Prof. Dr. Reinhard Herzog
Ambivalenz kennzeichnet den gegenwärtigen Zustand der Apothekenbranche. Wir sehen objektiv achtbare Zahlen, die aber nicht allen Apotheken gleichermaßen zugutekommen. Hier beginnt bereits die Spaltung.
Der Versand, noch dazu aus dem Ausland, ist zum Angstgegner und Hassobjekt schlechthin geworden. Er bedroht (aber in welchem Zeithorizont?) das Heiligste der Branche: Die Festpreise (zumindest noch im Rx-Bereich, nachdem das OTC-Segment schon 2004 leichtfertig freigegeben wurde) und perspektivisch infolge weiterer Markterosion womöglich gar das Fremdbesitzverbot. Geht es jetzt noch den Skonti und Rabatten an den Kragen, ist das Selbstvertrauen des Berufsstandes vollends aus dem Lot gebracht, welches bereits durch eine groteske Bürokratie und Bevormundungsmaschinerie empfindlich angeknackst ist.
Das wohlgemerkt vor dem Hintergrund eines 50-Mrd.-Euro-Marktes, in welchem rund 12 Mrd. Euro Rohertrag stecken und der zuverlässig um gut 3% pro Jahr wächst – von einzelnen Reformjahren abgesehen. Je Apotheke sind es gar rund 4% Umsatzzuwachs, da sich die Apothekenzahlen inzwischen regelhaft um 1% pro Jahr konsolidieren – eine im Einzelhandelsvergleich niedrige Quote. Der Ertragszuwachs bleibt dahinter etwas zurück, aber er ist unbestritten vorhanden. Nur verteilt er sich zunehmend ungleicher. Neben dem ganz bösen Versand aus Holland profitieren jedoch überproportional wachsende Segmente in der Spezialversorgung wie Parenteralia, facharztgebundene Spezialtherapeutika, eine sich zunehmend auf große „Player“ konzentrierende Heimversorgung und nicht zuletzt die Versandaktivitäten unserer heimischen Kollegen. Die Gesetzesnovellen anno 2004 („GMG“) tragen ihre „Früchte“ ...
Die „bösen Konzerne“ lauern nicht nur von außen, sie sind längst im Berufsstand in Form etlicher „Big Player“ und Clan-Strukturen mit im Extremfall hohen zwei- bis dreistelligen Millionenumsätzen angekommen. Sie haben den Status nascendi längst verlassen und sind quasi „ready for takeover“ oder gewappnet für eine Forcierung ihres Wachstumskurses. Vergessen wir auch nicht die Übernahme- und Fusionswelle unter etlichen Großen der Branche mit teils undurchsichtigen Beteiligungs- und Finanzierungsverhältnissen. Die Erweiterung des Mehrbesitzes mag der nächste Zwischenschritt sein. Da schließen sich doch einige Fragen an:
- Wie soll ein solcher Berufsstand mit einer Stimme gegenüber Entscheidungsträgern sprechen?
- Wie will man angesichts dieser unterschiedlichen Interessenslagen und Machtverteilungen die gegenwärtige Vergütungsordnung aufschnüren, ohne die Gräben noch weiter zu vertiefen?
- Wie will man „Bedürftigkeit“ demonstrieren vor einer Politik, die mit einem boomenden Niedriglohnsektor und kommender Altersarmut ihren Frieden gemacht hat und außer Sonntagsreden keine grundlegenden Lösungen anstrebt?
- Wie will man gegenüber Verhandlungspartnern selbstbewusst auftreten, solange diese stets die „nukleare Option“ (Sie wissen schon: gänzlich freie oder gedeckelte Preise und Fremdbesitz) in der Hinterhand haben?
Dass die Standesführung auf den ersten Blick wenig „druckvoll“ und viel im Hintergrund agiert, ist auch dieser Gemengelage geschuldet.
Infolgedessen befinden wir uns eher in der Rolle des Bettlers und Warners denn der eines geachteten Gestalters und Verhandlungspartners auf Augenhöhe. Und so werden wir eben behandelt: Spiel- und Manövriermasse, soweit gestützt, dass die durchaus sehr geschätzte, zuverlässige Versorgung keinen ernsten Schaden nimmt, aber eben nicht mehr. Eine Art „Bodenhaltung in Kleingruppen“. Man mag dies als Preis für unsere Schutzräume sehen, doch auch als beträchtliches Hindernis für eine selbstbewusste Weiterentwicklung.
Das Festhalten an Bestehendem kann so nur ein begrenzter Schutzschirm sein, unter welchem wir uns in weiten Teilen neu erfinden müssen – eine Überlebensfrage für einen Beruf, der zu den großen Digitalisierungs- und Automatisierungsverlierern zählen könnte. Dies gilt jetzt womöglich noch mehr in einer neuen „politischen Farbenlehre“. Das Marktpotenzial für den Wandel ist jedenfalls vorhanden!
Dr. Reinhard Herzog, Apotheker, 72076 Tübingen, E-Mail: Heilpharm.andmore@t-online.de
Aktueller Wirtschaftsdienst für Apotheker 2017; 42(19):19-19