Gemeinsam für die Zukunft

Wie wir die Dinge selbst in die Hand nehmen können


Beatrice Guttenberger

Unser Berufsstand hat an vielen Ecken und Enden zu kämpfen – denken wir nur an die AvP-Insolvenz, die ausländischen Versender oder die Negativ-Publicity bei der Maskenabgabe. Ein neuer Verbund will die Interessen der Vor-Ort-Apotheken öffentlichkeitswirksam vertreten.

Noch ist es allen frisch in Erinnerung: Im Herbst 2020 hat die Insolvenz des Abrechnungsdienstleisters AvP unsere Branche erschüttert und rund ein Sechstel aller Kollegen bis ins Mark getroffen. Existenzen standen und stehen seitdem auf der Kippe.

Der gesamte Umgang mit dieser Situation, der ausbleibende Aufschrei, der fehlende politische Wille zur schnellen Hilfe und die oftmalige Kraftlosigkeit mancher sogenannter Interessenvertretungen waren und sind leider symptomatisch. Und obwohl es einige unnachgiebige "Streiter" gegen die ungleich langen Spieße (Stichwort: Rx-Boni) gibt, wird die Klientelpolitik für ausländische Versandapotheken im Gesundheitsbereich doch von vielen einfach so hingenommen. Bei alledem kommt hinzu, dass wir untereinander zu wenig Solidarität leben.

Ein gemeinsamer Marathon

Ich selbst habe mich daher im letzten Jahr entschlossen, aktiv zu werden, statt nur zu meckern – und zunächst einen Brief an den bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder sowie an Bundesgesundheitsminister Jens Spahn verfasst. Eine zufriedenstellende Rückmeldung blieb leider aus.

Über einen anschließenden offenen Facebook-Post mit der Forderung nach schneller und unbürokratischer Hilfe ließen sich knapp 52.000 Menschen erreichen. Der Beitrag wurde 322 Mal geteilt und erzeugte auch mediales Interesse. Es gab sehr viele positive Rückmeldungen von Kollegen, mit denen ich mich – zunächst über WhatsApp-Gruppen – intensiv ausgetauscht habe. Ganz nach dem Credo: Miteinander, nicht gegeneinander!

Mit der Zeit entstand so die Idee, unserem Tun und Handeln mehr Struktur zu geben. Am Ende haben wir den "Verbund Starke Apotheke" gegründet.

Dieser Verbund kann und soll nicht ohne Weiteres in das Schema der bestehenden Interessenvertretungen eingeordnet werden. Wir verstehen uns auch nicht als einen Ersatz für die Verbände, sondern vielmehr als deren Ergänzung – und hoffen deswegen auch, langfristig intensiv mit unseren offiziellen Interessenvertretungen kooperieren zu können.

Uns war von vornherein klar, dass es ein Marathon wird – kein kurzer Sprint. Inzwischen sind wir rund 200 Apotheker und PTA. Und je mehr es werden, umso professioneller können wir arbeiten.

Auf zu mehr Expertise ...

Unser Ziel ist es, eine Struktur aufzubauen, mit der wir bisherige Einzelkämpfer "bündeln" und offensichtlich notwendige Forderungen als Ansprechpartner für die Politik zentralisieren können. Dazu benötigen wir neben einem engagierten Personalstamm auch ausreichende finanzielle Mittel, um uns das notwendige Expertenwissen leisten zu können.

Denn viele Probleme, vor denen der Berufsstand gerade steht, lassen sich nur mithilfe eines starken interprofessionellen Netzwerkes lösen. Wir benötigen ehrgeizige und kluge Köpfe aus unterschiedlichen Professionen, die den steinigen Weg hin zu einer realistischen Umsetzung unserer Anliegen ebnen, so z.B.:

  • Juristen und Informatiker, um rechtliche und technische Lösungen für das E-Rezept zu erarbeiten, die unsere Interessen widerspiegeln,
  • professionelle Netzwerker, um den Dialog mit den bestehenden Berufsverbänden sowie der Politik zu intensivieren. Denn die Anfragen und Anliegen von Einzelmitgliedern bleiben – so zumindest unsere Erfahrung – gerne mal unbeantwortet.
  • PR-Profis, um Kampagnen zu gestalten, die den Blick der Entscheidungsträger auf bestehende Missstände lenken und sie veranlassen, sich für die Vor-Ort-Apotheken einzusetzen. Die PR-Profis sollen auch die sonstige Öffentlichkeitsarbeit übernehmen, die Schlagzeilen im Auge behalten und schnell für uns reagieren (Stichwort: Masken-Bereicherungsvorwürfe). Nicht zuletzt gilt es, unsere Kunden darüber aufzuklären, welche Folgen es heute und morgen für sie hat, wenn das Apothekensterben Fahrt aufnimmt!

Wenn andere diese Aufgaben zumindest in Teilen für uns übernehmen, können wir uns endlich wieder verstärkt um das kümmern, was unsere eigentliche Aufgabe ist: Die Beratung zu und der Verkauf von Arzneimitteln.

... und zu einer besseren Kommunikation

Eines unserer wichtigsten Anliegen ist es, durch unsere gemeinsame Arbeit und den regen Austausch ein Gefühl von Gemeinschaft und Solidarität in der Apothekerschaft aufzubauen. Wir müssen endlich das oftmals etablierte schadhafte Konkurrenzdenken und die gegenseitige Missgunst ablegen!

Mit unserer Homepage www.starkeapotheke.de haben wir bereits eine verbindende Kommunikationsplattform geschaffen, die einen regen Gedanken- und Themenaustausch ermöglicht.

Wir wollen aber auch den schnellen standesinternen Informationsaustausch vorantreiben, wenn es beispielsweise um Fragen geht, wie:

  • Wo lässt sich auf die Schnelle Ethanol zur Herstellung von Desinfektionsmitteln auftreiben?
  • Wo gibt es günstige Bezugsmöglichkeiten von FFP2-Masken, Corona-Schnelltests etc.?

Denn die derzeitige Zersplitterung in viele kleine Informationsblasen bei WhatsApp und Co. lässt wertvolle Tipps im Verborgenen, die sehr viele von uns bereichern könnten. Wenn es uns hingegen gelingt, besser und effizienter miteinander zu kommunizieren, bietet unser Verbund großes Potenzial.

Was Sie tun können

Wir alle müssen gerade die wirtschaftlichen Unwägbarkeiten stemmen und sind coronabedingt vielleicht auch noch anderweitig belastet, sodass es oftmals schlicht an der Zeit für ein Ehrenamt fehlt.

Wer aber seine Stimme nicht erhebt, entscheidet nicht aktiv mit, sondern lässt geschehen. Alle, die das nicht wollen, haben bei uns ein demokratisches Mitbestimmungsrecht und können unsere Themen und Forderungen ebenso wie unsere Aktionen aktiv mitgestalten. Es wird nichts hinter verschlossenen Türen besprochen, jeder kann und soll aktiv daran mitwirken, den Verbund so zu entwickeln, dass er für den Berufsstand einen maximalen Nutzen erzielt.

Somit ist jeder Einzelne gefordert. Denn wir wollen nicht nur Experten beauftragen, sondern übernehmen auch eigene Aufgaben. So gilt es u.a., zu aktuellen Problemen zu recherchieren sowie Themenpapiere und Lösungsvorschläge zu erarbeiten. Schließlich ist unser Ziel, die politischen Entscheidungsträger mit Fakten und Zahlen zu überzeugen.

Ein Beispiel: Ende vergangenen Jahres erklärte das Bundesgesundheitsministerium, dass es keine Lieferengpässe für Grippeimpfstoffe gebe. In der Realität sah das aber ganz anders aus, denn viele von uns hatten da schon längst keinen Impfstoff mehr an Lager. In solchen Situationen wollen wir zukünftig durch belastbare Umfragen als Korrektiv auftreten – auch für die Medien und die Patienten!

Eine Herzensangelegenheit

Die Arbeit vieler Apotheken ist unersetzlich – das zeigt nicht zuletzt die Coronakrise. Dennoch werden wir medial oftmals kaum (oder allenfalls negativ) wahrgenommen und politisch zusehends demontiert. Als "Verbund Starke Apotheke" wollen wir das ändern.

Zwar verfügen wir (noch) nicht über starke, gewachsene Strukturen. Dafür aber sind wir ein Kreis aus Apothekern und PTA, die ihren Beruf allesamt lieben – und sich deshalb für den Erhalt der öffentlichen Apotheke einsetzen.

Beatrice Guttenberger, Inhaberin Rats-Apotheke, Gründerin Verbund Starke Apotheke, 97199 Ochsenfurt, E-Mail: guttenberger@ratsapo24.de

Aktueller Wirtschaftsdienst für Apotheker 2021; 46(09):12-12