Aktien

Mit gegenteiliger Meinung zum Erfolg?


Prof. Dr. Reinhard Herzog

Nach den jüngsten Turbulenzen an den Aktienmärkten stellt sich jetzt die Frage: Erleben wir eine neue Hausse oder stehen wir kurz vor einem Börsencrash? Anhänger der sogenannten Contrarian-Strategie sehen ihre große Stunde gekommen.

In den vergangenen Monaten haben sich der deutsche Aktienmarkt, aber auch die meisten anderen westlichen Bör­‑ sen durchaus erfolgreich entwickelt: Der Deutsche Aktienindex DAX legte seit Juli 2009 immerhin 35% zu, der amerikanische Dow Jones-Index brachte es im gleichen Zeitraum auf ein Plus von 27%. Und die Stimmung ist – trotz aller Warnungen und etwa der Griechenland-Krise – weiterhin überwiegend positiv.

Denn die meisten Anleger sind, ob bewusst oder unbewusst, Anhänger der „Momentum-Strategie“. Sie setzen darauf, dass sich ein einmal eingeschlagener Kurstrend mit höherer Wahrscheinlichkeit fortsetzt, als dass er endet. Die Kursentwicklung der Vergangenheit gibt ihnen recht: Blickt man z.B. auf den DAX, wechseln sich längerfristige Aufschwungphasen – etwa von 1994 bis 2000 oder von 2003 bis 2007 – mit längerfristigen Rückschlagphasen – etwa von 2000 bis 2003 oder von 2007 bis 2008 – nahezu regelmäßig ab. Wer also im ersten Drittel einer Aufschwungphase investiert, kann oftmals jahrelang engagiert bleiben und wird solide Gewinne erzielen.

Spezialisten der „Momentum-Strategie“ gehen sogar noch einen Schritt weiter und wählen gezielt solche Aktien aus, deren Aufschwungtendenz sich gerade verstärkt. Hingegen meiden sie Phasen mit Seitwärtsbewegungen, die es sowohl in der Hausse als auch in der Baisse immer wieder gibt. Als Hilfsmittel dient ihnen insbesondere die technische Analyse, bei der Indika­torenlinien eine Auswahl besonders attraktiver Werte ermöglichen. Aber auch mit dem Wissen, dass ein Aufwärts­trend solange intakt ist, wie er nicht nachhaltig gebrochen wird – erkennbar am Kurschart –, können selbst uner­fahrene Anleger an der Börse gutes Geld verdienen.

Kritischer Wendepunkt

Betrachtet man die aktuelle Börsenentwicklung, wird klar: Wir befinden uns auch nach den Turbulenzen der vergangenen Monate immer noch in einem Aufwärtstrend. Jedoch hat sich das Börsenbarometer zeitweise bedenklich an die Trendwendelinien angenä­hert, sodass momentan erhöhte Wachsamkeit geboten ist.

Regen Zuspruch finden daher gerade jetzt die Anhänger der „Contrarian-Stategie“, die ver­suchen, nicht mit dem Markt zu gehen, sondern sich dagegenzustemmen. Sie kaufen also, wenn die Mehrheit der Anleger pessimistisch gestimmt ist und trennen sich von ihren Papieren, wenn die Investoren weitere Gewinne erwarten. Hinter dieser Auffassung steht die Meinung, dass die Kurswende immer dann nahe ist, wenn alle dasselbe tun. Und weil die Kursver­werfungen im Umfeld einer Trendwende regelmäßig überdurchschnittlich groß ausfallen, machen sie auch besonders hohe Gewinne. Gerade jetzt sehen die „Contrarians“ außergewöhnliche Chan­cen, denn schließlich hängt über den Börsen immer noch das Damoklesschwert „Schuldenkrise“, während die Kurse dank guter Unternehmenszahlen klet­tern.

Private Anleger haben es nicht leicht, zwischen beiden Theorien abzuwägen. Langfristig erfolgreicher ist die „Momentum-Strategie“, selbst wenn hier die Gewinne niedriger ausfallen als bei den „Con­trarians“. Gegenwärtig empfiehlt sich daher eine Warteposition: Kann sich der DAX weiter festigen, ist Zeit zum Einstieg, bei einem Scheitern an der 6.000-Punkte-Marke besteht deutliches Rückschlagspotenzial – insbesondere, wenn auch die fundamentalen Daten gegen die Börse sprechen sollten.

Aktueller Wirtschaftsdienst für Apotheker 2010; 35(18):14-14