Prof. Dr. Reinhard Herzog
Unter volkswirtschaftlichen Gesichtspunkten ist die Theorie ebenso einleuchtend wie leicht verständlich: Wenn die Notenbanken Geld in die Märkte pumpen, können Unternehmen günstig investieren und die Haushalte sich preiswert verschulden. Die Nachfrage nach Gütern wächst, die Konjunktur profitiert. Wenn sich Produkte jedoch gut verkaufen, steigen auch die Preise – und damit letztlich die Inflationsrate. Vor diesem Hintergrund raten Experten schon seit Jahren zu Finanzprodukten, die vor steigenden Preisen schützen.
In der Eurozone ist aber von steigenden Preisen nichts zu spüren: Die – offizielle – Inflationsrate ist weiterhin auf Sinkflug, die psychologisch wichtige 1-Prozent-Marke wurde längst unterschritten. Und jetzt sind es gerade die besonders beworbenen Produkte wie etwa inflationsgeschützte Anleihen, mit denen Anleger eher magere Renditen erzielen.
Unterschiedliche Geldmengen
Dass wir derzeit in einer Phase weitgehender Preisstabilität leben, hat mehrere Gründe: So haben die Notenbanken die Geldmenge nach der Finanzkrise kräftig aufgebläht und dies wird sich nach der jüngsten EZB-Entscheidung weiter fortsetzen. Allerdings haben sie mit entsprechenden Regularien selbst dafür gesorgt, dass dieses Geld oftmals gar nicht beim Endverbraucher ankommt. Die Banken scheuen – teilweise zwangsweise – jedes Risiko und betreiben ein extrem restriktives Ausleihgeschäft. Firmen und Privatkunden haben es schwer, an Kredite zu kommen, sodass die tatsächlich umlaufende Geldmenge M3 kaum gewachsen ist. Entsprechend gering ist der Effekt auf die Preise.
Ein weiterer Grund ist die aktuelle Zusammensetzung des Warenkorbs. Sie basiert auf einer historisch gewachsenen Kombination unterschiedlicher Waren und Dienstleistungen, die der private Haushalt nutzt. Hierfür steigen die Preise zwar durchaus, wie es etwa bei Mieten erkennbar ist. Andererseits sorgt die Globalisierung dafür, dass viele Produkte immer günstiger werden, z.B. durch Billigware aus Asien. Aktuell kommt hinzu, dass das Exportverbot nach Russland zu einer Schwemme von Agrarprodukten und entsprechend deutlich sinkenden Preisen etwa für Weizen oder für Milcherzeugnisse führt. Auch die Talfahrt der Ölpreise wird sich auf die weiteren Inflationsratenwerte auswirken.
Experten gehen jedoch davon aus, dass es in den kommenden Jahren zu einer deutlichen Normalisierung des Szenarios kommen wird. Sobald z.B. die US-Notenbank die Zügel wieder anzieht, werden auch die extrem niedrigen Zinsen der Vergangenheit angehören. Wenn aber die Zinsen steigen, ergeben sich daraus – zumindest vorübergehend – Kaufimpulse, gleichzeitig verteuern die Unternehmen ihre Produkte aufgrund der höheren Refinanzierungskosten. Nicht auszuschließen ist dann ein starker Nachholbedarf, d.h., die Inflationsrate könnte relativ schnell und kräftig wieder anziehen.
Für Geldanleger besteht vorerst noch kein dringender Handlungsbedarf. Allenfalls Aktien als typische Sachwerte sollten in keinem gut sortierten Portefeuille fehlen. Sobald jedoch die Inflationsrate stärker anzieht, sollte man auch im Anleihe-Portefeuille aktiv werden. Hier hilft eine bisher noch weitgehend unbekannte Anlageform: Bei Anleihen mit Inflationsschutz setzt sich der Ertrag aus einem – meist eher niedrigen – Nominalzins und einem Aufschlag auf den Nennwert zusammen, der von Jahr zu Jahr analog zur aktuellen Geldentwertungsrate ansteigt. Das angelegte Kapital bleibt also stets wertgesichert, inflationsbedingte Verluste gibt es nicht. Im Übrigen wird auch der Zinscoupon in der Regel mit der Geldentwertungsrate erhöht. Zudem weisen sie eine vergleichsweise geringe Korrelation zu anderen Anlageformen auf, sodass sie sich gut zur Depotbeimischung eignen.
Aktueller Wirtschaftsdienst für Apotheker 2015; 40(04):14-14