Dr. Christine Ahlheim
Was halten Sie davon, dass die Landärzte mehr Geld bekommen sollen?
Auf dem Land gibt es immer weniger Ärzte. Darunter leiden die Menschen, die in strukturschwachen Gebieten wohnen. Sie sind auch oft weniger mobil als die Menschen in den Städten. Es ist deshalb gut, dass die Regierung etwas gegen den Landarztmangel unternimmt und Maßnahmen ergreift, den Beruf des Landarztes attraktiver zu machen.
Die Apotheken profitieren von dieser Maßnahme indirekt auch. Wenn ein Landarzt seine Praxis aufgibt, ist auch die Apotheke in ihrer Existenz bedroht. Denn wenn die Patienten zu Ärzten in der Stadt gehen müssen, werden sie vermutlich auch dort in den Apotheken ihre Rezepte ein- lösen.
Landbewohner brauchen eine flächendeckende Versorgung nicht nur mit ärztlichen Leistungen, sondern auch mit Arzneimitteln, das gilt für verschreibungspflichtige und rezeptfreie Medikamente. Versandhandel und Pick-up-Stellen können das nicht vollständig leisten, denn für die Akutversorgung taugen beide nicht. Die niedergelassenen Apotheken haben im Nacht- und Notdienst vorzugsweise akut kranke Kinder und ältere Menschen zu versorgen. Da müssen die Arzneimittel sofort zur Verfügung stehen, da müssen Präparate unter Umständen ausgetauscht werden, da muss mit dem ärztlichen Notdienst Kontakt aufgenommen werden, um auftauchende Probleme zu lösen – und das alles schnell.
Die Apotheken können das leisten, obwohl der Notdienst nicht kostendeckend ist, wenn sie nicht durch andere Vertriebswege Gewinneinbußen hinnehmen müssen. Ganz deutlich gesagt: Die Apotheken auf dem Land brauchen keine finanzielle Unterstützung wie die Ärzte, es würde genügen, wenn die Politik sie in ihrem eigentlichen Geschäft, nämlich der Versorgung der Bevölkerung mit Arzneimitteln, nicht permanent durch Zulassen anderer Vertriebswege wirtschaftlich schwächen würde.
Halten Sie die im Entwurf des Versorgungsstrukturgesetzes verankerten Regelungen für geeignet, dem befürchteten Ärztemangel auf dem Land entgegenzuwirken?
Wenn Landärzte Anreize bekommen, sich in bislang unversorgten Gebieten niederzulassen, ist das nur zu begrüßen. Aber wenn gleichzeitig nicht bei den Ärzten in bisher ausreichend versorgten Gebieten gespart werden soll, werden die Ausgaben der Krankenkassen für die Arzthonorare langfristig wohl steigen müssen. Die Frage ist, wer das bezahlt, wenn nicht die Versichertengemeinschaft.
Attraktivere Arbeitsbedingungen lassen sich aber auch durch andere Maßnahmen schaffen. So finde ich es sinnvoll, dass ein Landarzt zukünftig auch in der nächsten Kreisstadt wohnen darf. Das persönliche Lebensumfeld ist für viele Menschen ein weicher, aber dennoch wichtiger Faktor.
Welche Wünsche haben Sie an die Gesundheitspolitik, damit der Beruf des Apothekers für den Nachwuchs attraktiv bleibt?
Zunächst einmal Planungssicherheit und Festhalten an Versprechen. Es ist nicht schön, wenn man mit jedem Regierungswechsel und jeder darauf folgenden Gesundheitsreform zum Spielball finanzieller Interessen wird und sich in seiner Existenz bedroht fühlen muss.
Ein anderer Wunsch ist die angemessene Honorierung der Apotheker. Wir bekommen seit dem Jahr 2004 8,10€ für die Rezeptbelieferung, ohne jede Dynamisierung. Unsere Arbeit ist aber durch die Rabattverträge deutlich mehr geworden und unsere Kosten auch, man denke nur an die Gehälter der Angestellten, die allerdings auch nicht üppig sind. Durch das AMNOG hat sich die Lage der Apotheken noch einmal deutlich verschlechtert. Es gibt mehr Apothekenschließungen als in den vergangenen Jahren, und das wird sich fortsetzen. Es ist anzunehmen, dass das besonders in dünn besiedelten Gegenden zum Problem werden kann, ähnlich wie der Ärztemangel, aber ob das alles so eintrifft wird erst die Zukunft zeigen.
Ein weiterer Wunsch an die Politik und an die Gesellschaft: Lasst uns endlich Apotheker, das heißt Arzneimittelfachleute sein. Wir verdanken – wie ich glaube vorrangig – dem Arzneimittel ein längeres Leben in besserer Lebensqualität. Wir verdanken ihm schon in jungen Jahren ein in vieler Hinsicht beschwerdefreies Leben. Aber wir gehen hier mit Substanzen um, die in vielen Fällen durchaus nicht risikolos anzuwenden sind. Der verantwortungsvolle Umgang mit dem Arzneimittel, die korrekte Anwendung, die individuelle Verträglichkeit, das sind Parameter, die den Therapieerfolg ausmachen und letztlich helfen, Kosten zu sparen. Dazu wird der Sachverstand des Apothekers gebraucht.
Die ABDA und die Kassenärztliche Bundesvereinigung haben in diesem Jahr mit dem „ Zukunftskonzept“ ein gemeinsames Konzept vorgestellt, mit dem die Patienten besser versorgt werden können und das bis zu zwei Milliarden Euro Einsparung pro Jahr für die Krankenkassen verspricht. Dieses Modell steht auf drei Säulen: Wirkstoffverordnung, Medikationskatalog und Medikationsmanagement. Es betrifft Patienten, die mehr als fünf Arzneimittel gleichzeitig einnehmen müssen. Diese erfahren dann, wenn sie möchten, eine besonders engmaschige Betreuung, um Doppelverordnungen, Wechselwirkungen und Unverträglichkeiten auszuschließen.
Ärzte und Apotheker würden hier als Heilberufler eng zusammenarbeiten und Patienten und Krankenkassen würden davon profitieren. Um dieses Zukunftskonzept umzusetzen, brauchen wir die politische Unterstützung – und die wünsche ich mir.
Aktueller Wirtschaftsdienst für Apotheker 2011; 36(18):3-3