Finanzplanung 50plus

Vorsorge bei niedrigem Zins


Prof. Dr. Reinhard Herzog

Die Kinder sind aus dem Haus, Immobilienkredite getilgt und auch das Wertpapierdepot hat ein respektables Volumen erreicht. Einem finanziell sorglosen Ruhestand steht also nichts im Weg. Doch nicht selten folgt ein böses Erwachen, sobald konkrete Zahlen auf dem Tisch liegen.

Spätestens mit dem 50. Lebensjahr – raten Experten – sollte sich jeder Selbstständige Gedanken um seine wirtschaftliche Zukunft machen. Einerseits ist jetzt noch ausreichend Zeit, um die Altersvorsorge zu optimieren, andererseits ermöglicht eine frühzeitige Weichenstellung eine sowohl unter Rendite- als auch Steuer-Gesichtspunkten optimierte Vorsorgeplanung. Das Problem jedoch: Großbanken haben meist wenig Interesse an dieser Zielgruppe und regionalen Banken und Sparkassen mangelt es oft an der notwendigen Kompetenz, neben der reinen Geldanlage auch andere wichtige Bestandteile der Vorsorgeplanung zu berücksichtigen.

Letztlich bleibt dem Anleger meist nur ein Weg: die eigene Planung. Diese ist nicht so kompliziert, wie es auf den ersten Blick erscheinen mag. Entscheidend ist vor allem, den Überblick zu gewinnen und zu behalten, wobei schriftliche Aufzeichnungen die individuelle Vorsorgestrategie wesentlich erleichtern.

Erste Bestandsaufnahme

Am Anfang steht dabei die Bestandsaufnahme. Eine der wichtigsten Kernfragen ist hier: Was geschieht mit der Apotheke? Ist eines der Kinder geeignet und bereit, den Betrieb fortzuführen? Oder muss ein Pächter oder Käufer gefunden werden? Insbesondere dann, wenn die Kinder kein Interesse an der Fortführung des Lebenswerks ihrer Eltern haben, bringt eine frühzeitige Planung der Nachfolgeregelung erhebliche Vorteile: Die Verpachtung oder der Verkauf erfolgt ohne Zeitdruck, sodass die Erlöse meist wesentlich höher ausfallen als bei einem „Notverkauf“, den der Apothekeninhaber erst wenige Monate vor seinem geplanten Ruhestandseintritt in die Wege leitet. Je nach persönlicher Situation kann ggf. auch ein Nachfolger optimal „aufgebaut“ werden.

Der zweite Schritt dient der finanziellen Bestandsaufnahme: Hier gilt es, zum einen die im Ruhestand zu erwartenden laufenden Einnahmen zu beziffern, zum anderen die bestehenden Geldanlagen detailliert mit Renditeerwartung, regelmäßigen Erträgen und Fälligkeiten aufzulisten. Zu den laufenden Einnahmen zählen u.a. Miet- und Pachterträge, regelmäßige Leistungen aus dem Versorgungswerk und ggf. weitere Rentenansprüche. Bei den Erträgen aus Geldanlagen reicht die Spannweite von Bankanlagen wie Tages- und Festgeldern über das Wertpapierdepot bis hin zu Lebens- sowie privaten Rentenversicherungen.

Diese Aufstellung gibt bereits einen ersten Überblick darüber, welche regelmäßigen Leistungen nach Eintritt in den Ruhestand zu erwarten sind. Das Problem dabei: Je länger der Zeitraum bis zum geplanten Ruhestandsbeginn ist, umso größer sind die Unwägbarkeiten jeder Planung. Gerade angesichts der aktuell niedrigen Zinsen sollte man davon ausgehen, dass sich die heute erreichten Werte nicht mehr wesentlich erhöhen werden. Denn selbst wenn das Kapital durch erzielte Zinsen wächst, wird der Mehrertrag durch die Inflationsrate meist weitgehend aufgezehrt. Vergleichbares gilt auch für die kalkulierten Pacht- bzw. Mieteinnahmen, die unter Berücksichtigung der Geldentwertungsrate in den kommenden Jahren kaum ein nennenswertes reales Wachstum durchlaufen werden.

Erfassen der Ausgabenseite

Sind alle Einnahmen kalkuliert, erfolgt eine Gegenüberstellung mit den Ausgaben. Anhaltspunkt sind dabei die aktuellen Lebenshaltungskosten, von denen wegfallende Positionen – etwa Prämien für fällige Lebens- und Rentenversicherungen – abzuziehen sind. Gerade auf der Ausgabenseite bestehen jedoch weitere Optimierungsmöglichkeiten: So ist es im Regelfall nicht mehr notwendig, weitere Gelder für die Zukunft anzusparen. Stattdessen sollte sichergestellt sein, dass auch im Pflegefall ausreichende Mittel bzw. Absicherungen zur Verfügung stehen, um finanziell sorglos leben zu können. Überlegenswert ist dabei der frühzeitige Abschluss zusätzlicher Versicherungen für den Pflegefallwobei hier der Kosten/Nutzen-Aspekt genau unter die Lupe genommen werden muss. Eine der besten Einsparungsmöglichkeiten ist im Übrigen die rechtzeitige Tilgung aller noch offenen Verbindlichkeiten, denn die hierfür anfallenden Zinsen lassen sich derzeit mit kaum einer risikoarmen Kapitalanlage erzielen.

Anlagen optimieren

Hat man sich auf diesem Weg einen ersten Überblick verschafft, gilt der nächste Schritt der Optimierung der Geldanlage. Dabei sollte man zum einen darauf achten, dass das Vermögen angemessen gestreut ist, d.h., dass weder riskantere Formen der Geldanlage – etwa Aktien oder Aktienfonds – noch risikoarme Produkte wie Tagesgelder ein Übergewicht bekommen. Denn nur so schützt man sich vor möglichen schmerzlichen Erfahrungen, wenn z.B. Geld benötigt wird, über das man aufgrund einer eingetretenen Baisse nicht mehr verfügt.

Zum anderen muss sichergestellt sein, dass man jederzeit den Überblick behält. Hier ist zu bedenken, dass die Fähigkeit eines finanziellen Managements im hohen Alter möglicherweise abnimmt, sodass risikoarme, dafür aber zuverlässige Anlageprodukte an Bedeutung gewinnen.

Da sich erfahrungsgemäß im Laufe des aktiven Berufslebens eine Vielzahl unterschiedlicher Anlageprodukte angesammelt hat, ist es schon unter Transparenzgesichtspunkten meist sinnvoll, insbesondere kleinere Investitionen aufzulösen und die Anlagen zusammenzufassen. Dies gilt etwa für Bankkonten, aber auch für unrentable Wertpapierpositionen. Vor einem Verkauf sollte man jedoch bei endfälligen Anlagen stets den planmäßigen Ablauftermin überprüfen: Liegt dieser in absehbarer Zukunft, ist aus Kostengründen eine vorzeitige Auflösung in der Regel nicht vorteilhaft. In verstärktem Maße gilt dies für Lebensversicherungsverträge, bei denen der Schlussbonus vielfach einen beträchtlichen Teil des Gesamtertrags ausmacht.

Bei AktiensowieAktienfonds gilt die Grundregel, den Bestand mit fortschreitendem Lebensalter zu reduzieren – insbesondere, wenn sich das übrige Vermögen in eher überschaubaren Dimensionen bewegt. So kann ein heute 40-Jähriger durchaus noch 50% und mehr seines Gesamtkapitals in derartige Produkte investiert haben, bei einem 65-Jährigen – der auf das Geld angewiesen ist – sollte der Aktienanteil indes 20% oder weniger betragen.

Ebenfalls in Betracht zu ziehen ist daneben der Verkauf vermieteter Immobilien: Vielfach bringen sie nach den Wertsteigerungen der vergangenen Jahre nur eine geringe Rendite, der hohe Kosten und – vor allem – mancher Ärger hinsichtlich der Vermietung gegenübersteht. Oft wird es daher sinnvoll sein, das Objekt zu veräußern und das Geld am Kapitalmarkt anzulegen. Entscheidend ist dabei aber der Einzelfall: Wer über eine „pflegeleichte“ Immobilie in guter Lage verfügt, kann daraus sicher eine komfortable „Zusatzrente“ erzielen.

Bei der Auswahl der optimalen Geldanlageprodukte sollte man sich keinesfalls von provisionshungrigen Mitarbeitern der Finanzdienstleister bedrängen lassen. Denn hier werden in erster Linie Fonds angeboten, die dem Berater eine hohe Provision bringen, die aber letztlich von den Kunden mit einem Renditeverzicht bezahlt werden muss. Sinnvoller ist hingegen die Direktanlage in festverzinslichen Wertpapieren erstklassiger Emittenten mit unterschiedlichen Restlaufzeiten, die nicht nur den Kapitalerhalt sicherstellen, sondern auch eine regelmäßige Kapitalentnahme ermöglichen.

Zur Gewissensfrage wird die private Rentenversicherung: Befürworter argumentieren mit dem Komfort und der Sicherheit einer langfristigen Zusatzrente, die auch dann fließt, wenn man sich nicht mehr um sein Geld kümmern kann. Kritiker bemängeln die extrem niedrigen Renditen und den meist vorgesehenen Verfall des angelegten Kapitals bei Tod des Versicherten. Hier sollte also sehr genau gerechnet werden, ob sich eine solche Police lohnt. In jedem Fall sollte die Vereinbarung einer Rentengarantiezeit bzw. des Kapitalerhalts vorgesehen sein um sicherzustellen, dass das Vermögen bei frühzeitigem Tod nicht verloren ist.

Generell Vorsicht ist hingegen bei allen riskanteren Formen der Geldanlage geboten: Aktien mögen zwar für manchen erfahrenen Investor gerade nach dem Eintritt in den Ruhestand ein spannendes Betätigungsfeld darstellen, allerdings müssen auch die Risiken beachtet werden.

Aktueller Wirtschaftsdienst für Apotheker 2014; 39(15):13-13