Prof. Dr. Reinhard Herzog
Optionsscheine und Zertifikate stehen bei Anlegern hoch im Kurs: Dank des „Hebels“ können sie mit geringem Kapitaleinsatz auf steigende oder fallende Notierungen setzen. Investiert man z.B. 10.000€ in eine Aktie und steigt sie um 10%, verdient man 1.000€. Erwirbt man für denselben Betrag einen Optionsschein und klettert der Basiswert um 10%, erhöht sich der Wert des Optionsscheins – je nach Konstruktion – um 50%, 70% oder mehr und der Gewinn liegt bei 5.000€, 7.000€ oder noch höher.
Risiken attraktiver Papiere
Jedoch sind mit besonders attraktiv erscheinenden Papieren Nachteile verbunden. So konnte man z.B. Ende Juli beim DAX-Stand von 7.200 Punkten „Knock-out-Optionsscheine“ mit einem Basispreis von 6.200 Punkten und einem Bezugsverhältnis von 100:1 für rund 10€ (7.200 minus 6.200 geteilt durch 100) erwerben. Falls der DAX um 5% auf 7.560 Punkte steigt, erhöht dies den Preis des Optionsscheins rechnerisch auf 13,60€ – was einem Gewinn von 36% entspricht. Weitgehend problemlos ist der Schein auch noch, solange der Basispreis nicht erreicht wird: Bei einem DAX-Stand von z.B. 6.500 Punkten kostet das Papier zwar nur noch rund 3€, damit ist aber immer noch ein Wert vorhanden.Die Risiken liegen jedoch im Basispreis, der die „Knock-out-Schwelle“ darstellt: Fällt der Kurs des Basiswerts auf diesen Preis, wird der Optionsschein automatisch wertlos. Das kann gerade in Zeiten wie Anfang August fatal werden: Nachdem der DAX quasi im freien Fall von mehr als 7.000 Punkten auf knapp über 5.500 Punkte abstürzte, verfielen Tausende in Deutschland gehandelte Optionsscheine und Zertifikate im Wert von mehreren Milliarden Euro innerhalb weniger Tage. Hochspekulative Produkte wie Day-Turbos, ausgegeben um 8 Uhr morgens zu Preisen zwischen 0,50€ und 2,50€, waren an einigen Tagen schon nach einer Stunde wertlos, nachdem der DAX die maßgeblichen Schwellen unterschritten hatte.
Böse Zungen behaupten sogar, dass einige Emittenten mit gezielten Markttransaktionen dafür gesorgt hätten, dass viele ihrer Papiere verfallen konnten. So lässt sich z.B. der Kursverlauf des 9. August erklären, als der DAX während einer einzigen Börsensitzung von knapp über 6.000 Punkten auf 5.500 Punkte abstürzte, um sich danach fast wieder auf Ausgangsbasis zu erholen. Gerade in dieser Bandbreite gab es Hunderte von Knock-out-Optionsscheinen, die bei einem DAX-Stand von mehr als 7.000 Punkten noch als weitgehend sicheres Investment eingestuft worden waren.
Weder hinsichtlich der Börsenlage noch beim Optionsscheinmarkt besteht jetzt Grund zur Sorglosigkeit, denn die durch Verfall entstandenen Lücken wurden bereits wieder gefüllt. Kaufoptionsscheine mit Basispreisen/Knock-out-Schwellen von z.B. 5.800 oder auch 5.400 Punkten sind angesichts der volatilen Börsenlage jedoch extrem gefährdet, selbst bei Papieren mit deutlich niedrigeren Basispreisen kann nicht ausgeschlossen werden, dass sie aufgrund eines weiteren Kursverfalls zum Totalausfall werden. Vergleichbares gilt – mit umgekehrten Vorzeichen – für Verkaufsoptionsscheine. Hier berechnet sich der Kurs nach der Formel Basispreis minus aktueller Kurs geteilt durch 100, sodass ein Knock-out-Papier mit Basispreis 6.800 Punkte bei einem Indexstand von 6.100 Punkten rund 7€ kostet. Wird der Basispreis von – hier – 6.800 Punkten aber erreicht, verfällt das Papier wertlos.
Abstand vom aktuellen Kurs
Angesichts der starken Schwankungen an allen Weltbörsen gelten daher allenfalls Papiere als risikoarm, deren Basispreis sehr weit vom aktuellen Kurs entfernt ist, z.B. DAX-Papiere mit Basispreisen von unter 3.500 Punkten (Kaufoptionsscheine) bzw. über 8.000 Punkten (Verkaufsoptionsscheine).
Aktueller Wirtschaftsdienst für Apotheker 2011; 36(17):13-13