Kapitalanlage

Zwischen Kreativität und Risiko


Prof. Dr. Reinhard Herzog

Dominierten, von Störfeuer wie Griechenland oder der Ukraine-Krise abgesehen, bislang eher die wirtschaftlichen Jubelmeldungen, so hat sich das Blatt spürbar gedreht. Rohstoff-Crash, Wirtschaftsrisiko China, ehemalige Wachstumsländer in der Krise – der Wind bläst kühler!

Der DAX hat von seinem Höchstkurs im April bis zum 24.08.2015 gut 20% eingebüßt. Automobilwerte wie BMW oder VW sind sprichwörtlich unter die Räder gekommen und notieren über ein Drittel unter ihren noch nicht allzu lange zurückliegenden Höchstkursen. Zu sehr wiegen auf kürzere Sicht die Bedenken in Fernost, langfristig schweben über dem Autosektor die Themen alternative Antriebe, Digitalisierung und autonomes Fahren (welches die Geschäftsmodelle umkrempeln dürfte!) wie ein Damoklesschwert.

Die großen Energieversorger (E.on und RWE), ehemals „sichere Bänke“ mit hohen Dividenden, verfallen im Zuge der Energiewende immer mehr im Wert. Lösungen haben diese Konzerne noch lange nicht gefunden, und das wird so bleiben, solange die Energiewende nicht konkret abschätzbar ist. Neben den strukturellen Problemen des Energiemarktes, könnte eine mögliche Dezentralisierung der Energieversorgung (Blockheizkraftwerk im Haus!?) künftige Absatzmärkte schmälern. Ein Ende des Verfalls scheint (noch) nicht absehbar, selbst wenn die gefallenen Kurse mutige Turnaround-Spekulanten zum Einstieg verleiten.

Sogar eine hochgelobte Bayer-Aktie hat über 20% seit ihrem Hoch verloren. Etwas stabiler halten sich Fresenius und mit Abstrichen die Schwesterfirma Fresenius Medical Care. Die Dividendenrendite ist zwar gering, kontinuierlich steigende Umsätze und Gewinne treiben jedoch den Kurs auf einem nicht gerade niedrigen, aber noch akzeptablen Bewertungsniveau (Kurs-Gewinn-Verhältnisse um 20) weiter. An schwächeren Tagen zugekauft, liegt man hier langfristig sicher nicht schlecht. Anders als bei klassischen Pharmawerten, besteht im Geschäftsmodell des Krankenhaus- und Dialysemarktes nicht die riskante Abhängigkeit von einzelnen Blockbuster-Präparaten mitsamt der Problematik von Patentabläufen und der „Präparate-Pipeline“.

Eine Munich Re (Münchner Rückversicherung) mit einer blitzsauberen Dividendenhistorie (letzte Dividende 7,75 €) und einem nach wie vor sicheren Geschäftsmodell auf solider bilanzieller Grundlage lädt bei demnächst wieder möglichen Kursen um 150€ für längerfristig orientierte Anleger schon wieder zum Zugreifen ein.

Exotisches

Möchte jemand etwas „Spielgeld“ einsetzen? Der werfe einen Blick auf den Iran.

Obwohl das Atomabkommen noch u.a. von den oppositionellen Republikanern in den USA empfindlich torpediert werden kann, so tun sich in diesem Land mit 78 Mio. Einwohnern (ähnlich wie die Türkei) jetzt enorme Chancen auf. So beträgt die Wirtschaftsleistung des Irans nur etwa die Hälfte derer der Türkei, obwohl dieses Land nicht nur über enormen Ölreichtum verfügt, sondern über ein beachtliches „Humankapital“ in Form einer vergleichsweise breiten, gebildeten Mittelschicht.

Anders als in den gesättigten Industrieländern und Schwellenländern Asiens oder Südamerikas, die „abgegrast“ sind, lässt sich hier womöglich eine Wachstumsstory im frühen Stadium mitmachen. Der wichtigste Aktienindex heißt TEPIX (Marktkapitalisierung aller enthaltenen Unternehmen etwa 150Mrd.€, DAX: ca. 1.000Mrd.€). Er lässt sich leicht im Internet „googeln“.

Ein „Anleger-Trüffelschwein“ geht nun diesen Index gemäß der Wertschöpfungskette durch: Welche Firmen profitieren in einem Land, wo Modernisierungsbedarf und Investitionsstau herrschen? Bau, Technik, Infrastruktur, aber auch der Gesundheitssektor sind interessant (iranische Pharmafirmen!). Dann gräbt man sich dank Internet zu den einzelnen Firmen vor. So findet man „Schnäppchen“ ... allerdings: mit „Spielgeld“. Die Risiken sind nicht von der Hand zu weisen!

Aktueller Wirtschaftsdienst für Apotheker 2015; 40(17):16-16