für die sich anfangs allerdings nur wenige Anleger begeistern konnten. Der Boom begann nach dem Börsenkrach im Jahr 2003. Wie Pilze schossen neue Produkte aus dem Boden und zu Spitzenzeiten wurden bis zu 400.000 verschiedene Papiere an den Börsen notiert. Zwei Gründe waren ausschlaggebend für den Erfolg: Zum einen wurden Zertifikate von der Finanzwirtschaft beworben wie kaum ein anderes Anlageprodukt, zum anderen brachten viele Papiere den Anlegern auch echte Pluspunkte, etwa in Form einer besonders kostengünstigen Indexanlage.
Wenig Transparenz
Der große Vorteil der Flexibilität von Zertifikaten ist allerdings gleichzeitig ihr größtes Problem: Da die Emittenten Zertifikate ganz nach ihren persönlichen Vorstellungen konstruieren und mit weitgehend willkürlichen Namen versehen können, hat der Zertifikatemarkt schnell an Transparenz verloren. So beschränkt sich das Kursrisiko bei manchen Papieren nicht allein auf die Entwicklung des Basiswerts bzw. der Basiswerte, sondern ist an das Einhalten gewisser Vorgaben gebunden. Werden bestimmte Kursmarken über- bzw. unterschritten, kann das Papier möglicherweise ersatzlos verfallen. Wieder andere Produkte reagieren stärker als der Basiswert – und das sowohl bei posi- tiver als auch bei negativer Kursentwicklung. Überdies trägt die Namensvielfalt kaum zur Transparenz bei. Unter „Multi Nimm 10“ oder „Easy Relax“ kann sich ein unbedarfter Anleger ebenso wenig vorstellen wie unter einem „Korridor Bonus“- oder einem „Swing High“-Papier.
Bonität von Bedeutung
Einen massiven Rückschlag erlebte der Markt im Herbst 2008, als mit Lehman Brothers erstmals einer der „Großen“ der Branche der Zertifikat-Emittenten das Handtuch werfen musste. Denn jetzt wurde auch dem Laien deutlich, dass nicht allein die Zertifikate als solche Chancen und Risiken vereinen, sondern auch die Bonität des Emittenten eine Rolle spielt.
Allerdings sind Zertifikate keineswegs gänzlich uninteressant. Um aber erfolgreich zu sein, muss sich der Anleger genau mit den Papieren befassen. Ausgangsbasis ist dabei in erste Linie das konkrete Anlageziel und eine gewisse Markterwartung. Anlageziele können beispielsweise eine weitgehend sichere feste Rendite sein, aber auch die Depot-Diversifizierung nach Ländern oder Regionen. Setzt sich z.B. die bisherige Geldanlage vor allem aus deutschen Rentenwerten sowie deutschen Aktien zusammen, lässt sich mit dem Kauf von Zertifikaten etwa auf den amerikanischen, den asiatischen und den japanischen Aktienmarkt relativ einfach eine weltweite Streuung erreichen.
Hinsichtlich der Markterwartung ist zunächst zu klären, ob die Kurse nach eigener Einschätzung eher stark steigen, moderat steigen, stagnieren oder mehr oder minder deutlich fallen werden. Entsprechend gilt es, passende Werte zu wählen. Kauft der Anleger ein Indexzertifikat etwa auf den Deutschen Aktienindex DAX, ist er an jeder Kursentwicklung des deutschen Börsenbarometers beteiligt. Die meisten Zertifikate sehen dabei ein Bezugsverhältnis von 1:100 vor, d.h., bei einem Indexstand von 5.500 Punkten kostet das Zertifikat 55 €. Klettert der DAX nun auf 6.000 Punkte, steigt auch der Preis des Zertifikats auf 60 €. Bei einem DAX-Rückschlag auf 5.000 Punkte kostet das Zertifikat 50 €. Experten sprechen bei dieser Wechselwirkung von einem symmetrischen Chance-Risiko-Profil.
Mindestens ebenso interessant sind jedoch nach wie vor die Discountzertifikate. Hier beteiligt sich der Anleger – wie bei einem Indexpapier – an der Kursentwicklung einer Aktie oder eines Index. Im Gegensatz zu Indexzertifikaten ist jedoch eine Höchstgrenze festgelegt (= Cap), ab der die Beteiligung „eingefroren“ wird. Als Ausgleich für die begrenzten Chancen werden die Papiere mit einem gewissen Abschlag, dem Discount, ausgegeben. Und damit bietet ein Discountzertifikat in den meisten Börsenphasen interessante Vorteile:
- Bei schwacher Börse wird zwar auch der Preis des Zertifikats nachgeben, allerdings besteht dank des Discounts ein erheblicher Risikopuffer.
- Bei konstanter Börse profitiert der Anleger – im Gegensatz zum Besitzer der Aktien – vom Discount.
- Bei steigender Börse erzielt der Anleger dank des Discounts im Regelfall einen höheren Ertrag als der Direktanleger.
- Lediglich bei stark steigenden Kursen ist der Zertifikate-Käufer durch die integrierte Höchstgrenze gegenüber dem Direktanleger im Nachteil.
Im Gegensatz zu Discountzertifikaten sehen Bonuszertifikate zwei wichtige Eck- werte vor: die mehr oder minder deutlich unter dem aktuellen Börsenkurs angesiedelte Kursschwelle – auch als Sicherheitslevel oder Barriere bezeichnet – und die deutlich höher angesetzte Bonusschwelle.
Nun sind drei Kursentwicklungen möglich. Wenn die Notierung des Basiswerts zum Ende der Laufzeit über der Bonusschwelle liegt, partizipiert der Anleger in vollem Umfang vom Kursanstieg, d.h., er steht genauso gut da wie im Fall eines Direktinvestments. Liegt der Kurs jedoch zwischen Bonusschwelle und Kursschwelle, wird der in der Bonusschwelle festgelegte Betrag ausgezahlt. Dies gilt allerdings nur dann, wenn der Börsenkurs des Basiswertes während der Laufzeit niemals unter die untere Kursschwelle abrutscht. Ist dies der Fall oder notiert der Basiswert bei Fälligkeit unter der Kursschwelle, entwickelt sich das Zertifikat analog zum Kurs des Basiswerts.
Chancen mit Bonus
Ein Bonuszertifikat ist also immer dann interessant, wenn der Anleger mit einem Kurs-anstieg oder einer Stagnation rechnet. Je weiter dabei die Kursschwelle unter dem aktuellen Börsenkurs liegt, umso risikoärmer ist das Papier –schließlich ist es dann wenig wahrscheinlich, dass der Kurs bis zur Fälligkeit massiv zurückfällt. Und selbst wenn dieser Fall eintritt, ist der Anleger grundsätzlich nicht schlechter gestellt als bei einem Direktinvestment in die Aktie.
Wer ganz auf Nummer sicher gehen will, findet in Garantiezertifikaten eine interessante Anlagemöglichkeit. Bei diesen Papieren ist die Rückzahlung eines festgelegten Betrags vom Emittenten garantiert, allerdings kann es während der Laufzeit durchaus zu beachtlichen Schwankungen kommen. Gleichzeitig partizipiert der Anleger in festgelegtem Umfang von der Kursentwicklung einer bzw. mehrerer Aktien oder eines Index. Der Vorteil liegt darin, dass zum Ende der Laufzeit der Mindest-Rückzahlungskurs festgeschrieben ist. Die Partizipationsrate ist oftmals attraktiv, bei manchen Zertifikaten auch noch mit einer Zinszahlung gekoppelt. Allerdings kostet die Sicherheit einen vergleichsweise hohen Preis.
Neben diesen „Basiskonstruktionen“ werden an der Börse noch zahlreiche weitere Papiere gehandelt. Hier sind etwa die Basketzertifikate zu nennen, die in einen bestimmten Korb von Aktien etwa aus einer Branche investieren. Offeriert werden daneben Papiere, mit denen der Anleger auf fallende Kurse spekulieren kann. Einsteigen sollten Sie allerdings nur dann, wenn Sie zum einen die Konstruktion verstehen und bewerten können und zum anderen entsprechende Marktchancen bestehen. Unklare Papiere mit vielen „Wenn“ und „Aber“ sollten hingegen gemieden werden, ebenso Zertifikate mit überhöhten Handelsspannen, die letztlich am Ertrag zehren.
Aktueller Wirtschaftsdienst für Apotheker 2010; 35(05):13-13