Claudia Mittmeyer
AWA: Mit welchen Maßnahmen erreichen Sie, dass in Ihren Apotheken sowohl der fachliche Anspruch als auch die ökonomischen Bedürfnisse in großem Maße erfüllt werden?
Rose: Der Spagat zwischen Qualität in der Pharmazie auf der einen Seite und bezahlbarem Personal auf der anderen Seite ist auch bei mir nicht elegant, allerdings habe ich zum Glück sehr gute Mitarbeiterinnen. Viele von ihnen haben die Apo-AMTS-Ausbildung zum Medikationsmanagement durchlaufen. Besondere Qualität gibt es bei mir derzeit nur selektiv, z.B. beim Medikationsmanagement, oder bei Indikationen, auf die wir uns spezialisiert haben.
Sinnvoll wäre aber in Zukunft eine Zuführung für besondere Tätigkeiten zum Apotheker. Das PTA-Team selektiert vor und bearbeitet Freiwahl, Sichtwahl, Rabattverträge, Dauerrezepte und erledigt die komplette Logistik. Patienten mit Erstverordnung, Schulungsbedarf, Medikationsproblemen oder Medikationsanalyse werden an den Apotheker verwiesen, der hauptsächlich ohne Medikamentenpackung tätig ist. Durch spezielle Kästchen auf dem Rezept könnten Arzt oder Apotheker selbst diese Leistungen anordnen.
Eine solche Patientenbegleitung mit anschließender Unterschrift würde schlagartig unser Standing in der Gesellschaft verändern, wir würden ganz anders wahrgenommen. Wir müssen der Gesellschaft zunächst aber diesen Mehrwert zu erkennen geben, für den sie dann bereit ist zu zahlen. Das ist in der jetzigen HV-Landschaft nicht zu erkennen, wir werden gemischt mit den PTA (und PKA) als nette Logistiker und Seelsorger betrachtet und sind durch unsere Strukturen letztendlich dafür selbst verantwortlich.
AWA: Wie und auf welchem Niveau kann aus Ihrer Sicht das Medikationsmanagement kurzfristig flächendeckend installiert werden?
Rose: Der aktuell von der ABDA/BAK angedachte Weg, alle Kollegen mitzunehmen, ist prinzipiell gut und sinnvoll. Wir sehen bei Apo-AMTS und ATHINA, dass jeder motivierte Apotheker nach wenigen Tagen Schulung in der Lage ist, zur Arzneimittelsicherheit deutlich beizutragen. Hier kommt es teilweise zu sensationellen Verbesserungen.
Pharmakotherapeutisches Verständnis zu entwickeln, ist allerdings nicht ganz so einfach. Es ist prinzipiell eine vollkommen andere Ausbildung erforderlich, da kann es auch keine halben Schritte geben, sonst kann es schnell passieren, dass man mehr Schaden als Nutzen anrichtet und sich im Gespräch mit dem (Fach-)Arzt blamiert. Pharmakotherapie ist eben keine Pharmakologie und wird im Rahmen der Möglichkeiten der bisherigen Approbationsordnung nur unzureichend vermittelt.
Wir können also die Gesamtheit der Kollegen nur bei der Arzneimittelsicherheit mitnehmen, ab einem gewissen Niveau wird es ohne echte Ausbildung schwierig. Man wird sicherlich aber allen Kollegen Programme anbieten können, sich therapeutisch zu qualifizieren. Das erfordert Aufwand und lässt sich nicht kleinreden.
AWA: Wohin wird sich das Apothekenwesen in Deutschland Ihrer Meinung nach in den kommenden 20 Jahren entwickeln?
Rose: Zu dem beschriebenen Weg gibt es keine Alternative, ein „weiter so“ funktioniert in der Sackgasse nicht mehr. Weltweit – und damit sind sogar einige Entwicklungsländer gemeint – hat sich die Pharmakotherapie als Hauptstandbein der Pharmazie etabliert. Zu groß ist der Nutzen, den der Apotheker dem Patienten mit einem Medikationsmanagement leisten kann. Der Pharmazeut der Zukunft wird sich mit pharmakotherapeutischen Fragestellungen beschäftigen und bei Patienten nur noch intensivere Probleme bearbeiten, also hauptsächlich ohne Medikament tätig sein. Die Logistik, Rabattverträge und die bisherige Apothekertätigkeit übernehmen PTA.
Der Pharmazeut wird in Einklang mit der dann zeitlich restlos überforderten Ärzteschaft Arzneimittelkonsile durchführen, Folgerezepte ausstellen und impfen. Es wird Pharmazeuten auf Station, in Heimen und in Spezialkliniken geben, die nie eine Medikamentenpackung in der Hand gehabt haben, sondern nur noch Patienten beraten.
Zusammen mit Herstellern werden sich spezialisierte Apotheken entwickeln, die ein besonderes klinisches Know-how haben und dafür sorgen, dass deren Medikamente nicht nur abgegeben werden, sondern dass die bestmögliche Wirkung erzielt wird – durch Schulung und Medikationsmanagement. Die Apotheken erhalten dafür ein Honorar vom Hersteller, der diese Qualität mit eingepreist hat.
Apotheker spezialisieren sich also auch weiter. Die Pharmazie, wie wir sie heute kennen, wird es nicht mehr geben. Der Apotheker der Zukunft wird seinen Kittel wieder mit Stolz tragen und zum Wohle des Patienten die Therapie mit Medikamenten begleiten. Möglich wäre das alles schon in 2 statt in 20 Jahren, ringsherum ist es bereits Realität. Hoffentlich gibt es dann auch bei uns den Rezeptübertragungsmodus, bei dem uns die Kasse in Sekundenschnelle vor Belieferung garantiert, dass wir den Lohn unserer Arbeit am Ende auch erhalten. Retaxationen aufgrund von Formfehlern und das ewige Katz-und-Maus-Spiel sind dann sicher vorbei, oder ;-)?
Aktueller Wirtschaftsdienst für Apotheker 2014; 39(15):3-3