Prof. Dr. Reinhard Herzog
Schon drei Jahre dauert die jüngste Hausse an der deutschen Aktienbörse. Wer im Herbst 2011 in Standardwerte oder Indexpapiere investierte, konnte sein Geld mittlerweile fast verdoppeln. Aber auch längerfristig sieht das Bild sehr gut aus: Investments, die kurz nach der Finanzkrise im Jahr 2009 eingegangen wurden, brachten ihren Eigentümern mehr als 150 % Gewinn. Und wer bereits im Frühjahr 2003 eingestiegen war, kommt auf stolze 240 % Wertzuwachs. Zum Vergleich: Mit Anleihen wurden im gleichen Zeitraum bei Wiederanlage aller Erträge nur rund 6 0% erzielt.
Der Wermutstropfen jedoch: Bei Aktien treten immer wieder Rückschläge auf, die oft erheblich ausfallen können. Jüngste Beispiele sind die Crashphasen 2000 bis 2003 (Indexminus: über 70 %), 2007 bis 2009 (rund 50 %) sowie 2011 (knapp 30 %). Zudem kommen die Rückschläge meist dann, wenn sich die Anleger nach mehrjährigen Kursgewinnphasen in Sicherheit wiegen und bestehende Risiken weitgehend verdrängen.
Gerade aktuell ist das Gefahrenpotenzial nicht zu unterschätzen, selbst wenn die Medien von möglichen weiteren Kurssteigerungen schwärmen. Denn schließlich beginnt die bisher sehr robuste Konjunktur auch in Deutschland zu erlahmen, zudem fürchten Anleger eine mögliche Trendwende bei den Zinsen – die sich in erheblichem Umfang am Aktienmarkt niederschlagen würde.
Auch charttechnisch haben die Börsenampeln zumindest auf Gelb geschaltet. Nach dem nur kurzzeitigen Anstieg des DAX über die psychologisch wichtige Marke von 10.000 Punkten hat sich der Index wieder abgeschwächt, wobei – dies ist ein besonders negatives Signal – auch der Gleitende 200-Tage-Durchschnitt erstmals seit 2011 wieder ins Negative gedreht hat. Hinzu kommt, dass die Unterstützungslinien des Aufwärtstrendkanals nach unten zumindest leicht durchbrochen wurden. Kann sich der DAX nicht alsbald wieder behaupten, ist ein Rückschlag um zunächst bis zu 30 % aus charttechnischer Sicht durchaus denkbar. Im Übrigen dauern Aufschwungphasen an der Börse regelmäßig zwischen zwei und vier Jahren – ein Zeitrahmen, der bald ausgereizt sein könnte.
Geldschwemme treibt den Markt
Allerdings ist derzeit auch eine gewisse „Sondersituation“ zu berücksichtigen. Die freigiebige Geldpolitik der Europäischen Zentralbank hat die Märkte in den vergangenen Jahren mit Liquidität geradezu überflutet. Das Angebot an Alternativen zur Aktienanlage ist jedoch mager: Anleihen bringen oft weniger als 1,0 % und Immobilien sind vielerorts preislich ausgereizt.
Vor diesem Hintergrund sind deutsche Aktien vorerst zwar immer noch haltenswert, jedoch sollten Anleger den Markt gut beobachten. Ein Indexrückgang unter die 9.000-Punkte-Marke müsste als Indiz für einen bevorstehenden massiven Rückschlag gewertet werden. Als Alternative sollten Investoren ihren Blick zum einen auf Produkte lenken, deren Kurse bei fallenden Basispreisen steigen, also z.B. Indexpapiere auf den Short-DAX. Darüber hinaus sollte man auch andere Märkte berücksichtigen: So zeigt etwa die amerikanische Börse zumindest vorerst noch keine Ermüdungserscheinungen. Im Gegenteil: Der Aufwärtstrend bei vielen, auch hierzulande bekannten Titeln aus dem Dow Jones-Index ist weiterhin klar intakt. Interessant erscheinen aber auch die asiatischen Märkte, die vom anhaltenden Boom in China profitieren und zudem von einer massiven Aufbruchstimmung in der Bevölkerung geprägt sind.
Nicht zuletzt sollten Anleger einen Blick auf die Rohstoffmärkte werfen, die in den vergangenen drei Jahren oftmals deutlich unter Druck standen. Hier zeichnet sich vielfach eine Trendwende ab, von der Anleger beispielsweise über den Kauf von ETCs (Exchange Traded Commodities) profitieren können.
Aktueller Wirtschaftsdienst für Apotheker 2015; 40(01):14-14