Goldpreis

Das Edelmetall ist in Spekulantenhänden


Prof. Dr. Reinhard Herzog

Ob Ebola, Ukraine oder IS – beim einstigen „Krisenmetall“ Gold herrschen weiterhin Molltöne. Zu groß ist der Einfluss der Minenbetreiber und – vor allem – der Spekulanten, um den Unzenpreis wieder klettern zu lassen. Experten warnen jetzt vor einem deutlicheren Rückschlag.

Der 30. November war für Gold-Fans ein bedeutendes Datum: Rund fünf Millionen Schweizer waren aufgerufen, über die „Gold-Initiative“ abzustimmen. Sie umfasste drei Kernforderungen: Die Schweizer Nationalbank sollte 20% ihrer Aktiva in Gold halten, dieses nicht mehr verkaufen und alle Goldreserven ausschließlich in der Schweiz lagern.

Explizit nicht vorgesehen wurde die Möglichkeit, Schweizer Franken bei der Notenbank direkt in Gold zu tauschen, auch sollte der Wert des Papiergelds ausdrücklich nicht an den Goldpreis gekoppelt werden. Ziel dieser Maßnahmen war nach Angaben eines Mit-Initiators, des Schweizer Nationalrats Luzi Stamm (Schweizer Volkspartei), vielmehr, den Goldbestand der Notenbank zu stabilisieren und so deren Kraft für möglicherweise notwendige Interventionen beim Schweizer Franken zu stärken. Denn schließlich verkauften die Eidgenossen in den vergangenen Jahren über 1.500 Tonnen Gold teilweise zu Niedrigpreisen und erwarben stattdessen insbesondere ausländische Währungen, deren Wertbeständigkeit im Krisenfall als eher zweifelhaft angesehen wird.

Mittlerweile ist die Initiative – die einen Gold-Ankauf in einer Größenordnung von 1.800 Tonnen zur Folge gehabt hätte – zwar gescheitert, dennoch spiegeln sich darin die Unsicherheiten wider, von denen das politische Gefüge derzeit geprägt ist: Länder wie die Schweiz wollen sich ein Sicherungspolster und damit politische wie wirtschaftliche Unabhängigkeit erhalten bzw. schaffen – und hier stellt Gold ein überlegenswertes Medium dar.

Ohnehin hat die Schweiz mit Goldstandards schon einige Erfahrung. Als der Franken in der heutigen Form 1850 eingeführt wurde, legte man fest, dass ein Franken 4,5 Gramm Silber oder 0,290322 Gramm Gold entsprechen müsse. Die Goldparität blieb bis in die 1930er-Jahre erhalten. Ab 1945 bestand durch die Koppelung des Franken an den US-Dollar erneut eine zumindest indirekte Verbindung zwischen dem Franken und dem Unzenpreis, die erst 1973 aufgehoben wurde.

Wirklich gut bekommen ist eine Goldkoppelung der Wirtschaft freilich selten. Sie konnte weder wirtschaftliche noch politische Krisen verhindern, zudem begrenzte sie zumindest indirekt den freien Warenhandel und die Entwicklung der Geldentwertungsrate. Und dies ist auch das wichtigste Argument gegen eine Golddeckung: Da die Wirtschaft in der Regel wächst, wird letztlich immer mehr Geld benötigt. Ist die Geldmenge aber durch die Bindung an die Golddeckung gedeckelt, kommt es dann zu sinkenden Preisen. Eine Deflation ist jedoch die schlechteste Entwicklung, die in einer Volkswirtschaft denkbar ist. Je mehr Möglichkeiten eine Notenbank zur Intervention hat, umso leichter kann sie wirtschaftliche Schieflagen in den Griff bekommen. Hierzu ist aber Flexibilität erforderlich, die bei einer Golddeckung keinesfalls gegeben ist.

Vertrauensbildende Maßnahme

Andererseits stellt eine teilweise Deckung der eigenen Währung durch Goldreserven zumindest eine vertrauensbildende Maßnahme dar, die – siehe Gold-Initiative – von der Bevölkerung durchaus gern gesehen wird. Ob davon jedoch auch die Währung profitiert, ist bei „Insellösungen“ wie in der Schweiz keineswegs garantiert. Denn bricht der Goldpreis an den internationalen Märkten z.B. um 50% ein, schwindet, zumindest theoretisch, auch der Wert der daran gekoppelten Währungen – und so bekommen möglicherweise andere Währungen die Oberhand.

Stabil ist der Goldpreis ohnehin selten. So erlebte das gelbe Metall seinen ersten Boom in den Jahren 1973 bis 1980, als sich die Unze vom staatlich festgelegten Preis von 35 US-Dollar auf zeitweise über 800 US-Dollar mehr als verzwanzigfachte. Nach dem folgenden Zusammenbruch des Goldmarktes hielten sich die Schwankungen länger als 20 Jahre in engen Grenzen, wobei eine schwächere Tendenz überwog. Erst mit der Einführung des Euro wurde Gold bei einem Preis von rund 250 US-Dollar je Feinunze als „Absicherungsinstrument“ wieder populär, und als dann noch Spekulanten einstiegen, begann eine mehrjährige Hausse. AWA-Leser, die unserer Empfehlung in der Ausgabe Nr. 8 vom 15. April 2009 folgten, konnten ihr eingesetztes Kapital in zwei Jahren nahezu verdoppeln.

Dünn wurde die Luft erst im zweiten Halbjahr 2011, als der Goldpreis mit über 1.800 US-Dollar Zeichen einer „Blasenbildung“ aufwies. Ein Verkauf war nunmehr – wie auch in der AWA-Ausgabe Nr. 17 vom 1. September 2011 empfohlen – durchaus sinnvoll, denn jetzt waren die Spekulanten auf Baisse eingestellt. Heute kostet die Feinunze rund ein Drittel weniger als zur Spitzenzeit 2011 und die Expertenmeinungen gehen hinsichtlich der weiteren Entwicklung extrem auseinander.

Auffällig ist, dass das Gold in der aktuellen Phase seiner Einstufung als „Krisenmetall“ keineswegs gerecht wird. Denn schließlich gibt es auf der politischen Seite immer mehr „Brandherde“, die nach Meinung mancher Experten eskalieren könnten – angefangen vom Nahen Osten über die Ukraine bis hin zum IS. Daneben sind auch zahlreiche wirtschaftliche Fragen weiterhin ungelöst: Die Eurokrise hat mit dem strengen Sparkurs südeuropäischer Regierungen zwar etwas an Brisanz verloren. Sollte sich die Konjunktur jedoch – wie vielfach erwartet – in den kommenden Jahren in Deutschland deutlich abschwächen, könnte es zu einem erneuten Aufflammen kommen. Denn ein Wegfall der „Wirtschaftslokomotive“ Deutschland und einiger anderer Länder könnte den Euro massiv unter Druck setzen.

Minen expandieren

Gründe für den Kursrückgang in den vergangenen beiden Jahren lassen sich in mehreren Bereichen erkennen: So hat insbesondere China zuletzt deutlich weniger Gold an den internationalen Rohstoffmärkten erworben als in früheren Jahren. Indien ist zwar verstärkt als Käufer aufgetreten, dies konnte aber den Ausfall Chinas nicht hinreichend kompensieren.

Wesentlich größere Auswirkungen hat jedoch, dass zahlreiche Goldminen etwa in Südafrika ihre Förderung zu Zeiten der Hausse massiv ausbauten. Bei einem Unzenpreis von über 1.500 US-Dollar lohnte es sich, auch Minen mit nur sehr geringem Goldvorkommen zu revitalisieren und neue Minen zu erschließen. Diese Bestände kommen jetzt auf den Markt. Gleichzeitig führen jedoch die aktuellen Konjunktursorgen zu einer eher zurückhaltenden Nachfrage aus den Wirtschaftsnationen.

Erhebliche Abhängigkeiten ergeben sich schließlich aus dem Verhalten der Notenbanken. Und hier weckte der hohe Goldpreis vor drei Jahren, verbunden mit einem beginnenden Abwärtstrend, die Begehrlichkeiten der Notenbanken, die Buchgewinne zu realisieren. Entsprechend kamen und kommen – gerade auch aus der Schweiz – große Bestände auf den Markt, der auch nicht annähernd ausreichend aufnahmebereit war und ist.

Die ganz entscheidende Rolle kommt jedoch – auch diesmal wieder – den Spekulanten zu. Für sie ist es letztlich gleichgültig, ob der Goldpreis steigt oder fällt: Mit geeigneten Instrumenten lässt sich an jedem Trend verdienen. Und wenn dann die Schwankungen zweistellige Prozentraten erreichen, kann hier wesentlich mehr verdient werden als beispielsweise mit Zinsanlagen oder auch Aktien.

Die Erfahrung zeigt im Übrigen, dass derart „spekulationsgetriebene“ Entwicklungen kaum zu stoppen sind. Entsprechend überwiegen derzeit die Meinungen, dass der Goldpreis in den kommenden Jahren noch weiter nachgeben wird.

Dies gilt auch aus charttechnischer Sicht: Der Rückgang hat nach einem runden Drittel zwar mittlerweile etwas Einhalt gefunden, jedoch führt aktuell das Unterschreiten der bei rund 1.200 US-Dollar verlaufenden Widerstandsmarken zu einem neuen Preisdruck. Die nächsten charttechnischen Barrieren liegen dann aber erst in der Bandbreite zwischen 800 und 1.000 US-Dollar – mithin deutlich tiefer als aktuell.

Vor diesem Hintergrund ist Gold daher weiterhin nicht die erste Wahl für ein rentables Investment. Anleger sollten die Entwicklung zwar nicht aus den Augen verlieren, denn bei entsprechenden politischen Konstellationen ist in einer solchen Phase auch eine schnelle Gegenbewegung nicht auszuschließen. Die Goldhausse, wie wir sie zwischen 2002 und 2011 erlebten, ist jedoch vorerst einmal Geschichte.

Aktueller Wirtschaftsdienst für Apotheker 2014; 39(24):13-13