Gedanken zum Jahreswechsel

Heiter mit Unwetterpotenzial


Prof. Dr. Reinhard Herzog

Mit Riesenschritten geht 2017 bereits wieder seinem Ende entgegen. „The same procedure as every year“ – Vorweihnachtsstress, der Laden steht voll, viele Mitarbeiter sind krank und der alljährliche Kalenderwahnsinn rollt – wenn auch im Zuge der Digitalisierung abnehmend (selbst Rentner verwalten ihre Termine zunehmend per Smartphone). Mit etwa 25%iger Wahrscheinlichkeit trifft Sie an einem der Weihnachtsfeiertage und zum Jahreswechsel ein Notdienst; Filialbetreiber können den Wert entsprechend multiplizieren.

Und für was das alles? Diese Frage dürfte zunehmend mehr Kolleginnen und Kollegen umtreiben. Das Jahresende mag hoffentlich auch Ihnen ein wenig Zeit gönnen, damit Sie Ihre Gedanken einmal etwas weitergehend kreisen lassen können.

Zunächst einmal sieht der objektive Ausblick für 2018 nicht so schlecht aus. Um 3,2% „dürfen“ die GKV-Arzneimittelausgaben nach der KBV-Rahmenvereinbarung wieder steigen, ähnlich wie im Jahr 2017 auch. Der „Schätzerkreis“, der stets im Spätherbst einen Blick in die GKV-Finanzglaskugel wirft, geht von einem 3,9%igen Anstieg der Einnahmebasis auf dann beachtliche 1.402 Mrd. € aus, davon 253 Mrd. € beitragspflichtige Renten. Das sind stolze 52 Mrd. € mehr an Beitragsgrundlage, was allein rund 8 Mrd. € zusätzliche Einnahmen einspielen sollte. „Der Rubel rollt“ tatsächlich in den Sozialkassen – und auch in den Geldbörsen der meisten Verbraucher. Selten gab es einen so lange anhaltenden Aufschwung.

Die Zahl der GKV-Versicherten wird wieder einmal deutlich zunehmen, um 1,0% auf 73,25 Millionen. Um rund 10 Mrd. € oder 4,3% auf dann etwa 236 Mrd. € werden wohl die Gesamtausgaben klettern; die Verwaltung inklusive Telematik frisst davon 11,9 Mrd. € bzw. 5,0%. Sozialpolitische Armut sieht anders aus! Die Republik hat schon ganz andere Zeiten erlebt, mit fünf Millionen Arbeitslosen und ständig „roten Zahlen“. Gleichzeitig befinden sich die Kapitalmärkte und Immobilienpreise auf Höchstständen – die daraus resultierenden Vermögenszuwächse können im Einzelfall diejenigen aus schlichter Arbeitsleistung deutlich übertreffen. Und dennoch will keine rechte Zufriedenheit aufkommen.

Wer auf einem Gipfel steht, schaut um sich herum eben nur in Abgründe. Wer dann nur neidvoll die noch höheren Nachbarberge im Blick hat, verkennt, dass der Weg dorthin erst einmal durch ein Tal führt.

Die Apotheken stehen, gesamthaft betrachtet, durchaus in einer Gipfelposition, auch wenn Teile der Mannschaft in Halbhöhen- oder gar Tallage festhängen. Das Thema Versandhandel, das Honorargutachten, die unklare politische Situation – all dies verunsichert hingegen. Nicht wenige haben eine Menge zu verlieren. Absturzängste werden wach, wenn man sich von scheinbar übermächtigen und ungezügelten Gegnern umzingelt sieht. Selbstwertkrisen keimen auf, wenn immer mehr Arbeit gefordert wird. Arbeit und volkswirtschaftlich sinnvolle Leistung sind jedoch nicht dasselbe – und diesen Unterschied bekommen die Apotheken auch immer wieder schmerzhaft vor Augen geführt. Ohnmacht entsteht, wenn man Objekt der Begierde ist und selbst wenig bewegen kann, vielmehr von anderen Akteuren getrieben wird.

„Beyond the peak“ – was kommt nach dem Gipfel? Diese Frage sollte Sie im Jahr 2018 verstärkt umtreiben. Der Schwerpunkt sollte dabei eher darauf liegen, Gewinne zu realisieren (an Gewinnmitnahmen ist schließlich noch niemand gestorben!), als darauf, zusätzliche Risiken einzugehen. Das gilt insbesondere für die Kapitalmärkte, die eine oder andere Immobilie, aber auch für manche Apotheke. Merke: Einen Abstieg bzw. den irgendwann dann erneut kommenden Wiederaufstieg geht man tunlichst mit leichterem Gepäck! Hierfür braucht es jedoch etwas Muße und Übersicht abseits des täglichen Hamsterrades. Nur so kann man sich solch einer Bestandsaufnahme widmen.

So wünsche ich Ihnen neben besinnlichen und entspannenden Feiertagen im Kreis lieber Mitmenschen vor allem diese ruhigen Stunden, um eine private Jahresbilanz zu ziehen und nicht zuletzt eine „persönliche Inventur“ über Ihren Betrieb hinaus vorzunehmen!

Dr. Reinhard Herzog, Apotheker, 72076 Tübingen, E-Mail: Heilpharm.andmore@t-online.de

Aktueller Wirtschaftsdienst für Apotheker 2017; 42(24):19-19