Strategie

Substanzerhalt oder Substanzverzehr?


Prof. Dr. Reinhard Herzog

„Von der Substanz leben“ ist ein bekannter Spruch und nicht gerade positiv besetzt. Nachhaltiger Substanzverzehr gilt fast schon als wirtschaftliche Todsünde. Doch ist die Situation bei näherer Betrachtung tatsächlich so klar und einfach?

Das Thema beschäftigt Apotheker genauso wie Industrieunternehmen, Eigenheimbesitzer oder ganze Staaten: Soll man laufend investieren, modernisieren und „State of the Art“ bleiben? Oder gibt es nicht Situationen, in denen „abwohnen und ernten“ die richtige Strategie darstellt? So ist „auf Crash fahren“ durchaus ein gangbarer Weg bei Produktionsanlagen und Maschinen.

Die Entscheidung ist komplexer als vielleicht gedacht. Dennoch kann man an das Thema recht rational und „schmerzfrei“ herangehen, und das spart möglicherweise sehr viel Geld und bewahrt vor „Investitionsruinen“. Letztlich sind es Abwägungsrechnungen: Was kostet die jeweilige Strategie am Ende in der Gesamtheit unter Berücksichtigung von unterschiedlichen Restwerten je nach Erhaltungszustand? Die möglichen Wege sind daher:

  • Erhalt der elementaren Betriebsfunktionen und der Sicherheit, aber nicht mehr – und insoweit auch Inkaufnahme von erhöhtem Wertverlust (forciertes „Abernten“);
  • die halbwegs werterhaltende bzw. auf die normale Abnutzung beschränkte Strategie mit einem erhöhten Erhaltungsaufwand;
  • eine Strategie der Wertsteigerung: Erhalt bzw. Erlangung einer Top-Position („Liebhaberobjekt“) bis hin zur „liebevollen Pflege“.

Sicher ist es ein Unterschied, ob wir über eher geringwertige Dinge wie einen Computer oder aber auch emotional besetzte Investitionen wie eigene Immobilien reden. Deshalb gliedern wir das Thema anhand der unterschiedlichen Güter auf.

Computer und elektronische Geräte

Fangen wir mit den auf den ersten Blick vergleichsweise einfachen Fragen an.

Angesichts des Fortschrittstempos und der überschaubaren Preise für die Hardware von Computern und sonstigen elektronischen Geräten erübrigt sich fast die Frage, ob man an seinem Rechner – wie noch vor zwanzig Jahren – laufend herumbasteln sollte, um ihm die neueste Festplatte, mehr Arbeitsspeicher oder eine neue Grafikkarte zu spendieren. Selbst Reparaturen – von kleinen Handgriffen abgesehen – lohnen bei der Hardware meist nicht.

Man muss sich sogar die Frage stellen, ob man überhaupt Garantieleistungen in Anspruch nehmen soll, bei denen das Gerät eingeschickt und wochenlang auf Reisen und damit nicht verfügbar ist. Der Ausfallschaden kann viel größer sein als der Preis des Apparates.

Bei Ihrer Apotheken-EDV sollte dagegen Ihr Wartungsvertrag zumindest solche Probleme ausschließen. Ansonsten ist es zumindest bei beruflich genutzten und elementar wichtigen Geräten immer eine ganz gute Idee, auf Ersatz im Hause zurückgreifen zu können und nicht vom Funktionieren eines einzelnen Gerätes abhängig zu sein.

Doch es gibt oft ein ganz anderes Problem: Der Wert eines Rechners oder heute auch eines Smartphones steckt nicht in der Hardware, sondern in den zahlreichen darauf gespeicherten Daten sowie der installierten Zusatzsoftware. Etliche Programmlizenzen (z.B. Office-Programme) sind zudem gerätegebunden und müssen erst deinstalliert und deaktiviert werden, bevor sie auf ein neues Gerät „umziehen“ können.

Vor allem, wenn sich viel und bisweilen sehr teure Spezialsoftware angesammelt hat, sollten Sie sich ein „Migrationskonzept“ zurechtlegen (lassen): Wie ziehe ich mit meinem Daten- und Softwarebestand problemlos um, ohne alles aufwendig von null an neu installieren zu müssen – das kann in der Tat ein oder zwei Arbeitstage verschlingen! Am Anfang stehen ein entsprechendes Backup-Programm und regelmäßige Datensicherung, das allein reicht aber ggf. angesichts der erwähnten Lizenzproblematik nicht. Denken Sie auch an so sensible Dinge wie Ihre Kommunikationsprogramme und womöglich auf dem Rechner gespeicherte Kennworte. Und entsorgen Sie ggf. den (vermeintlich) kaputten Rechner bzw. das Smartphone nicht ohne Bedacht, sondern kümmern Sie sich um die sichere Zerstörung aller Daten bzw. bauen Sie die Speichermedien aus und behalten sie.

In diesem Zusammenhang kritische Geräte sind prinzipiell die Kommissionierautomaten, denn hier wäre in der Tat die Strategie „auf Crash fahren“ gegenüber einer kontinuierlichen Wartung wirtschaftlich interessant abzuwägen. Praktisch bewahren Sie jedoch die standardmäßigen Wartungsverträge vor diesen Überlegungen.

Auto

Bei Autos reden wir bereits über höhere Beträge. Wer seine Fahrzeuge nur wenige Jahre least und anschließend auf ein neues Modell umsteigt, bewegt sich meist noch im Garantie- bzw. Gewährleistungsbereich (zumindest mit den dann empfehlenswerten Garantieverlängerungen). Dabei erübrigt sich das Thema „Substanzerhalt“ insoweit, als der Leasingvertrag hier Vorgaben macht, deren Nichtbeachten durch empfindliche Abzüge bei der Rückgabe sanktioniert wird.

Wer jedoch sein „Schätzchen“ fährt, „bis dass der TÜV sie scheidet“, steht irgendwann, meist nach etwa sechs bis acht Jahren, vor der Frage: Was lohnt jetzt noch? Für Besitzer eines Liebhaberfahrzeugs mit Oldtimer- Potenzial ist die Frage geklärt: Der Wagen wird gehegt und gepflegt... Dies gilt auch für sonstige Gegenstände mit Sammlerwert – der Preis richtet sich überwiegend nach dem Erhaltungszustand, und das bedeutet laufenden Aufwand, viel Zeit und „Liebe“. Das relativiert die manchmal überragende Wertentwicklung (teils besser als von Aktien!), die man mit Oldtimern und Sammlergegenständen gerade in jüngerer Zeit erzielen kann.

Mit einem Allerweltsmodell, das schlicht nur fahren muss, sollte man jedoch nüchterner umgehen und viel Geld sparen: So ist ein Kratzer kein Drama mehr und man fährt insoweit entspannter.

Ganz ohne Wartung geht es freilich nicht – aber an den richtigen Stellen (was auch vom Modell mit seinen individuellen Schwachpunkten abhängt): also die „Klassiker“ (Öl, Luft, Wasser etc.) und sicherheitskritische Bauteile wie Bremsen. Im Vorteil ist, wer mit technischem Blick selbst hinzuschauen vermag.

Sogar Vertragswerkstätten machen heute übrigens für ältere Autos günstige Spezialangebote, da sie wissen, dass diese Kundschaft gerne auf freie Werkstätten ausweicht.

Eine Trennung ist dann sinnvoll, wenn sich die ersten größeren Aggregate zu verabschieden beginnen oder ernste Karosserie- und Fahrwerksmängel auftreten. Dann geht es nämlich meist Schlag auf Schlag mit neuen Schäden und das „Fass ohne Boden“ droht – also rasch weg damit!

Ladeneinrichtung

Hier beginnt es langsam, ernster und strategischer zu werden. „Wohnt“ man seine Einrichtung einfach ab (und wie lange?) oder investiert man laufend und hält alles top in Schuss? Eine pauschale Antwort gibt es dafür nicht. Der erste Blick sollte stets der Wettbewerbssituation gelten: Ist Ihr Laden zwischenzeitlich der angestaubteste (auch wenn er vor zwanzig Jahren mal der angesagteste war) und ist Ihre Lage zudem nicht so top, dass die Kunden trotzdem quasi einfallen müssen? Dann sollten Sie handeln – entweder mit einem Rundumschlag oder erst einmal mit einer „Mini-Max-Lösung“, d.h. mit wenig Aufwand für den Kunden neue optische Akzente setzen, aber das grundsätzliche Innenleben und Backoffice zunächst belassen.

Schneiden Sie im Wettbewerbsumfeld immer noch ordentlich ab und erwartet das Umfeld keine „geleckten Luxusläden“ (das hängt ja sehr vom Standort ab), können Sie noch weiter „abwohnen“ – aber auch hier nicht beliebig. Zwischen „alt und etwas angestaubt“ und „vernachlässigt oder gar schlampig geführt“ besteht ein großer Unterschied. Kostenmäßig macht das oft gar nicht viel aus – für die Augen der Kunden schon. Angeschmutzte Gardinen, tote Insekten und vergilbte „Pappkameraden“ im Schaufenster, defekte Leuchtkörper, abgetretene bzw. löcherige Bodenbeläge, gerne garniert mit einer vernachlässigten Warenpräsentation: Das alles zu beheben (oder gar nicht erst auflaufen zu lassen) ist nicht teuer.

Das andere Extrem ist ein Detail-Perfektionismus, der manche Apotheke in eine Permanent-Baustelle verwandelt: Ständig muss das Neueste her, wird hier eine Freiwahlgondel aufgestellt oder dort ein Kosmetikregal angebaut und noch ein Bildschirm oder Display installiert. Die einzelnen Summen läppern sich über die Jahre zu beachtlichen Beträgen. Zudem besteht die Gefahr, dass die Apotheke am Ende auch so aussieht: immer etwas angeflickt, irgendwann nichts mehr aus einem Guss – im Grunde ein Ramschladen auf kostenmäßigem Luxusniveau.

Somit bleibt festzuhalten: Tödlich ist ein Substanzverzehr, der den Kunden unangenehm ins Auge sticht und das Image der Apotheke nachhaltig beschädigt. Ansonsten richtet sich der Investitionszyklus nach der lokalen Wettbewerbslage – es sei denn, Sie möchten als „First Mover“ mit einem dann aber wirklich frischen und innovativen Konzept den Markt aufmischen. Eine kostspielige Modernisierung, damit es hinterher ähnlich aussieht wie vorher (gar nicht so selten!), ist wirtschaftlich ebenso fragwürdig wie auf der anderen Seite völlig abgehobene und oft noch überteuerte und kurzlebige Designexperimente.

Immobilien

Die größten „Investitionsruinen“ drohen im Immobiliensektor, gerade vor dem Hintergrund der Energiewende und des „Sanierungswahns“. Statt einer langjährigen, stückchenweisen Sanierungs-Odyssee oder einer teuren Komplettsanierung, die bisweilen Neubaukosten erreicht, bietet sich in der Tat das Modell „Abwohnen“ als ernsthafte Alternative an. Wie kaum sonst, zählt bei der Entscheidung der erwartbare Wert des Objektes in einigen Jahren sowie ggf. ein Mietwert bei Fremdvermietung.

In wenig nachgefragten Peripherie- und Landlagen wird man in zehn Jahren auch für ein gut saniertes Haus nicht so viel mehr bezahlen, wie die Renovierung gekostet hat, da der lokale Markt, oft demografiebedingt, insgesamt rückläufig ist.

In nachgefragten Lagen mit langfristigen Preisanstiegen, die zudem durch hohe Neubau- und Renovierungsaktivitäten geprägt sind und wo somit die Messlatte höher liegt, kann man mit einem lediglich veralteten (nicht: historischen) Objekt schnell ins Hintertreffen geraten und somit gleich mehrfach Einbußen erleiden: beim Wert an sich, aber auch beim Mietwert. Haben gefragte solvente Mieter die Wahl, werden sie moderne Objekte auf aktuellem technischen Stand bevorzugen – und rasch müssen Sie sich dann vornehmlich mit Problemmietern auseinandersetzen. Hier können auch vergleichsweise hohe Erhaltungsinvestitionen unter dem Strich lohnen. Dann kommt es eher darauf an, wie clever man diese durchzieht (am besten am Stück, denn eine Sanierung „auf Raten“ kommt meist teurer...).

Der zentrale Punkt bei den oft umfänglichen Vergleichsrechnungen ist also die Lage und die damit verbundene langfristige Attraktivität und Wertentwicklung. In fallende Märkte zu investieren, ist immer hochgefährlich; das gilt allerdings auch für solche Märkte, die überhitzt am Zenit stehen – das muss man aber erkennen!

Mitarbeiter

Es mag erst einmal kurios klingen, aber man kann auch seine Mannschaft auf Verschleiß fahren oder aber in den Erhalt der Leistungsfähigkeit und des Wohlbefindens durch gutes Betriebsklima, laufende Schulungen und Personalentwicklungsangebote regelrecht investieren. Dementsprechend gibt es typische „Durchlauferhitzer“ als Arbeitgeber, bei denen niemand lange bleibt (wo man aber durchaus je nach Aufstellung des Betriebes trotzdem viel Sinnvolles lernen kann), oder eben Inhaber, die auf dauerhafte stabile Arbeitsverhältnisse großen Wert legen. Beides kann erfolgreich sein! So gelten Top-Unternehmensberatungen und -Kanzleien als solche „Durchlauferhitzer“ (nur die Besten und Härtesten halten durch), andere Konzerne eher als „Kuschel-Arbeitgeber“ – mit allen Schattierungen dazwischen.

Spätestens, wenn die Neurekrutierung je nach Personalangebot vor Ort und die Probleme durch zahlreichen Personalwechsel teurer werden als die Kosten für die „Mitarbeiterpflege“, sollte die Entscheidung sachlogisch klar sein. Zudem muss sich jeder fragen, in welcher Betriebsumgebung er als Inhaber täglich einen bedeutenden Teil seiner Zeit verbringen möchte!

Dr. Reinhard Herzog, Apotheker, 72076 Tübingen, E-Mail: Heilpharm.andmore@t-online.de

Aktueller Wirtschaftsdienst für Apotheker 2015; 40(01):5-5