Prof. Dr. Reinhard Herzog
Schnelligkeit vor Qualität
Allerdings waren es seinerzeit meist gut recherchierte Informationen, die in den Medien publiziert und von Anlegern aufgegriffen wurden. Hinter den Meldungen standen erfahrene Journalisten, deren Meinungen Gewicht hatten. Mittlerweile hat sich das Bild gewandelt. Insbesondere im Online-Journalismus steht Schnelligkeit vor Qualität: Ob Spiegel, FAZ, Bild oder auch die Zeit – alle schöpfen aus denselben Quellen der Agenturmeldungen, die häufig ungeprüft zumindest in die Online-Ausgaben, oft aber auch in die Print-Produkte übernommen werden.
Kritisch wird dies, wenn es um Nachrichten aus der Finanzwelt geht und die Börsen ohnehin bereits unter Spannung stehen. Dies bekamen im August Aktionäre der französischen Société Générale (SG) zu spüren, eine der größten französischen Geschäftsbanken: Zwei Reporter des britischen Boulevardblattes Daily Mail berichteten von einer massiven Schieflage der Bank, die sich – angeblich – mit ihrem Griechenland-Engagement hohe Verluste eingefahren hätte. Binnen Minuten ging die Meldung an Agenturen und bald schon konnte man rund um den Globus lesen, wie schlecht es um die französischen Banken bestellt sei. Die Folge: Der Kurs der zuvor noch renommierten SG-Aktie fiel innerhalb weniger Stunden um mehr als 20%, der Wertverlust erreichte in der Spitze mehr als 6 Mrd.€.
Fiktion und Wirklichkeit
Das Ganze wäre noch verständlich, hätte die damalige Meldung der Wahrheit entsprochen. Ursächlich war jedoch eine frei erfundene Satire: Das französische Magazin „Le Monde“ nutzt traditionell alljährlich das „Sommerloch“ mit seiner spärlichen Nachrichtenlage zur Veröffentlichung einer politischen Fortsetzungsgeschichte. 2011 lautete der Titel „Terminus pour l‘euro“ (= das Endes des Euros), beschrieben wurden fiktive Szenarien wie der Sturz der deutschen Kanzlerin durch Parteirebellen im Jahr 2012 und eine neue Krise der Banken. Und obwohl die Storys mit „Suite de la fiction“ überschrieben waren, nahmen die britischen Journalisten die Meldungen für bare Münze und stellten die Société Générale an den Pranger. Bis heute halten sich die Anleger der Aktie fern, gegenüber ihren Höchstständen im Frühjahr hat sich der Kurs mehr als halbiert.
Dieses Beispiel zeigt die Problematik, die heute mit der Wirtschaftsberichterstattung in den Medien verbunden ist. Oft genügt ein Funke Unsicherheit, um die Kurse abstürzen zu lassen. Für Anleger ergeben sich daraus mehrere Konsequenzen: Solange ein Kurs noch nicht auf Negativmeldungen reagiert hat, kann sich ein schneller Ausstieg lohnen. Hingegen sollte man nach einem massiven Verfall wie jetzt bei der SG zumindest so lange engagiert bleiben, bis sich endgültig Klarheit abzeichnet. In jedem Fall sollten Meldungen kritisch hinterfragt werden, denn gerade in den Sommermonaten haben Zeitungsenten auch im Finanzsektor durchaus Hochkonjunktur.
Aktueller Wirtschaftsdienst für Apotheker 2011; 36(20):14-14