Prof. Dr. Reinhard Herzog
Vor 20 Jahren war es noch einfach: Sparbuch, Sparbrief und Sparvertrag – so setzte sich das Vermögen der meisten Anleger zusammen. Die Renditen waren überschaubar, aber fair, Risiken blieben weitgehend ausgeschlossen. Nur besonders vermögende Investoren engagierten sich in Aktien, auch Fonds waren vielen noch weitgehend unbekannt.
Mittlerweile hat sich das Bild grundlegend gewandelt. Das Sparbuch hat ausgedient, auch andere hauseigene Geldanlagen von Banken und Sparkassen lohnen sich nicht mehr. Beworben werden stattdessen – gebührenträchtige – Anlagekonzepte wie Investmentfonds oder Lebens- und Rentenversicherungen. Ein böses Erwachen erleben jedoch die meisten Anleger, wenn sie unkritisch nach den Empfehlungen ihrer Berater handeln, denn gerade die besonders intensiv beworbenen Produkte brachten in den vergangenen Jahren allenfalls sehr mäßige Renditen – und dies dürfte auch in den kommenden Jahren der Fall sein.
Durchaus sinnvoll ist daher jetzt eine Neuorientierung: Anstatt auf die Vorschläge provisionshungriger Vermittler setzen Anleger zunehmend auf eigene Entscheidungen. Und dies ist leichter als vielfach angenommen: Am Anfang steht die Aufteilung des Kapitals in „sichere“ Rentenanlagen, Aktien und weitere Finanzprodukte – wobei der Schwerpunkt meist im sicheren Segment liegen wird. Dann werden für jede Sparte die passenden Produkte ausgewählt. Im Anleihenbereich ist dies etwa eine Mischung solider Unternehmensanleihen hoher Bonität mit unterschiedlichen Restlaufzeiten. Im Aktienbereich können Anleger mit Exchange Traded Funds (ETFs) auf die Kursentwicklung namhafter Indizes setzen. Bei den weiteren Finanzprodukten kommt es auf die eigenen Erfahrungen an, wenn es z.B. um die Anlage in Optionsscheinen oder Aktienanleihen geht.
Problem: niedrige Zinsen und hohe Aktienkurse
Das Hauptproblem liegt – gerade heute – in der Einschätzung der Marktlage. Denn eigentlich sind niedrige Zinsen ebenso wie hohe Aktienkurse kein Investitionssignal. Anleger mit sehr langfristigen Perspektiven wählen aber ohnehin andere Maßstäbe als etwa den aktuellen Börsentrend. Für sie ist entscheidend, wie sich ihr Vermögen in 10, 20 oder mehr Jahren entwickeln wird und – vor allem – welche Kaufkraft es dann noch hat.
Gerade in Deutschland sind jedoch die volkswirtschaftlichen Rahmenbedingungen keineswegs vielversprechend. Die konjunkturelle Entwicklung erscheint zwar in den meisten Branchen weiterhin auf Wachstum getrimmt. Andererseits wird sich die demografische Entwicklung langfristig negativ auf den gesamten Kapitalanlagemarkt auswirken. So ist Deutschland trotz aller gegenläufigen Bestrebungen weiterhin kein kinderfreundliches Land: Karriere und Kindererziehung lassen sich schwer miteinander verbinden – und wenn, dann nur mit erheblichem Aufwand. Aber auch die hohen Kosten, die Kinder verursachen, führen dazu, dass sich hierzulande immer mehr Paare gegen ein Kind entscheiden.
Doch ein „Volk ohne Nachwuchs“ läuft Gefahr, eines Tages zu „vergreisen“. Mit erschreckenden Folgen, die heute bereits erkennbar sind: Die Sozialkosten steigen, die Einnahmen des Staates und der Leistungsträger gehen – sobald sich die Konjunktur eintrübt – zurück. Lösungsansätze wären sicher vorhanden, angefangen von einer besseren Ausbildung über längere und produktivere Arbeitszeiten bis hin zu radikalen politischen Umstrukturierungen. Doch die Erfahrungen aus den vergangenen Jahren geben wenig Raum für die Illusion, dass sich in den kommenden Jahren etwas zum Besseren wendet. Nur der anhaltende Zustrom aus dem Ausland könnte, so hoffen Experten, die Problematik etwas abschwächen.
Für Geldanleger mit langfristigen Perspektiven ergeben sich daraus erhebliche Konsequenzen. So ist etwa bei deutschen Staatspapieren – so sicher sie derzeit noch sind – zweifellos ein gewisses Misstrauen angebracht. Sinnvoll erscheint hingegen eine eher internationale Orientierung. Dies beginnt bereits in der näheren Nachbarschaft: In Frankreich, Großbritannien, Skandinavien und den Niederlanden kennt man kaum Probleme mit rückläufigen Geburtenraten. Daher wird auch der Euro weiterhin vergleichsweise stabil bleiben, selbst wenn neben Deutschland einige andere Länder – hier vor allem die einstmals besonders geburtenstarken südeuropäischen Staaten – ebenfalls eine ungünstige Entwicklung ihrer Bevölkerungsstruktur aufweisen. Relativ geringe Sorgen hat man im Übrigen in den USA und in zahlreichen Schwellenländern, wobei dort zudem das soziale Netz keineswegs so engmaschig geknüpft ist, dass rückläufige Geburtenraten derart negative Entwicklungen zur Folge hätten.
In jedem Fall sollten sich Anleger internationaler orientieren, denn allein mit einer Deutschland- Fixierung wird man langfristig kaum noch erfolgreich sein. Dies gilt auch in Hinblick auf die Wäh-rungs-Diversifikation: Jedes gut sortierte Depot sollte einen angemessenen Anteil an Fremdwährungsanlagen beinhalten.
Vorsicht ist daneben bei allen nominellen Anlageformen wie Lebensversicherungsverträgen angebracht. Mittelfristig werden die Regierungen nicht umhinkönnen, ihren Staatsdefiziten mit einer höheren Inflationsrate zu begegnen. Doch damit sinkt die Kaufkraft der mit den Monatsbeiträgen erworbenen Rechte – ein Phänomen, das heute bereits bei Fälligkeit der vor 20 und mehr Jahren abgeschlossenen Policen in erschreckender Form deutlich wird. Dem steht eine immer niedrigere Rendite gegenüber mit der Folge, dass neu abgeschlossene Verträge zum nahezu sicheren Verlustgeschäft werden. Einzig die Vermittler können sich weiterhin über hohe Provisionen freuen – die letztlich der Kunde bezahlt.
Ein etwas anderes Bild ergibt sich am Aktienmarkt. Sicherlich illusorisch ist es, angesichts der Höchststände etwa beim DAX auch in den kommenden Jahren eine schnelle Fortsetzung der Hausse zu erwarten. Denn mittelfristig wird die Zeit der „Geldschwemme“ ein Ende nehmen und die heute ausgereichten Gelder werden wieder in die Staats- bzw. Notenbankkassen zurückfließen. Selektivität ist daher unter langfristigen Aspekten Trumpf:
- Unternehmen, die es rechtzeitig verstanden haben, ihre internationalen Aktivitäten auszubauen, werden sich weiterhin positiv entwickeln.
- Gleiches gilt für Konzerne, die nach entsprechenden Rationalisierungen oder aber im Ausland kostengünstig produzieren und somit auch bei niedrigen Umsätzen vergleichsweise attraktive Gewinne erwirtschaften.
- Positiv sollten sich schließlich Unternehmen entwickeln, die vom demografischen Wandel profitieren, wie Pharmakonzerne sowie Betreiber von Kliniken und Altenheimen.
Akut gefährdet sind hingegen Aktiengesellschaften, die in dieser Hinsicht nicht aktiv gewor-den sind, sondern allein auf eine solide Binnenkonjunktur analog zu früheren Wirtschaftszyklen gesetzt haben. Sie werden zwar möglicherweise steigende Umsätze erzielen, die Gewinne bleiben jedoch angesichts der „Schnäppchenmentalität“ in der Bevölkerung aus.
Neuorientierung am Immobilienmarkt
Erhebliche Veränderungen werden langfristig auch den Immobilienmarkt prägen: In den vergan-genen Jahren wurden in oft wenig attraktiven Stadtrandlagen umfangreiche Siedlungen mit Reihenhäusern hochgezogen, die bei einer rückläufigen Anzahl von Familien eines Tages möglicherweise kaum noch einen Käufer finden werden. Gleiches gilt für große und teure Einzelhäuser abseits der Ballungsgebiete, wenn in Stadtnähe zunehmend bezahlbarer Wohnraum frei wird. Hingegen könnten Innenstadtlagen langfristig profitieren.
Bei den Objekten selbst dürften kleinere Wohneinheiten ebenso an Bedeutung gewinnen wie eine altengerechte Ausstattung. Vor-sicht ist indes bei Objekten geboten, deren Preise in den vergangenen Jahren durch eine überbordende Nachfrage nach oben geschnellt sind. Hier ist ein Platzen der „Blase“ keineswegs auszuschließen, wobei sich auf dem dann ermäßigten Preisniverau günstige Einstiegschancen ergeben können. Letztlich werden sich die Preise in Verbindung mit den Mieten so entwickeln, dass der Wohnungskauf unter Renditeaspekten auch für Investoren wieder interessant wird.
Aktueller Wirtschaftsdienst für Apotheker 2014; 39(22):15-15