Fehlzeiten

Anwesenheit stärken – zu welchem Preis?


Ute Jürgens

Bei mittelschwerer Erkrankung auf dem Zahnfleisch zur Arbeit gehen, ja selbstverständlich! Das ist guter alter Brauch in Apotheken und wird erwartet. Aber sollte man nicht lieber zu Hause bleiben und sich auskurieren? Ein Fallbeispiel als Anstoß zur Diskussion im Team.

Die Approbierte Meyer erscheint hustend und schniefend am Arbeitsplatz. Seit ein paar Tagen fühlt sie sich gar nicht gut, eine krächzende Stimme und laufende Nase hindern sie schon körperlich an der Tätigkeit im Handverkauf. Nun kommt auch noch leichtes Fieber dazu, sie fühlt sich krank und hat Schwierigkeiten, sich zu konzentrieren.

Letzte Woche hatte die Kollegin Müller eine Erkältung, jetzt ist sie im Urlaub auf den Malediven. Apothekenleiter Schmidt ist sich nun unsicher: Einerseits besteht akuter Personalmangel, wenn er Frau Meyer nach Hause schickt, andererseits kann er gut verstehen, wie diese sich fühlt. Er erinnert sich noch genau an das letzte Mal, als er lieber der Apotheke ferngeblieben wäre, aber trotzdem zur Arbeit kam.

Während er noch überlegt, taucht der ehemalige Inhaber auf und spricht Frau Meyer an: „Na, sind Sie jetzt dran? Hier spielt ja eine nach der anderen krank, das gab es früher nicht! Na, wenigstens erscheinen Sie noch am Arbeitsplatz wie es sich gehört, beim Elektroladen nebenan ist ja schon wegen Krankheit geschlossen, die müssen sich nicht wundern, wenn das Geschäft nicht läuft!“

Frau Meyer reagiert gar nicht auf seine Bemerkungen, sondern verabschiedet ihn höflich wieder, nachdem sie ihm seine Medikamente ausgeliefert hat. Danach geht sie in die Rezeptur, um die PTA-Praktikantin bei einer Defektur zu beaufsichtigen. Sie gibt ihr grünes Licht, die Praktikantin wiegt die Bestandteile ein und wundert sich, dass die Salbengrundlage sich nicht emulgieren lässt. Schließlich bemerkt sie selbst einen Rechenfehler, den auch die Approbierte übersehen hat – der gesamte Ansatz muss verworfen werden, wie ärgerlich!

Herr Schmidt ist zunehmend gereizt, da Frau Meyer nun nur noch zögernd und auf Extraanforderung in den HV geht. Nach einer halben Stunde erscheint der Ex-Chef wieder – er hat zu hoch dosierte Arzneimittel bekommen und ist wütend: „Wollen Sie mich vergiften? Das kann doch wohl nicht sein, wenn Sie nicht mit Arzneimitteln umgehen können und Ihr Handwerk nicht verstehen, gehören Sie nicht in die Apotheke!“

Erst wenn Fehler passiert sind nach Hause schicken?

Herr Schmidt schickt jetzt seine Approbierte zum Auskurieren für den Rest der Woche nach Hause und übernimmt ihre Arbeitsschichten selbst. Da es schon häufiger vorgekommen ist, dass sich kranke Mitarbeiter zur Arbeit schleppen, möchte er sich einmal grundlegend mit dem Thema Präsentismus auseinandersetzen und informiert sich im Netz.

Durchhalten – welche Gründe gibt es?

Fürs Durchhalten trotz Krankheit gibt es viele Gründe: Die Mitarbeiter möchten andere nicht im Stich lassen. Denen ist es aber oft lieber, mehr Arbeit zu haben, als sich dauernd zu vergewissern, ob ihr kranker Kollege noch kann oder schon kurz vor dem Umkippen ist. Einige Menschen haben auch Angst vor Kündigung, selbst wenn dies heutzutage eher unwahrscheinlich ist. Dazu kommt die eigene Einstellung: Kranksein empfinden viele als Schwäche und Manko.

Obwohl gerade Apothekenmitarbeiter täglich mit Patienten zu tun haben, können viele eine eigene Krankheit nicht akzeptieren und wollen sie nicht wahrhaben. Manche möchten auch ihren Chef nicht enttäuschen. Eine hohe Prozentzahl von Mitarbeitern geht nicht zur Vorsorge, es ist daher sinnvoll, wenn Arbeitgeber das (vorsichtig) ansprechen und Zeit für die Untersuchungen zur Verfügung stellen. Letztlich profitieren Betriebe davon, weil früh Erkanntes nicht so lange Ausfallzeiten verursacht.

Da Unterbesetzung in Apotheken häufig vorkommt, hält sich der Erkrankte eventuell für unersetzbar und schleppt sich deswegen zur Arbeit. Er identifiziert sich auch als Angestellter mit dem Arbeitsplatz und hat ein hohes Verantwortungsgefühl. Beides könnte jedoch auch Grund sein, nicht zu kommen: Er ist nicht zu 100 % leistungsfähig.

Wer krank ist, gehört ins Bett

Forschungen haben ergeben, dass das Durchhalten und Arbeiten bei Krankheit langfristig sowohl die Mitarbeiter als auch den Betrieb schädigt. Es dauert länger, bis die Angestellten wieder gesund sind, sie bringen nicht das normale Maß an Produktivität auf, sind unkonzentriert und machen mehr Fehler. Häufig leidet ihre Motivation, vor allem dann, wenn Chef und Kollegen die volle Leistung erwarten und bei Schwächen unwirsch reagieren.

Statt Anerkennung, dass er guten Willens ist, bekommt der Kranke Ablehnung zu spüren, weil er weniger effektiv arbeitet als sonst. Handelt es sich um eine Infektionskrankheit, besteht zudem die Gefahr der Ansteckung, in manchen Apotheken erkrankt so nach und nach das gesamte Personal.

Grundsätzlich ist es nicht so, dass jeder an jedem Tag gleich leistungsfähig ist. Wichtig ist es, unterscheiden zu lernen, ab wann man zu Hause bleiben sollte, weil man am Arbeitsplatz zur Belastung wird.

Die Gefahr des „Blaumachens“ ist in unserer Branche eher gering, dazu sind die meisten viel zu verantwortungsbewusst und kollegial eingestellt. Wenn Sie trotzdem diesen Verdacht hegen, dann liegt irgendetwas im Argen, das nichts mit einer Krankheit zu tun hat – kommen Sie dem auf die Spur und klären Sie es.

Eine Studie in Dänemark zeigte: Wenn Mitarbeiter 6-mal pro Jahr zur Arbeit statt zum Arzt gingen, hatten sie ein um 74 % erhöhtes Risiko für einen Ausfall, der länger als 8 Wochen andauerte. Bei Dauerbeanspruchung steigt zudem das Herzinfarktrisiko sprunghaft an. Auch Unfälle kommen häufiger vor und verursachen längere Krankheitszeiten.

Kommt ein Arbeitnehmer öfter mit der gleichen Krankheit zur Arbeit, anstatt das Bett zu hüten, steigt die Gefahr der Chronifizierung. Laut Forschung sind die Kosten durch Präsentismus doppelt so hoch wie beim Daheimbleiben. In den IGA.Fakten Nr. 6 (Initiative Gesundheit und Arbeit, www.iga-info.de/veroeffentlichungen/igafakten) steht: „Die sogenannte Whitehall II Studie hat gezeigt, dass schwerwiegende koronare Herzerkrankungen bei vorerkrankten Mitarbeitern ohne Fehlzeiten doppelt so häufig vorkommen wie bei vorerkrankten Mitarbeitern mit moderaten Fehlzeiten. Daraus lässt sich ableiten, dass die fehlende Schonung und Regeneration bei Krankheit ernsthafte gesundheitliche Konsequenzen bis zum verfrühten Tode nach sich ziehen kann.“

Apotheker Schmidt wird künftig seine Angestellten nach Hause schicken, wenn er Zweifel an ihrer Arbeitsfähigkeit hat und diese selbst nicht so vernünftig sind, sich krankzumelden. Er geht sogar noch weiter: Er regt unter Umständen eine Kur an, wenn jemand dauerhaft kränkelt.

Nach einigen Monaten zeigt sich: Normalerweise wird sein Angebot aufatmend und dankend angenommen. Der Chef kann sicher sein: Gerade genesen, steigen die Angestellten mit vollem Einsatz wieder ein und sind hoch motiviert, weil sie auf Hilfe und Verständnis seitens der Betriebsleitung gestoßen sind.

Fazit: Herr Schmidt weiß jetzt, dass das Verhalten der Mitarbeiter im Krankheitsfalle auch von seiner Reaktion und Einstellung als Chef abhängt. Daher stellt er klar: Jeder muss selbst entscheiden, aber ihm persönlich ist lieber, dass sich die Angestellten auskurieren, als dass sie nur unvollständig bei Kräften und Fähigkeiten in der Apotheke sind und womöglich noch den Rest der Mannschaft anstecken.

Ute Jürgens, Kommunikationstrainerin und Einzelcoach, KomMed, 28865 Lilienthal, E-Mail: KomMed@freenet.de

Aktueller Wirtschaftsdienst für Apotheker 2016; 41(16):14-14