Aktienmarkt 2010/2011

Rückblick und Ausblick


Prof. Dr. Reinhard Herzog

Aktienfans blicken zufrieden auf das Jahr 2010: Der Deutsche Aktienindex DAX legte immerhin 17% zu, auch an vielen anderen Weltbörsen konnte gut verdient werden. Die Kernfrage lautet jetzt: Setzt sich der 2009 begonnene Aufschwung auch in diesem Jahr fort?

Anfang 2010 war die Stimmung unter den Anlegern alles andere als optimistisch. Der DAX hatte sich zwar von seinen im Frühjahr 2009 markierten Tiefstständen von weniger als 4.000 Punkten auf mittlerweile 6.000 Punkte erholt, jedoch machte ihm diese psychologisch wie charttechnisch wichtige Marke schwer zu schaffen. Bereits kurz nach Jahresbeginn gab das Frankfurter Börsenbarometer auf rund 5.400 Punkte nach und näherte sich dabei bedenklich an den Gleitenden 200-Tage-Durchschnitt an. Im März folgte eine Erholung, doch gelang es dem Index sechs Monate lang nicht, die 6.000er-Marke nachhaltig zu überwinden. Kurz­zeitigen Stabilisierungen folg­ten immer neue Rückschläge, sodass sich letztlich ein Trend­kanal zwischen 5.700 und 6.300 Punkten herausbildete.

Aus charttechnischer Sicht waren damit die Weichen gestellt. Sollte der Index aus dieser Bandbreite nach unten ausbrechen, drohte ein neuer bedenklicher Rückschlag. Hingegen waren erhebliche Kursgewinne zu erwarten, wenn der DAX die Bandbreite nach oben verlassen könnte. Und so war es dann auch: Im Oktober wurde die obere Widerstandsmarke geknackt und binnen weniger Wochen kletterte der Index über die Marke von 7.000 Punkten. Gefragt waren dabei insbesondere Aktien, die vom unerwartet starken Konjunkturboom profitieren konnten. So legten etwa die Papiere von Volkswagen und BMW 86% bzw. 83% zu, auch MAN, Siemens und Infineon verzeichneten Zuwachsraten zwischen 40% und 80%. Hingegen entwickelten sich die Versorger zum Sorgenkind des Marktes: Die Papiere von E.ON und RWE büßten 22% bzw. 27% ein. Auf der Verliererliste finden sich daneben die Finanztitel, etwa die Aktien der Deutschen Bank (–15%) und der Deutschen Börse (–10%).

ÖkoDAX unter Druck

Ein ähnliches Bild zeichnet sich auch für die Papiere aus der zweiten und dritten Reihe. Während die Aktien aus dem auf Qualitätspapiere spezialisierten SDAX im Jahresverlauf durchschnittlich 46% gewinnen konnten und auch der Nebenwerteindex MDAX 34% und damit deutlich mehr als sein „großer Bruder“ DAX zulegte, büßte der ÖkoDAX mehr als ein Drittel seines Wertes ein. Grund hierfür war insbesondere die schwache Entwicklung der Solarwerte, speziell der sehr angeschlagenen Firma Conergy.

Per saldo immerhin 10% im Plus schloss der New Yorker Aktienmarkt, gemessen am Dow-Jones-Index. Allerdings war hier die Entwicklung von einem noch stärkeren Auf und Ab geprägt: Im Frühjahr 2010 kletterte das Börsenbarometer zunächst deutlich über die 11.000-Punkte-Marke, doch in den Sommermonaten sorgten die Dollar-Turbulenzen und Diskussionen um die Stabili-tät der amerikanischen Wirtschaft für einen massiven Rückschlag, bei dem sogar die 10.000-Punkte-Marke wieder deutlich unterschritten wurde. Nach mehreren Anläufen begann im Herbst eine Gegenbewegung und der Index konnte wieder über 11.000 Punkte steigen. Während jedoch in Deutschland die Technologiewerte im Durchschnitt weitgehend stagnierten, kam es in den USA zu einer recht erfreulichen Entwicklung dieses Marktsegments: Der NASDAQ-Index kletterte immerhin um 19%.

Der japanische Nikkei-Index, der 225 Standardwerte der Börse in Tokio enthält, schloss das Gesamtjahr zwar nahe­‑ zu unverändert, jedoch kommen damit nicht die Turbulenzen zum Ausdruck, die der Markt zeitweise erlebte. So begann das Börsenjahr 2010 recht freundlich und mit dem Überschreiten der 11.000-Punkte-Marke wurde ein Zwei-Jahres-Hoch markiert. Dann folgte jedoch ein deutlicher Einbruch und im Herbst wurde sogar die 9.000-Punkte-Marke unterschritten. Erst in den vergangenen Wochen konnte sich die Börse wieder etwas erholen, wobei der Gleitende 200-Tage-Durchschnitt mittlerweile nach oben durchschnitten wurde.

Solide aufwärts ging es an den meisten europäischen Börsen, selbst wenn sie im internationalen Geschäft nur geringe Bedeutung haben. Dä­nemark etwa gewann 36%, Paris brachte es auf 23% und auch der OMX der Stockholmer Börse kletterte um 20%. Kaum Veränderungen gab es dagegen in den Niederlanden und der Schweiz (+5% bzw. –2%). Unter Druck standen die Aktienmärkte in Australien und China, die insbesondere im Jahr 2009 kräftig zugelegt hatten. Sie schlossen das Börsenjahr 2010 mit Rückgängen von 1% bzw. 14%.

Vorsichtiger Optimismus

Fragt man Analysten nach der möglichen weiteren Entwicklung, stößt man überwiegend auf vorsichtigen Optimismus. Begründet wird dies vor allem mit der soliden Konjunkturentwicklung und der damit verbundenen Stabilisierung der Unternehmensgewinne. Zahlreiche Unternehmen dürften ihre Dividendenzahlungen für 2010 anheben, sodass Aktien zu einer ernst zu nehmenden Konkurrenz für mager verzinste festverzinsliche Wertpapiere werden. Positiv stimmen aber auch die niedrigen Zinsen, die den Firmen kostengünstige Möglichkeiten zur Expansion bieten. Nicht zuletzt spricht auch ein Blick auf den Chart für eine Fortsetzung des Aufwärtstrends: An der 7.000er-Marke könnte der Index zwar zunächst noch etwas arbeiten müssen und sogar in Richtung 6.500 Punkte zurückfallen. Solange jedoch der bei rund 6.400 Punkten ver­laufende Gleitende 200-Tage-Durchschnitt nicht nachhaltig nach unten durchbrochen wird, bestehen geringe Risiken eines größeren Rückschlags. Im Gegenteil: Bereits jetzt werden unter Experten Indexstände zumindest im Bereich von 8.000 Punkten diskutiert, manche sprechen sogar von einem Überschreiten der 10.000-Punkte-Marke.

Positive Stimmung birgt auch Risiken

Gerade darin sehen andere Analysten jedoch das größte Problem: Herrscht an der Börse eine optimistische Stimmung, droht in vielen Fällen ein Rückschlag. Der Grund: Wenn jeder mit steigenden Kursen rechnet, deckt er sich frühzeitig mit Aktien ein. In der Folge gibt es aber keine Käufer mehr, die den Kurs dann wirklich nach oben treiben. Sobald sich die erste Enttäuschung über die Stagnation breit macht, geht es an der Börse wieder abwärts – trotz allem Optimismus. Positiv ist in der aktuellen Situation allerdings zu werten, dass sich vor allem institutionelle Anleger, speziell Versicherungen, derzeit noch stark zurückhalten. Die Aktienquote vieler Lebensversicherer liegt unter 10%, investiert wird stattdessen in niedrig verzinste Rentenwerte. Über kurz oder lang müssen sich die Versicherer jedoch fragen lassen, warum sie ihren Kunden nur so niedrige Zinsen erwirtschaften, während mit Aktien zweistel­lige Gewinne erzielt werden. Eine Erhöhung der Aktienquote könnte den Markt in erheblichem Umfang be­flügeln.

Nicht übersehen darf man dabei jedoch weitere Risiken. Zu nennen sind hier insbe­son­dere die zunehmende Staatsverschuldung und die de­solate Lage von Euro und Dollar. Aber auch Terroris­mus­gefah­ren könnten die Aktienmärkte beeinflussen. Schließlich drohen den Beteiligungswerten im Fall eines erwarteten Zins­anstiegs erhebliche Belastungen, gelten hohe Zinsen doch als „Gift“ für den Aktienmarkt.

Per saldo sollten Aktien dennoch auch 2011 in keinem gut sortierten Portfolio fehlen. Zu den Favoriten zählen insbesondere deutsche Standard- und Nebenwerte, aber auch amerikanische Spitzentitel sollte man – allein schon aus Währungsgründen – in die Überlegungen einbeziehen. Eher spekulativ, aber dennoch sinnvoll sind Engagements in Japan und dem asiatischen Raum, wobei hier Indexpapiere und oftmals auch Fonds die bessere Wahl darstellen als schwer überblickbare Einzelinvestments.

Aktueller Wirtschaftsdienst für Apotheker 2011; 36(03):14-14