Das Wir-Gefühl stärken

Wie Sie den Teamgeist in Corona-Zeiten fördern


Emanuel Winklhofer

Nicht nur bei unseren eigenen Einkäufen oder in Kundengesprächen – nein, auch in Apothekenteams merken wir inzwischen, dass die Menschen durch Corona an ihre Belastungsgrenzen kommen. Darunter leidet nicht zuletzt der Teamgeist. Wie können Sie den wieder auffrischen?

Wer im Augenblick das Verhalten auf der Straße oder im Supermarkt beobachtet, könnte glatt den Eindruck gewinnen, dass viele Menschen zu selbst ernannten Staatsanwälten mutieren. Wehe, die Maske sitzt einmal versehentlich nicht so, wie sie sitzen sollte, oder der Abstand wird auch nur für eine Sekunde zu gering: Schnell erntet man Proteststürme (über-)besorgter Mitbürger.

Selbst in manchen Apothekenteams gibt es "Empörungsbeauftragte", die es sich zur Aufgabe gemacht haben, andere unmissverständlich auf jegliche Art von Fehlverhalten hinzuweisen. Das trägt allerdings nicht zu einem wertschätzenden Umgang bei, sondern belastet vielmehr das Betriebsklima.

Niemand von uns hat sich die derzeitige Situation gewünscht, und die Auswirkungen der Krise belasten uns alle. Deshalb ist es gerade jetzt besonders wichtig, dass wir uns gegenseitig wertschätzen, freundlich miteinander sprechen und andere Teammitglieder weder durch unhöfliche Kommentare noch durch Sticheleien verletzen. Wenn Sie merken, dass so etwas in Ihrem Team trotzdem passiert, hilft es, mit den jeweiligen Mitarbeitern ein ehrliches Gespräch nach den Regeln des konstruktiven Feedbacks zu führen (vgl. dazu AWA 7/2017).

Bedürfnisse und Gefühle

Wir alle haben Bedürfnisse, die gesehen, gehört und ernst genommen werden wollen. Alles, was Menschen tun, ist ein Versuch, diese Bedürfnisse zu erfüllen. Werden sie erfüllt, fühlen wir uns z.B. bewegt, erfreut, fasziniert, heiter, motiviert oder vergnügt. Werden sie nicht erfüllt, fühlen wir uns z.B. ängstlich, ärgerlich, bestürzt, einsam, frustriert, hasserfüllt oder streitlustig.

Dass unerfüllte Bedürfnisse die Ursache einer bestimmten Wirkung (z.B. eines Verhaltens) sein können, sehen wir oft nicht. Wir halten vielmehr den (wahrnehmbaren) Auslöser für die Ursache. Ein Beispiel: Im Team herrscht gerade schlechte Stimmung (Wirkung). Nun glauben wir, die Ursache wäre z.B. eine provozierende Bemerkung. In vielen Fällen ist diese aber nur der Auslöser, weil ein Bedürfnis nach Anerkennung, Vertrauen oder Wertschätzung nicht bedient wurde (eigentliche Ursache). Es folgt ein negatives Gefühl, und die andere Person wird zur psychologischen Projektionsfläche, bei der Ärger, Wut, Druck oder Streit abgelassen werden.

Um solch unerwünschten Wirkungen vorzubeugen, sollten wir also die Ursachen verstehen. Hier kann uns ein bekanntes sozialpsychologisches Modell helfen: Die Maslowsche Bedürfnispyramide (Abbildung 1).

Daran können wir erkennen, dass die Probleme in der Pandemie auf der ersten Stufe beginnen: Einige Menschen fürchten um das reine Überleben.

Die Sicherheit – als das zweitwichtigste unserer Bedürfnisse – ist ebenfalls oft infrage gestellt:

  • Neben dem Überleben kann das Virus die Gesundheit plötzlich massiv bedrohen.
  • Viele Arbeitsplätze sind nicht mehr sicher.
  • Die Einkommen können trotz staatlicher Unterstützung stark schwanken.
  • Vermögenswerte verlieren möglicherweise stark an Wert.
  • Die Bildung in den Schulen funktioniert nicht.
  • Die Kinderbetreuung in Kitas ist nicht immer möglich usw.

Alle diese Faktoren bringen auch unser mit viel Einsatz geschaffenes Gleichgewicht beim Thema Sicherheit ins Wanken – und können dann die Ursachen für Ängste sein, die sich als Ärger an ganz anderen Stellen äußern.

Den Abstand verringern

Auch auf der dritten Pyramidenstufe, den sozialen Bedürfnissen, sind wir gerade sehr stark eingeschränkt: Wir dürfen kaum mit anderen Menschen zusammen sein und Freunde nur bedingt treffen. Außerdem ist die körperliche Nähe zu anderen durch die auferlegten Hygienemaßnahmen stark eingeschränkt – was sich immerhin etwas durch emotionale Nähe ausgleichen lässt: Privat helfen hier Telefonate mit lieben Menschen sehr, besonders wenn sie visuell über Skype, Zoom oder andere Plattformen erfolgen.

In der Apotheke hingegen treffen sich die Teammitglieder den Regeln entsprechend noch direkt. Umso wichtiger ist es, dass das Team hier einen respektvollen und netten Umgang miteinander pflegt: Schon morgens, wenn alle ankommen, ist es viel schöner, sich gegenseitig mit dem Namen zu begrüßen, als nur ein kaum hörbares "Morgen" zu nuscheln.

Ganz wichtig ist, dass Sie das Gespräch mit Ihren Mitarbeitern suchen und sich auf einer sehr persönlichen Ebene austauschen. Leider glauben wir manchmal, für diese Gespräche keine Zeit zu haben. Das zählt aber nicht! Nehmen Sie sich die Zeit, sie ist gut investiert! Denn wenn Sie sie nicht aufbringen, signalisieren Sie damit: "Das ist mir nicht wichtig!" Wichtig sind diese Gespräche aber allemal – nicht nur für das Seelenwohl der Mitarbeiter, sondern auch für Ihr eigenes!

Ned gschimpft ... !?

Auch auf der vierten Pyramidenstufe, den Geltungsbedürfnissen, können wir lernen, wie sich der Teamgeist in der Pandemie verbessern lässt: Jeder Mensch braucht Lob und Anerkennung. Beginnen müssen wir zunächst natürlich wieder bei uns selbst: Viel zu oft versuchen wir verzweifelt, Lob und Anerkennung von anderen zu erhalten, weil wir uns selbst zu wenig loben und anerkennen. Ein schönes Bild hierzu: Eigenlob und Eigenliebe müssen immer die Hauptspeise sein, Fremdlob und Fremdliebe die Nachspeise. Nicht umgekehrt!

Sobald wir das verstanden haben und tatsächlich umsetzen, funktioniert Lob auch in der Apotheke wie ein Ölkännchen: Wenn es da ist, läuft vieles wie geschmiert. Loben Sie als Chef Ihr Team also immer wieder. Dafür gibt es allerdings ein paar Regeln:

  • Sprechen Sie die zu lobende Person mit Namen an!
  • Halten Sie Blickkontakt!
  • Nennen Sie nur einen positiven Punkt, und nicht mehrere. Denn sonst werten Sie die einzelnen Punkte gleich wieder ab!
  • Begründen Sie Ihr Lob! Das ist wichtig, damit Ihr Gegenüber erkennt, womit es einen besonderen Beitrag geleistet hat.

Ein Beispiel: "Vielen Dank, Lisa, dass Sie die Medikamente gestern Abend noch bei Herrn Kränkelig vorbei gebracht haben. Mir ist es sehr wichtig, dass wir schnell reagieren und unsere Kunden zufrieden stellen! Vielen Dank dafür!"

Doch Vorsicht: Manche Apothekenchefs verfahren nach dem schwäbischen Führungsmodell: "Ned gschimpft isch globt gnuag!" Das reicht aber eben nicht aus! Nutzen Sie das Lob also als großen Motivationsfaktor, zumal Sie immer auch positive Punkte finden, wenn Sie genau hinschauen! "Onds koscht au nix!"

Selbstbewusstsein fördern

Als Apothekenleitung soll es Ihre Aufgabe sein, Menschen zu fördern und zu entwickeln. Es gilt also, alle im Team dabei zu unterstützen, das fünfte Maslowsche Bedürfnis, die Selbstverwirklichung, zu erfüllen. Erreichen können Sie das z.B., indem Sie Aufgaben delegieren, die Mitarbeiter eigenständige Entscheidungen treffen lassen und Fortbildungen fördern, die die persönliche Kompetenz steigern und somit zu einem positiven Selbstbewusstsein beitragen.

Grundsätzlich ist natürlich immer auch das Team gefordert. Denn ein guter Teamgeist erfordert eine positive Einstellung auf allen Seiten – und immer wieder den gemeinsamen Einsatz.

Service

Ein kostenfreies 3-Minuten-Video zum Thema finden Sie unter der Rubrik "AWA" auf der Homepage des Autors.

Emanuel Winklhofer, Apotheker, Agentur für Kommunikation, Seminare und Coaching, 93197 Zeitlarn, E-Mail: coaching@winklho.de

Aktueller Wirtschaftsdienst für Apotheker 2021; 46(05):10-10