Prof. Dr. Reinhard Herzog
Präsentiert ein Unternehmen in einer Pressemitteilung seine aktuellsten Zahlen, halten viele Anleger den Atem an: Steigende Gewinne gelten als Basis für höhere Kurse, weiterhin günstige Unternehmensperspektiven führen oft zu einer Hausse. Gleiches gilt mit umgekehrten Vorzeichen: Muss eine Aktiengesellschaft einen Rückgang der Ertragslage oder gar einen Verlust sowie trübe Aussichten melden, droht dem Börsenkurs ein Minus. Allerdings sind es üblicherweise nur wenige Kennzahlen, die vorab z.B. in Pressekonferenzen bekannt gegeben werden, etwa der aktuelle Umsatz und der Jahresüberschuss. Ein komplexeres Zahlenwerk findet der Anleger in den Geschäftsberichten, die jährlich und quartalsmäßig publiziert werden und per Post bestellt oder online eingesehen werden können.
Struktur des Geschäftsberichts
Diese sind in mehrere Teile gegliedert. Nach den Grußworten von Vorstand und Aufsichtsrat informieren die meisten Firmen zunächst allgemein gehalten über die Umsatz- und Ertragslage der Branche. Im zweiten Teil wird in Textform über die Entwicklung des eigenen Unternehmens berichtet. Meist finden sich hier bereits mehr oder minder umfangreiche Tabellen, in denen z.B. die Umsatzentwicklung und die Ertragsentwicklung aus zwei Jahren gegenübergestellt werden.
Allein die Aufbereitung der Zahlen ermöglicht bereits erste Rückschlüsse auf die aktuelle Lage des Unternehmens. Werden wichtige Eckdaten wie Gesamtumsatz, Jahresüberschuss und Umsatzverteilung in übersichtlicher und verständlicher Form dargestellt, spricht dies grundsätzlich für ein Engagement in der jeweiligen Aktie. Meidet das Unternehmen jedoch einen Gesamtüberblick und berichtet es stattdessen detailliert über Teilbereiche, deutet dies auf eine Verschleierungstaktik hin.
Nicht selten werden beispielsweise diejenigen Unternehmensbereiche ausführlich dargestellt, die besonders erfolgreich gewirtschaftet haben – die aber für den Gesamterfolg weitgehend unbedeutend sind. Hingegen werden wirklich wichtige, aber eher ungünstig ausgefallene Zahlen nur allzu gerne vergessen oder allenfalls am Rande kurz gestreift. Auch wird stattdessen z.B. auf Umweltschutzmaßnahmen oder besondere Einzelerfolge eingegangen, die zwar meist ganz nett zu lesen sind, jedoch wenig verwertbare Informationen für den Anleger enthalten. Manchmal wird der Geschäftsbericht zudem als Werbeplattform missbraucht, etwa in Form der Vorstellung neuer Produkte oder Modelle. Hier sollten Anleger vorsichtig sein, denn derartige Verschleierungsmanöver wirken sich in aller Regel ungünstig auf den Aktienkurs aus.
Im dritten Teil geben die meisten Firmen einen mehr oder minder umfangreichen Ausblick auf die künftige Ertragslage. Gerade diese oft wenigen Textzeilen können entscheidend dafür sein, ob eine Aktie nach Bekanntgabe der Zahlen haussiert oder der Kurs einbricht: Anleger erwarten ein „gesundes Maß an Optimismus“, sodass allzu vorsichtige Ertragsprognosen oder gar der Verzicht auf Zukunftserwartungen meist ein Minus beim Kursverlauf zur Folge haben. Dabei muss sich jeder Aktienkäufer darüber im Klaren sein, dass gerade in der heutigen Zeit konkrete Prognosen nur sehr schwer möglich sind und entsprechend häufig verfehlt werden. Durchaus positiv zu bewerten sind daher freundliche, aber dennoch eher konservative Erwartungen, die dann von den tatsächlichen Zahlen übertroffen werden.
Diesen überwiegend in Textform gehaltenen Teilen schließt sich ein regelmäßig sehr umfangreiches Zahlenwerk an, bestehend aus der Bilanz und der Gewinn- und Verlustrechnung. In der Bilanz werden als „Aktiva“ alle Anlagegüter eines Unternehmens gelistet, unter den „Passiva“ findet sich die Herkunft der Mittel. In der Gewinn- und Verlustrechnung werden alle Einnahmen zusammengestellt und mit allen Ausgaben saldiert. Bilanz sowie Gewinn- und Verlustrechnung sind also letztlich nichts anderes als eine ausführlichere Darstellung der zuvor bereits genannten Zahlen, die sich hier auch wiederfinden lassen.
Wichtige Vergleiche
Ergänzt wird der Geschäftsbericht vielfach um weitere Informationen, etwa über aktuelle Beteiligungen des Unternehmens. Manche Firmen bieten auch einen besonderen Service, indem sie in einer meist auf dem Umschlag abgedruckten Tabelle die wichtigsten Kennzahlen eines längeren Zeitabschnitts wiedergeben.
Kaum ein Anleger wird sich zwar die Mühe machen, einen Geschäftsbericht komplett zu lesen. Mit etwas Übung lassen sich jedoch schnell die kursrelevanten Informationen erkennen. Von besonderer Bedeutung ist dabei neben der absoluten Höhe der jeweiligen Kennzahl die Entwicklung in der Vergangenheit, die wertvolle Rückschlüsse auf den finanziellen „Zustand“ eines Unternehmens ermöglicht.
Dies gilt vor allem für den Umsatz, der erkennen lässt, ob sich ein Unternehmen auf dem aufsteigenden Ast befindet. Positiv ist ein kontinuierlich steigender Umsatz zu bewerten, starke Schwankungen gelten ebenso wie ein nachhaltiger Rückgang als Warnsignal. Gerade zum Umsatz sollten daher auf jeden Fall die entsprechenden Passagen im Geschäftsbericht gelesen werden, erfolgen hier doch meist Erklärungen für Entwicklungen, die sich nicht auf den ersten Blick aus den Zahlen ableiten lassen.
Unterschiedliche Rechnungen
Hinsichtlich der Ertragslage sind die Unternehmen „erfinderisch“. Veröffentlicht werden u.a. Kennzahlen wie etwa ein Spartenergebnis oder ein Teilergebnis – wobei es dem Unternehmen überlassen bleibt, wie es diese Bezeichnungen exakt definiert. Aussagekräftiger ist das Betriebsergebnis, oft auch als operatives Ergebnis bezeichnet, das den Ertrag aus dem eigentlichen Geschäft zum Ausdruck bringt. Mit dem Gewinn vor Zinsen und Steuern (EBIT) und dem Gewinn vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (EBITDA) erfolgt eine modifizierte Form dieses Betriebsergebnisses – wobei auch Zinsen, Steuern und nicht zuletzt die Abschreibungen erst einmal verdient werden müssen.
Im Endergebnis findet man den Jahresüberschuss, der nach genau festgelegten Regeln errechnet wird und Auskunft über die tatsächliche Gesamtentwicklung des Unternehmens gibt. Als positiv gelten konstant steigende Zahlen, als Warnsignal ein rückläufiger Jahresüberschuss. Im Fall stärkerer Schwankungen sollte im Textteil nach Begründungen hierfür gesucht werden.
Addiert man die bilanzierten Werte für Gebäude, Produktionsmittel und Warenlager und zieht davon die Verbindlichkeiten ab, erhält man den Unternehmenswert oder den Buchwert. Aufgeteilt auf die Zahl ausgegebener Aktien informiert dieser Buchwert je Aktie über die Substanzstärke der Firma und gilt daher insbesondere in schwachen Börsenzeiten als wichtiges Informationskriterium. Zwar haben die Unternehmen bei der Bilanzierung relativ große Gestaltungsspielräume. Wenn der Börsenkurs jedoch deutlich unter dem Buchwert pro Aktie notiert, kann dies in Verbindung mit anderen Kennzahlen grundsätzlich als positives Signal gewertet werden.
Zunehmend an Bedeutung hat in den vergangenen Jahren der Cashflow gewonnen, der den tatsächlichen Mittelzufluss eines Unternehmens beschreibt. Hat beispielsweise eine Aktiengesellschaft einen attraktiven Jahresüberschuss ausgewiesen, weil sie in ihrem Stammgeschäft gute Gewinne erwirtschaften konnte, ist sie für Anleger interessanter als ein Unternehmen, das ausschließlich aus bilanztechnischen Gründen mit einem Plus abschließen konnte. Ein weiteres wichtiges Kriterium stellen schließlich die Verbindlichkeiten dar. „Schulden sind keine Schande“ gilt zwar auch für Aktiengesellschaften – aber nur dann, wenn sie auch finanziert werden können. Je höher jedoch der Schuldenberg, umso größer die Risiken im Falle einer konjunkturellen oder branchenspezifischen Flaute. Positiv ist, wenn ein Unternehmen beim Schuldenabbau gute Fortschritte erzielt hat.
Bei allen Zahlen müssen sich Anleger jedoch bewusst sein, dass es sich um Vergangenheitswerte handelt, die nicht zwingend in die Zukunft fortgeschrieben werden können. Zur „hohen Kunst“ der Aktienbewertung gehört es vielmehr, aus diesen Zahlen und den Zukunftserwartungen Prognosen für das laufende und die kommenden Jahre zu entwickeln.
Aktueller Wirtschaftsdienst für Apotheker 2015; 40(11):13-13