Prof. Dr. Uwe May
Das Marktforschungsinstitut IMS HEALTH hat in diesen Tagen die Daten zur Entwicklung des Arzneimittelmarkts in Deutschland für das Gesamtjahr 2009 vorgelegt. Die Umsatzdaten beziehen sich auf Endverbraucherpreise und beruhen ebenso wie die Mengenangaben auf Apothekenabverkäufen.
Der Markt rezeptpflichtiger Präparate erreichte im Berichtszeitraum ein Umsatzvolumen von 32,314 Mrd. € und lag damit über dem Wert des Jahres 2008 (+ 2%). Die Zahl der abgegebenen Packungen rezeptpflichtiger Arzneimittel lag mit 693,8 Millionen Einheiten (– 1%) knapp unter dem Vorjahresniveau.
GKV-Markt: Geprägt von Spezialpräparaten und Rabattverträgen
Die Ausgabenberechnungen der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) zeigen für Arzneimittel und Impfstoffe im Jahr 2009 einen Zuwachs von 4,4% auf 30,9 Mrd. €. Dabei betrugen die reinen Arzneimittelausgaben ohne Impfstoffe 29,7 Mrd. €. Hier lag das Wachstum bei 5,3%. Die geringere Zunahme bei den Impfstoffen beruht darauf, dass es bereits im Jahr 2008 durch das GKV-WSG zu einem gesundheitspolitisch gewünschten Anstieg der Impfraten gekommen war.
Spezialisten als Umsatzbringer
Innerhalb des GKV-Markts lassen sich die verzeichneten Wachstumsimpulse weitgehend auf den Bereich der von Fachärzten verordneten Spezialpräparate reduzieren. Während der Verordnungsumsatz der hausärztlich tätigen Praktiker und Internisten lediglich um 2% über dem Vorjahresniveau lag, wurden für einige hochspezialisierte Facharztgruppen zweistellige Zuwachsraten verbucht.
Im generikafähigen Marktsegment setzten sich die Rabattverträge weiter durch. Der Anteil der rabattgeregelten Arzneipackungen erreichte hier gegen Ende des Jahres knapp 60%. Bei einigen Wirkstoffen in großen Anwendungsgebieten (z.B. Simvastatin, Metoprolol) lagen die Umsetzungsraten der Verträge in den Apotheken zwischen 70% und 80%.
Weiterhin Zugang zu Innovationen
Die zwischen der Kassenärzt‑ lichen Bundesvereinigung (KBV) und dem GKV-Spitzenverband vereinbarte Vorgabe hatte für 2009 ein Wachstum der Arzneimittelausgaben von 5,6% prognostiziert. Bei dieser Vorhersage sind gesamtwirtschaftliche wie auch Pharmamarkt-spezifische Entwicklungen wie z.B. die sogenannte Innovationskomponente berücksichtigt. Die Entwicklung des Markts in Einklang mit der Rahmenvorgabe zeigt, dass den Versicherten im vergangenen Jahr in einem vertretbaren und rationalen Umfang pharmazeutische Innovationen zugänglich gemacht wurden. Zugleich wird deutlich, dass alle Marktbeteiligten ihre Verantwortung im Sinne der Finanzierbarkeit des Systems wahrnahmen.
Arzneimittelpreise steigen nur mit der Inflationsrate
Insbesondere die Preisentwicklung der Arzneimittel hat erneut einen Beitrag zur Stabilisierung der Ausgaben geleistet. Im vergangenen Jahr sind nach dem GKV-Arzneimittelindex des Wissenschaftlichen Instituts der Ortskrankenkassen (WIdO) die Arzneimittelpreise für den gesamten GKV-Markt um 0,4% und somit exakt in Höhe der Inflationsrate 2009 gestiegen.
Selbst im Vergleich zum Jahresbeginn 2008 hat der Preisindex lediglich von 100,0 auf 100,5 zugenommen. Unter Einbeziehung der allgemeinen Preisentwicklung (Inflation) bedeutet dies einen realen Preisrückgang für Arzneimittel. Noch nicht berücksichtigt ist dabei zudem, dass sowohl die GKV-Arzneimittelausgaben als auch die Arzneimittelpreise tatsächlich durch den Abschluss von Rabattverträgen reduziert wurden.
Kein pharmapolitischer Handlungsbedarf
Mit Blick auf die aktuelle Politik ist festzustellen: Die Entwicklung der Arzneimittelausgaben in den Einzelkomponenten Umsatz, Menge und Preis lässt einen politischen Handlungsbedarf im Sinne von fiskalisch motivierten Kostendämpfungsmaßnahmen nicht erkennen. Es bleibt daher zu hoffen, dass sich die Politik nicht zu einem unüberlegten Schnellschuss verleiten lässt. Sinnvoll sind strukturelle Veränderungen, die den Patientennutzen und die nachhaltige Verbesserung der Versorgungsqualität mit Wirtschaftlichkeits- und Effizienzgewinnen verbinden.
OTC-Markt: Selbstmedikation und Verordnungen rückläufig
Die Verordnungen rezeptfreier Arzneimittel sowohl auf roten als auch auf blauen und grünen Rezepten verzeichneten im fünften Jahr nach Inkrafttreten des weitgehenden OTC-Erstattungsausschlusses erneut einen, wenn auch knappen Mengenrückgang (– 1%) auf 130,5 Millionen Packungseinheiten. Durch einen leicht sinkenden Wert pro verordnetem Präparat sank der Umsatz parallel um 3% auf 1,247 Mrd. €.
Die weiterhin rückläufige Zahl ärztlicher Verordnungen bei rezeptfreien Arzneimitteln wurde auch im vergangenen Jahr nicht durch zunehmende Selbstkäufe entsprechender Präparate kompensiert. Im Gegenteil: 2009 wurden von den Verbrauchern 521,6 Millionen Packungen rezeptfreier Arzneimittel im Wert von 4,026 Mrd. € selbst gekauft. Damit lagen sowohl die Menge als auch der Wert im Selbstmedikationsmarkt um 2% unter dem Vorjahresniveau.
Ein wirksames Instrument gegen den Trend des abnehmenden Stellenwerts rezeptfreier Arzneimittel stellt das Grüne Rezept dar. Die Erfahrungen im zurückliegenden Jahr belegen, dass dieses neben einer Verbesserung des OTC-Images auch eine Erhöhung der Apothekenfrequenz und damit eine Stärkung des Vertriebswegs Apotheke mit sich bringt.
Grüne-Rezept- Aktion erfolgreich
Im Jahr 2009 hat der Bundesverband der Arzneimittel-Hersteller (BAH) das Grüne Rezept finanziell und logistisch gefördert. Dabei wurden mehr als 13 Millionen Grüne Rezeptformulare auf ärztliche Anforderung kostenlos zur Verfügung gestellt. Auch knapp 2.000 Apotheken haben Grüne Rezepte bestellt und an die ortsansässigen Arztpraxen verteilt. Begleitend wurde in einer Kampagne in der Ärzte Zeitung über Sinn und Zweck des Grünen Rezepts informiert. Der Erfolg gab der Aktion recht: Jede fünfte OTC-Verordnung wurde auf Grünem Rezept erteilt. Im laufenden Jahr wird dieses Projekt von der Initiative Grünes Rezept (http://www.gruenerezepte.de/) fortgeführt und weiterhin in der ärztlichen und pharmazeutischen Fachpresse begleitet.

Dr. Uwe May, Bundesverband
der Arzneimittel-Hersteller
e.V. (BAH), Abt. Gesundheits-
ökonomie/Grundsatzfragen
Selbstmedikation, 53173 Bonn,
E-Mail: May@bah-bonn.de
Aktueller Wirtschaftsdienst für Apotheker 2010; 35(05):8-8