Selbstführung

Zielgerichtet fühlen, denken, handeln


Ute Jürgens

Eine gelungene Selbstführung ist Voraussetzung für die Führung von Mitarbeitern. Schlechte Laune, Lustlosigkeit, Hadern: Manchmal hat man es nicht gerade leicht mit sich selbst. Umso wichtiger ist, dafür zu sorgen, dass man stabil wird und die Arbeitsfähigkeit erhalten bleibt.

„Schuld haben immer die anderen“: Auch wenn es so wäre – am einfachsten ist es immer noch, sich selbst zu beeinflussen, statt die Umwelt oder andere Menschen zu steuern. Der Arbeitspsychologe Günter F. Müller definiert: „Selbstführung heißt, sein Fühlen, Denken und Handeln zielorientiert zu steuern, absichtsvoll zu ändern, wirkungsvoll zu kontrollieren und wertebezogen weiterzuentwickeln.“ Hieraus ergeben sich die Ansatzpunkte.

Die emotionale Führung ist dabei am schwierigsten, weil viele Reiz-Reaktions-Systeme konditioniert sind und unbewusst ablaufen. Es erfordert einen starken Willen, sich zu beobachten und zum Beispiel Stimmungen zu hinterfragen. Wenn Sie morgens mit bester Laune starten und nach zwei Stunden verärgert und kaum in der Lage sind, Ihre Kunden freundlich und zuvorkommend zu beraten, gibt es mehrere Fragen. Was war der Auslöser? Können Sie etwas daran ändern oder nicht? Wie gelingt es Ihnen in kürzester Zeit, sich wieder auszubalancieren? Ein möglicher Auslöser ist, dass ein Kunde misstrauisch fragt, wieso er ein „neues“ Arzneimittel bekommt. Sie haben dies schon einige Tausend Mal beantwortet und häufig die Erfahrung gemacht, dass der Kunde unzufrieden die Apotheke verlässt. Wenn Sie das oft genug erleben, reagieren Sie schon bei der Frage mit zumindest innerem Stirnrunzeln: Der Reiz und die Reaktion sind eingeschliffen, die Kaskade nimmt ihren Lauf.

Lernen Sie, Derartiges für sich zu hinterfragen, kommen Sie sich bald auf die Schliche und haben die Wahl, wie Sie damit umgehen möchten. Andere Beispiele sind rechthaberische Kunden, stets widersprechende Mitarbeiter etc.

Das Einfachste, um sich schnell wieder in bessere Stimmung zu bringen, ist Ihre Mimik und Körperhaltung: Nehmen Sie beides bei schlechter Laune wahr und machen Sie fünf Minuten das Gegenteil! Durchhalten! Dann geht’s besser, schon alleine, weil man sich dabei über sich selbst amüsiert. Nicht zu verwechseln ist das mit dem Unterdrücken von Gefühlen – diese darf man haben, man sollte ihnen aber nicht hilflos ausgeliefert sein.

Die gute Laune nicht verlieren!

Am besten ist natürlich, die gute Laune gar nicht erst zu verlieren. Selbstführung lernt man jedoch nicht nebenbei, es ist harte Arbeit. Übungen dafür bieten die Trainer Ingeborg und Thomas Dietz an (siehe Buchtipp). Zum Umgang mit automatischen Reaktionen empfehlen sie:

  • Achtsamer werden, wahrnehmen, was gerade passiert.
  • Die eigenen wunden Punkte besser verstehen.
  • Möglichkeiten zur Selbstregulierung anwenden.

Ein weiterer wichtiger Aspekt ist, die eigenen „Teilpersönlichkeiten“ besser kennen und führen zu lernen. Jeder Mensch hat mehrere Rollen in sich, je nach Situation führt die eine oder andere Teilpersönlichkeit ihre Reaktion aus. Ein Beispiel: Ein Außendienstmitarbeiter macht Ihnen ein gutes Angebot. Wenn Sie genügend Ware einkaufen, bekommen Sie als Zugabe hochwertige Handtücher. Der Marketingstratege in Ihnen sagt: „Das wird schwierig, die Ware zu verkaufen, das Produkt hält sich nur eineinhalb Jahre, auf keinen Fall einkaufen!“ Der Großzügige in Ihnen tönt: „Prima! Endlich mal ein schönes Geschenk für die Mitarbeiter!“ Eine dritte Teilpersönlichkeit, nennen wir ihn den Vorsichtigen, rät: „Nun warte doch erst mal ab, wie das Wochenendseminar zum Thema Zusatzverkäufe läuft, wenn alle hoch motiviert sind, bestellst Du die Ware!“ Wie handeln Sie? Die Idee ist, nicht – wie es häufig genug passiert – automatisch eine Person aus dem „inneren Team“ agieren zu lassen, sondern zuerst alle zu hören und dann als Oberhaupt zu entscheiden.

Darüber hinaus sollte man auf die eigene Wirkung und negative Wechselwirkungen achten. Was kennen Sie an Ihrem eigenen Verhalten, was bei anderen immer mal wieder zu unerwünschten Reaktionen führt? Ein paar Sätze, die Sie nach folgendem Muster vervollständigen, bringen Sie auf die richtige Spur: „Immer wenn ich..., ist... verärgert, beleidigt, blockiert...“

Das Denken über das Denken

Wie sieht es mit dem Denken und der entsprechenden Führung aus? Das Denken ist in vielen Fällen ein Selbstläufer, insbesondere wenn wir nicht gezielt nachdenken. Sie kennen sicher auch Gedankengänge, die Situationen im Vorfeld in eine negative Richtung laufen lassen. Man bekommt schon Sorgen und überlegt Reaktionen auf Dinge, die schieflaufen könnten, bevor überhaupt etwas passiert ist. Ihr Blutdruck steigt, Sie sind alarmiert und merken irgendwann, dass Ihre Gedanken einmal mehr mit Ihnen durchgegangen sind. Es dauert einen kleinen Moment, bis Sie sich wieder beruhigt haben. Und? Sind Sie in diesen Momenten bestens arbeits- und konzentrationsfähig? Nein. Auch hier ist Selbstführung gefragt.

Zum Glück können Menschen sich selbst beobachten. Diese beobachtende Distanz wird als „achtsames Gewahrsein“ bezeichnet. Es ist ein Unterschied, ob Sie sagen „Ich bin wütend“ oder „Ich beobachte Wut in mir“. Das schafft schon einen gewissen Abstand. Die Autorinnen Trökes und Knothe beschreiben, dass dadurch das normalerweise automatisiert ablaufende Zusammenspiel von Körper, Stammhirn, limbischen Regionen und Kortex unterbrochen wird. Somit wird es auch möglich, Änderungen bei immer gleichen Reaktionen in einer alten, eingespielten Konfliktsituation zu planen und durchzuführen.

Statt sich sein eigenes falsches Tun vor Augen zu führen, zu hadern oder sich zu beschimpfen, ist es besser, sich auf die Alternativen zu konzentrieren. Selbstführung besteht jetzt darin, sich das neue Verhalten nicht nur vorzunehmen, sondern es tatsächlich umzusetzen. Wer hat nicht schon versucht, sich umzugewöhnen? Kleinigkeiten wie mehr zu trinken oder mit Dienstschluss tatsächlich die Arbeit ruhen zu lassen, fordern schon heraus – wie sieht es da aus mit größeren Vorhaben? Mentales Probehandeln – wir sprechen von Hunderten, nicht von zwei oder drei Durchgängen – oder kleinste Umsetzungsschritte helfen.

Was bringt der Aufwand?

Eine gelungene Selbstführung hilft uns im beruflichen Alltag:

  • Mit Veränderungen schritthalten – neue Fertigkeiten sind gefragt, man hat sich darüber klar zu werden, welche Kompetenzen einem fehlen, manchmal muss man in ganz andere Rollen schlüpfen. Waren Sie früher in der Galenik tätig, ist heute plötzlich der Marketingmanager in Ihnen wichtig. Das sind völlig unterschiedliche auch innere Bereiche, die erkannt, weitergebildet und geleitet werden wollen.
  • Bessere Zielerreichung.
  • Erkennen und Bewältigen von Aufgaben und Herausforderungen.
  • Selbstführung macht Führung zum Selbstläufer, da die Mitarbeiter einem Vorbild von ganz alleine folgen.
  • Mehr Entspannung.
  • Mehr Freiheit, weil man nicht ständig in die eigenen Fallen tappt, sondern sich frühzeitig auffängt.

Voraussetzung und Folge guter Selbstführung ist eine gesunde Haltung in jeder Ebene. Wenn Sie körperlich, geistig und seelisch ausgeglichen sind, ist alles leichter zu bewältigen. Um dorthin zu kommen, braucht jeder Mensch etwas anderes, je nach Veranlagung und momentanem Status. Letztlich geht es darum, sich und seine Apotheke mit Überblick und innerer Klarheit zu führen, anstatt Spielball der eigenen Stimmungen zu sein und „irgendwie“ durch den Tag zu trudeln.

Ute Jürgens, Kommunikationstrainerin und Einzelcoach, KomMed, 28865 Lilienthal, E‑Mail: KomMed@freenet.de

Buch-Tipp

Ingeborg und Thomas Dietz: Selbst in Führung – Achtsam die Innenwelt meistern. Junfermann. 2008. 22,90 €

Anna Trökes und Bettina Knothe: Neuro-Yoga – Wie die alte Weisheitspraxis auf unser Gehirn wirkt. O.W. Barth. 2014. 19,99 €

zu beziehen über den Deutschen Apotheker Verlag (Telefon: 0711/2582 341, Telefax: 0711/2582 290, E‑Mail: service@deutscher-apotheker-verlag.de)

Aktueller Wirtschaftsdienst für Apotheker 2014; 39(22):7-7