Prof. Dr. Reinhard Herzog
Ende Juli 2011 war die Welt der Börsianer noch in Ordnung: Die Unternehmensgewinne sprudelten, die Konjunktur entwickelte sich ausgesprochen erfreulich, Europas Regierungschefs hatten sich auf harte Maßnahmen in der Eurokrise verständigt und selbst in den USA zeichnete sich eine Einigung im Schuldenstreit ab. Der Deutsche Aktienindex hatte sich – ebenso wie die Leitindizes der meisten anderen Börsen – auf solidem Niveau manifestiert und weitere Zugewinne von 10% bis 20% bis zum Jahresende schienen in greifbarer Nähe. Denn schließlich waren alle Probleme bekannt: Schulden- und Währungskrise waren ebenso längst zum Thema geworden wie die sich möglicherweise abschwächende Konjunktur.
Die Wende kam, als die Ratingagentur Standard&Poor‘s das aussprach, was jeder längst wusste: Die Bonität der USA war nicht mehr erstklassig. Wie bereits im April 2011 aufgrund entsprechender Meldungen zu vermuten, wurde der weltgrößten Wirtschaftsnation das bisherige AAA-Rating (Triple-A) entzogen und durch ein AA+ ersetzt.
Die Märkte reagierten prompt: Offenbar aufgrund frühzeitig durchgesickerter Informationen kam es bereits einige Tage vor der Herabstufung zu massiven Kursverlusten an den meisten Weltbörsen. Nach Bekanntgabe der Abwertung kannten die Börsen kein Halten mehr. Elf Handelstage in Folge verzeichnete der Deutsche Aktienindex DAX Verluste, am Ende lag das Minus bei fast 25%. Erst in den letzten Augusttagen kam es zu einer leichten Stabilisierung, sodass das Frankfurter Börsenbarometer den Urlaubsmonat August mit einem Minus von rund 20% abschloss. Dabei standen einigen wenigen stabilen Titeln – etwa den Aktien von Fresenius Medical Care oder adidas – insbesondere große Standardtitel wie Daimler oder Deutsche Bank mit Verlusten von fast 30% gegenüber.
Automatisierter Handel
Auffallend waren insbesondere die enormen Schwankungen: Zwischen den Höchst- und Tiefstkursen eines Tages lagen oftmals bis zu 10%, ohne dass dies durch eine veränderte Nachrichtenlage gerechtfertigt gewesen wäre. Der Grund für diese massiven Ausschläge und die Heftigkeit des Kursrückgangs ist insbesondere im Computerhandel zu sehen: In den USA werden heute bereits mehr als 60% aller Aktientransaktionen vollautomatisch in Sekundenbruchteilen per Computer vorgenommen, in Europa liegt das Volumen des unkontrollierten Handels bereits bei rund 30%. Die EDV reagiert dabei konsequent: Werden automatisch errechnete Kursmarken nach unten geschnitten, stellt der Computer die Papiere zum Verkauf.
Verstärkt wird diese Entwicklung durch Derivate und Leerverkäufe, da aufgrund der damit verbundenen Hebelwirkungen oftmals sehr enge Limits gesetzt sind. Und damit kommt die Abwärtsspirale in Gang: Der Verkauf lässt die Kurse fallen, es werden neue Kurslimits unterschritten und damit neue Verkäufe ausgelöst. Zum Stillstand kommt der Crash erst dann, wenn die Aktien so billig geworden sind, dass fundamental orientierte Anleger in größerem Maße einsteigen.
Niedrige Bewertung
Und billig sind Aktien durchaus geworden: Selbst wenn die Nettogewinne der 30 DAX-Titel in den kommenden 12 Monaten um 25% zurückgehen sollten, weist der Deutsche Aktienindex bei 6.000 Punkten ein durchschnittliches Kurs/Gewinn-Verhältnis von 12 auf – eine durchaus günstige Bewertung. Auch die Dividendenrendite von 3,9% spricht dafür, dass zumindest fundamental die Baisse beendet ist.
Allerdings muss sich jeder Anleger darüber im Klaren sein, dass in einem Crash-Szenario fundamentale Daten meist nur wenig Beachtung finden. Solange die Märkte von einer gewissen Ausverkaufsstimmung geprägt sind, kann es jederzeit zu neuen Rückschlägen kommen. Nachdem im August alle bedeutenden Unterstützungslinien nach unten gebrochen wurden, verlaufen die nächsten Widerstände beim DAX im Bereich von 5.000 Punkten und tiefer, selbst Marken um 4.000 Punkte werden von pessimistischen Experten nicht mehr ausgeschlossen.
Wenig Aussicht auf rasche Kurserholung
Dass eine schnelle Kurserholung in den nächsten Wochen relativ unwahrscheinlich ist, kommt auch im charttechnischen Vergleich zum Ausdruck: Kräftigen Rückschlagsphasen – etwa 1987, 1998 oder 2008 – folgten meist noch zwei bis drei schwächere Börsenmonate mit moderaten Verlusten, bevor sich die Notierungen wieder erholen konnten. Dabei liefert die Charttechnik zumindest ein positives Signal: Der Absturz war so stark, dass in der Kursgrafik eine Lücke – in der Fachsprache ein „gap“ – entstand. Üblicherweise werden solche Lücken meist relativ schnell wieder geschlossen. Sollten die anstehenden Fragen zur Schuldenproblematik zumindest einigermaßen verträglich gelöst werden und sich die Konjunktur vergleichsweise stabil halten, bestehen auf Sicht von zwei bis drei Jahren durchaus Chancen auf eine dann vergleichsweise deutliche Erholung.
Welche Konsequenzen ergeben sich daraus für Anleger? Wer zu Beginn des Crashs nicht – wie von uns in der AWA-Ausgabe vom 1. April 2011 dargestellt – schnell ausgestiegen ist, verzeichnet heute meist mehr oder minder große Verluste. Insbesondere unter längerfristigen Aspekten sollte man aber weiterhin engagiert bleiben, sofern keine steuerlichen Argumente – etwa der Aufbau eines Verlustvortrags – oder ein aktueller Kapitalbedarf dagegen sprechen. Es ist zwar damit zu rechnen, dass sich weitere Verluste aufbauen könnten, jedoch würde man sich mit einem Ausstieg der Chancen auf spätere Kursgewinne berauben.
Im Übrigen bietet der Markt auch wenig realistische Anlage-Alternativen: Gold und die anderen Edelmetalle sind bereits sehr teuer geworden, Immobilien sind zu unflexibel und auch die Rendite von Anleihen ist mit aktuell durchschnittlich weniger als 2,0% viel zu niedrig, um etwa mit der Dividendenrendite deutscher Qualitätsaktien konkurrieren zu können oder selbst nur einen wirksamen Inflationsausgleich sicherzustellen.
Auch im jüngsten Crash hat sich allerdings eine solide Streuung – wieder einmal – bewährt. Zwar wurden von den Kursrückgängen nahezu alle Aktien mehr oder minder heftig getroffen. Wer jedoch neben Aktien ein gut sortiertes Rentendepot aufgebaut hat, dem konnte der Crash wenig anhaben: Die Kursverluste mit Aktien wurden zumindest zu erheblichen Teilen durch Kursgewinne bei festverzinslichen Wertpapieren aufgefangen, ausgelöst durch den massiven Zinsrückgang von knapp 3,3% im Frühjahr 2011 auf aktuell unter 2,0%.
Gerade in diesem Zusammenhang stellt sich die Frage, ob nicht auch das Rentendepot genauer unter die Lupe genommen werden sollte. Nach durchschnittlich 10% Kursgewinn in den vergangenen sechs Monaten dürfte es nur eine Frage der Zeit sein, bis es hier zu einer Gegenbewegung kommt. Wirkt dann der Aktienbestandteil des Depots nicht als ausgleichende Komponente, drohen im Fall eines Zinsanstiegs erhebliche Kursverluste für das Gesamtengagement.
Kaum Alternativen
Allerdings gilt auch hier Vergleichbares wie beim Aktiendepot: Es gibt keine vernünftigen Alternativen. Überlegenswert ist es zwar, Anleihen mit ein bis zwei Jahren Restlaufzeit – die oftmals weniger als 1,5% Rendite abwerfen – zu verkaufen und den Erlös z.B. in Festgeldern anzulegen. Bei längeren Laufzeiten kommt hingegen nur die Umschichtung innerhalb des jeweiligen Segments in Betracht, wobei jeder Mehrerlös bei der Rendite mit Zugeständnissen bei der Bonität „bezahlt“ werden muss.
Einzig im Bereich der Staatsanleihen lohnt sich genaueres Hinsehen: Werden hier z.B. nur noch 2,0% bezahlt, ist ein Umschichten in Unternehmensanleihen namhafter Konzerne – etwa Daimler, BMW oder auch Telekom – durchaus überlegenswert. Kaum empfehlenswert ist allerdings die Umschichtung in längere Laufzeiten: Hier winken zwar geringfügig höhere Renditen, allerdings drohen im Fall eines Zinsanstiegs auch beträchtliche Risiken.
Aktueller Wirtschaftsdienst für Apotheker 2011; 36(18):13-13