Geldanlage

Strategien für Inflation und Deflation


Prof. Dr. Reinhard Herzog

Die Wirtschaftsentwicklung der vergangenen Jahre hat die Anleger zutiefst verunsichert: Müssen wir einen schnellen Anstieg der Inflationsrate befürchten oder droht eine Deflation? Wer sich frühzeitig auf ein Szenario einstellt, kann auch bei der Geldanlage profitieren.

Volkswirtschaftlich betrachtet ist die Lage eindeutig: Wenn eine Notenbank viel Geld in die Wirtschaft pumpt und eine Niedrigzinspolitik betreibt, kur­belt sie die Konjunktur an. Die Folge: Eine hohe Auslastung der Unternehmen und da­mit steigende Preise. Aber auch Rohstoffe werden sich aufgrund der großen Nachfrage verteuern. Vergleichsweise problemlos, ja sogar erwünscht ist ein solches Szenario, solange sich die Preissteigerungsrate innerhalb einer Band­brei­te von 2% bis 3% bewegt. Kritisch wird die Situation, wenn die Preise mehr als 5% pro Jahr zunehmen. Von einer Hyperinflation spricht man, wenn sich die Preise um mehr als 20% p.a. verteuern.

Welche Konsequenzen ergeben sich aus einem Inflationsszenario für die verschiede­nen Anlageprodukte? Rohstoffe und Sachwerte sind klare Profiteure, denn schließlich steigen ihre Preise analog zur Inflationsrate. Besonders hohe Ge­winne sind bei klassischen Anlageprodukten wie Gold oder Silber zu erwar­ten, aber auch Rohstoffe sowie Immobilien und Güter des täg­lichen Bedarfs werden teurer. We­niger als Inflationsschutz geeignet sind indes Sammler­produkte mit eher ideellem Wert: In Phasen einer mode­raten Inflationsrate ergeben sich ihre Preise eher aus dem Wechselspiel von Angebot und Nachfrage. Solan­ge ein Sam­melgebiet beliebt ist, kommt es zu überdurchschnittlichen Zuwächsen, ge­rät es ins Abseits, gehen die Preise zurück. Bei einer hohen Inflationsrate ist zwar auch bei Sammlerstücken mit starken Preissteigerungen zu rechnen, allerdings interessieren sich „echte“ Geldanleger in dieser Phase eher für typischere Produkte wie etwa Edelmetalle.

Verluste bei Anleihen

Wesentlich ungünstiger ist eine hohe Inflationsrate für Anleihen: Ihr Zins wird durch die Inflationsrate zumindest aufgezehrt, oft ergibt sich netto eine negative Rendite. Das Zinsniveau steigt zwar, die Notierungen umlaufender Papie­re geben jedoch nach. Insbesondere in der Anfangsphase einer inflationären Entwicklung erleiden Anleihebesitzer also hohe Verluste. Sinnvoll ist hier das Abwarten und ggf. Zwischenparken freier Gel­der. Allerdings sollten Anleger die Entwicklung sehr ge­nau beob­achten: Solange die Inflationsrate in einer mode­raten Größenordnung bleibt, sind An­leiheinvestments immer noch rentabler als z.B. Tagesgelder. Eine Lösung können auch variabel verzinste Papiere sein, deren Zinszahlungen regelmäßig an die aktuelle Marktentwicklung angepasst werden und damit nur geringe Kursrisiken bergen.

Aktien als Sachwerte

Als typische Sachwerte werden Aktien indes von einer steigenden Geldentwertungsrate profitieren. Denn schließlich ist der Anleger damit am Substanzwert und der Ertragskraft eines Unternehmens beteiligt. Kritisch wird die Situati­on allerdings, wenn die wachsenden Kosten nicht mehr an die Kunden weitergegeben wer­den können. Kommt es – wie oft bei Preissteigerungsraten von mehr als 5% – zu einem konjunkturellen Einbruch, betrifft dies gerade auch die Unternehmen. Das gilt ebenfalls für das Szenario einer Hyperinflation, in dem die Aktienkurse möglicherweise we­sentlich geringer steigen als etwa die Preise von Gold oder Silber. Unbestritten ist allerdings, dass Aktien im Falle einer möglichen Währungsreform zumindest auf Sicht von mehreren Jahren die klaren Profiteure sein werden.

Allerdings ist es gerade derzeit keineswegs sicher, ob wir überhaupt ein Inflationsszenario zu erwarten haben. Denn schließlich wirkt sich eine lo-ckere Kreditpolitik nur dann auf die Preisentwicklung aus, wenn sie auch bei den Unternehmen und Privathaushalten ankommt. Solange jedoch Ban­ken bei der Kreditvergabe re­striktiv bleiben und auch die Bevölkerung ihr Sparverhalten trotz niedriger Guthabenzinsen beibehält, werden die Preise kaum steigen. Im Gegen­teil: Manches wird sogar billiger und es kann sich – ähnlich wie zeitweise in Japan – ein De­flationsszenario entwickeln. Wenn jeder davon ausgeht, dass er nächsten Monat billiger einkaufen kann als heute, wird er nicht investieren, die Wirtschaft gerät ins Stocken.

Rohstoffe als Verlierer

Klarer Verlierer einer solchen Entwicklung sind die Rohstoffe. Die Nachfrage von spekulativer Seite schwindet, rechnet man doch mit fallenden Preisen. Gleichzeitig sinkt der Bedarf der Wirtschaft, die nur noch so viel kauft, wie sie in ab­sehbarer Zeit auch „ver­edeln“ bzw. weiterverkaufen kann. Während Gold und andere Edelmetalle ähnlich wie Immobilien immer billiger werden, stagnieren die Preise für Agrarrohstoffe. Denn hier besteht ein kontinuierlicher tatsächlicher Bedarf, zudem sind die Lagerbestände vergleichsweise gering. Dennoch lohnen sich Investments im gesamten Rohstoffbereich kaum. Ähnliches gilt allerdings auch für Sammlerstücke, denn auch an diesen Märkten warten potenzielle Käufer auf den vorhergesagten Preisverfall.

Günstiger ist indes die Entwicklung von Anleihen und Kontenanlagen. Da die Kaufkraft steigt, lohnt sich selbst bei niedrigen Renditen das Sparen. Gehen z.B. die Preise um 2% p.a. zurück, bringt ei­‑ ne 3%ige Anleihe eine reale Ren­dite von 5%. Meiden soll­ten Anleger jedoch inflationsgeschützte Bonds, deren Wert – je nach Vertragsgestaltung – möglicherweise nachgibt.

Aktien wiederum können sich – wie das Beispiel Japan zeigt – zu den Verlierern einer Deflation entwickeln. Dauert sie län­gere Zeit an, erwirtschaften die Unternehmen weniger Gewinn, sodass die Kurse nachge­ben. Aber auch das Anlegerinteresse ist allenfalls mäßig, erwartet man doch stets noch günstigere Einstiegskurse.

Gerade die Entwicklung der letzten Monate zeigt jedoch, dass auch ein solches Deflationsszenario keineswegs wahrscheinlich ist. Denn schließlich leben wir in einer Welt der Globalisierung, sodass tempo­räre Schwächen einer Volkswirtschaft durch Aufschwungphasen anderer Volkswirtschaften ausgeglichen werden. Halten dann die Zentralbanken an ihrer vergleichsweise lockeren Geldpolitik fest, ohne damit Überhitzungserschei­nungen der Wirtschaft aus­zulösen, entwickelt sich eine Disinflation: Die Preissteigerungsrate geht zurück, es kommt aber nicht zu einer Deflation. Weitere Kennzeichen sind eine stabilisierte Konjunkturentwicklung, ohne dass jedoch Probleme wie die Vertrauenskrise der Banken oder die Staatsverschuldung gelöst erscheinen.

Für die Preise der Rohstoffe bedeutet dies eine weitgehende Stagnation mit kleineren Ausschlägen nach beiden Seiten. Tendenziell bevorzugt werden Lebensmittel, während die Entwicklung der Rohöl- und Metallpreise eher leicht nach unten gerichtet sein dürfte.

Wenig spektakulär ist auch die Tendenz bei Anleihen: Niedrige Zinsen verlocken kaum zum Einstieg, andererseits mangelt es – gerade derzeit deutlich spürbar – an Alternativen. Anleger müssen davon ausgehen, dass die Notenbanken mittel- bis langfristig die Zinsen wieder leicht anheben werden, sodass entsprechende Anleihe-Engagements auf kürzere bis mittlere Laufzeitbereiche beschränkt werden sollten.

Moderat steigende Aktienkurse

Gut leben lässt es sich hingegen mit Aktien: Während die Löhne nur gemäßigt ansteigen und auch die Rohstoffpreise kaum schwanken, lassen sich mit einer Stabilisierung der Konjunktur wieder höhere Preise am Markt durchsetzen und damit höhere Gewinne erzielen. Andererseits sind auch die Dividendenrenditen weiterhin attraktiv, sodass Zinsanleger ebenfalls auf Beteiligungswerte umsteigen. Per saldo sollte es daher zu moderat steigenden Aktienkursen kom­men, wobei eine Hausse erst am Ende einer solchen Phase zu erwarten ist.

Aktueller Wirtschaftsdienst für Apotheker 2010; 35(23):12-12