Prof. Dr. Reinhard Herzog
Wenn in einigen Wochen die Silvesterraketen den Himmel erleuchten, geht ein spannendes Börsenjahr zu Ende. Hatten Pessimisten zu Jahresbeginn damit gerechnet, dass es nach den kräftigen Zuwachsraten im Jahr 2009 deutlich abwärts geht, konnten sich die meisten Kurse doch stabilisieren. Der Deutsche Aktienindex DAX rutschte zwar kurzzeitig auf unter 4.000 Punkte ab, erreichte jedoch mit über 6.350 Punkten auch attraktive Höchstwerte.
Statistischer Beweis
Nicht minder spannend ist nun die Frage, ob wir trotz der Zuwachsraten der vergangenen Monate noch eine „Jahresendrallye“ sehen werden. Zumindest in der Vergangenheit war sie fast immer garantiert: Seit 1988 konnte der DAX in 18 von 22 Jahren den Dezember mit einem mehr oder minder ausgeprägten Plus abschließen. Mit einem durchschnittlichen Kursplus von 2,45% – so hat das Deutsche Aktieninstitut errechnet – liegt der Dezember weit vor den üblicherweise guten Börsenmonaten Juli (1,62%) und November (1,58%). Spitzenreiter waren in jüngerer Vergangenheit insbesondere die Jahre 1999 mit einem Zuwachs von 17,3% und 2008 mit einem Anstieg um 9,5%. Abwärts ging es hingegen vor allem 2002, als der DAX im Zuge der Baisse 12,9% einbrach.
Interessanterweise spielte es dabei nicht einmal eine große Rolle, ob der DAX in den vorangegangenen elf Börsenmonaten freundlich oder eher schwächer tendiert hatte: Im Dezember wurde noch manches aufgeholt, was man bisher versäumt hatte. Die Begründung dafür ist vor allem bei institutionellen Investoren zu suchen: Ist das Jahr zunächst eher schlecht gelaufen, will man sich im Dezember für den erhofften Anstieg im kommenden Jahr neu positionieren. Es werden also verstärkt Aktien gekauft, selbst wenn man sich im laufenden Jahr eher in anderen Anlagesegmenten engagiert hatte. Aber auch bei einem zunächst günstigen Börsenverlauf finden sich im Dezember aus den Reihen der Fondsgesellschaften mehr Käufer als üblich. Denn schließlich werden zum 31. Dezember zumindest Zwischenberichte erstellt – und die sollten tunlichst auch bekannte Standardaktien enthalten, mit denen der Anleger etwas anfangen kann.
Durchaus überlegenswert ist es also, bereits rechtzeitig vor Dezember einzusteigen – sofern man an den Effekt der „Jahresendrallye“ glaubt und eher kurzfristig orientiert ist. Unter mittel- bis langfristigen Gesichtspunkten spielt allerdings der Kaufmonat eine eher untergeordnete Rolle: Da sich die Kurse letztlich analog zum Wirtschaftsgeschehen entwickeln, werden temporäre Ausschläge – wie etwa im Zuge einer „Jahresendrallye“ – meist schnell wieder ausgeglichen. Und ein solcher Ausgleich könnte dieses Mal besonders ausgeprägt ausfallen: Nach der deutlichen Konjunkturstabilisierung und den meist optimistischen Prognosen ist die Erwartungshaltung hoch.
Großes Enttäuschungspotenzial
Nicht minder groß ist daher das Enttäuschungspotenzial, sollten die Hoffnungen nicht erfüllt werden können oder sogar neue Hiobsbotschaften von der Konjunkturfront die Schlagzeilen beherrschen. Selbst wenn der DAX – wie von einigen Optimisten erwartet – zum Jahresende bis in den Bereich von 6.500 Punkten klettern könnte, besteht ab dem Beginn der Bilanzsaison Anfang 2010 manches Rückschlagspotenzial.
Aktueller Wirtschaftsdienst für Apotheker 2010; 35(20):14-14