Interview mit Heidi Jungbeck, Inhaberin der Apotheke im Bernauer Ärztezentrum

"Ich würde am liebsten gestern schon loslegen!"


Dr. Hubert Ortner

Seit 2009 leitet Heidi Jungbeck die Apotheke im Ärztezentrum in Bernau/Chiemsee. Den Einstieg in die COVID-19-Impfkampagne sieht sie als "notwendiges Angebot". Wir befragten die Apothekerin zu den Chancen, Risiken und Nebenwirkungen – etwa in Gestalt schmollender Ärzte.

Heidi Jungbeck: "Ich will meinen Kunden klar signalisieren, dass wir auch in der Pandemie für sie da sind. Und ich halte die COVID-19-Impfung für ein notwendiges Angebot, um als vollwertige Apotheke dazustehen.“

Frau Jungbeck, braucht Deutschland zusätzlich zu Ärzten, Kliniken und Impfzentren wirklich auch noch impfende Tierärzte und Apotheker, um der Corona-Pandemie Herr zu werden?

Jungbeck: Als Apotheker können wir das bestehende Impfangebot mit Sicherheit gut ergänzen. Ob es quantitativ wirklich nötig ist, lässt sich schwer beurteilen: Jeder sieht ja jeweils nur einen Ausschnitt des Ganzen. Für unsere Kunden ist das jedenfalls ein unkomplizierter Weg mit einer sehr niedrigen Hemmschwelle, sich in unserer Apotheke gegen COVID-19 impfen zu lassen: Wir kennen die Leute meist persönlich, das ist für die dann etwas ganz anderes als in einem großen Impfzentrum.

Wann soll in Ihrer Apotheke der erste Kunde gegen COVID-19 geimpft werden, und wie hoch schätzen Sie die Nachfrage für die erste Phase ein?

Jungbeck: Wir sind startklar, und ich würde am liebsten gestern schon loslegen!

Die Voraussetzungen dafür haben wir alle erfüllt: Ich habe an den vorgeschriebenen Schulungen teilgenommen, wir haben geeignete Räume für die Impfungen, und die Haftpflichtversicherung steht.

Wie hoch die Nachfrage tatsächlich sein wird, lässt sich nur schwer einschätzen: Da müssen wir uns erst langsam herantasten. Zunächst werde ich alleine impfen, falls Bedarf besteht, würde ich noch ein bis zwei Apotheker aus unserem Team dazu nehmen. Als realistisches Ziel für die Anfangszeit sehe ich 20 bis 30 COVID-19-Impfungen pro Woche. Das Ganze lebt von einem hohen Maß an Spontanität und Flexibilität.

Wo haben Sie das Schulungsprogramm absolviert? Wenn Sie damit Mitte Januar schon durch waren, dann scheidet die Landesapothekerkammer ja wohl aus …

Jungbeck: Ich habe das Angebot von Semedi genutzt und Ende Dezember den Theorie-, Anfang Januar dann den Praxisteil absolviert. Die machen tolle Schulungen mit einem exzellenten Praxisteil. Damit war ich mit den Schulungen schneller fertig, als die bayerische Landesapothekerkammer überhaupt ihre Termine herausgebracht hat.

Hatten Sie sich seinerzeit auch an dem Modellprojekt für Grippeimpfungen beteiligt?

Jungbeck: Nein, damals war das für mich noch kein Thema.

"Ich will den Ärzten ja nichts von ihrem Kuchen wegessen. Wir arbeiten doch an einer gemeinsamen Sache – der Bekämpfung einer Pandemie und der bestmöglichen Versorgung der Patienten!"

Was war Ihre Motivation, sich mit Ihrer Apotheke in die Corona-Impfkampagne einzuklinken? Was versprechen Sie sich davon?

Jungbeck: Ich will meinen Kunden klar signalisieren, dass wir auch in der Pandemie für sie da sind. Und ich halte die COVID-19-Impfung – nach den Schutzmasken und Antigen-Schnelltests – für ein notwendiges Angebot, um als vollwertige Apotheke dazustehen.

Mir geht es dabei nicht so sehr um die wirtschaftliche Seite, da wird vieles recht engstirnig gerechnet: Ich schaue mehr aufs große Ganze und entscheide mich oft nach Intuition – bin damit aber bislang gut gefahren.

Apropos wirtschaftliche Seite: Wie bewerten Sie die Vergütung, die Apothekern ja dasselbe Honorar beschert wie Ärzten? Steht zu befürchten, dass eine Honorarkürzung für Apotheker – wie seinerzeit bei Jens Spahn üblich – nur eine Frage der Zeit ist?

Jungbeck: An der Vergütung ist nichts auszusetzen. Für mich ist es aber in der Tat nur eine Frage der Zeit, bis das Honorar für Apotheker wieder gekürzt wird. Leider können wir die Politik nicht ändern: Heute so, morgen so und übermorgen wieder ganz anders – wir müssen das Beste daraus machen.

Ein Argument vonseiten der Ärzte ist für mich schon nachvollziehbar: Falls es mal tatsächlich zu einem Notfall nach einer Impfung kommt – was äußerst selten vorkommt – dann wird wohl der nächste Arzt ausrücken müssen.

Wie reagieren die niedergelassenen Ärzte in Bernau auf die demnächst (noch dazu im Ärztezentrum) impfende Apothekerin Jungbeck – eher pragmatisch oder verschnupft?

Jungbeck: Vonseiten der bayerischen Landesapothekerkammer hat man mir gesagt, dass die Ärztekammer sich dagegen querstellt, dass bald auch Apotheken gegen COVID-19 impfen werden. Ich glaube, das Virus muss sich angesichts der politischen Diskussionen der letzten zwei Jahre schon tot gelacht haben ...

"Für mich ist es nur eine Frage der Zeit, bis das Honorar für Apotheker, die gegen COVID-19 impfen, wieder gekürzt wird. Leider können wir die Politik nicht ändern: Heute so, morgen so und übermorgen wieder ganz anders – wir müssen das Beste daraus machen."

Von den Ärzten in Bernau habe ich dazu noch nichts gehört, weil wir ja auch noch nicht mit dem Impfen begonnen haben. Aber ich will denen ja nichts von ihrem Kuchen wegessen und werde bestimmt nicht im Treppenhaus die Patienten, die auf dem Sprung in die Arztpraxis sind, versuchen umzustimmen, sich doch in meiner Offizin impfen zu lassen. Wir arbeiten doch als Apotheker und Ärzte an einer gemeinsamen Sache – der Bekämpfung einer Pandemie und der bestmöglichen Versorgung der Patienten!

Und wie haben Sie das Raumproblem gelöst? Bezahlbare, fürs Impfen geeignete Innenstadt-Flächen sind bekanntlich gleichermaßen rar wie teuer.

Jungbeck: Da hatten wir großes Glück: Direkt gegenüber unserer Apotheke stehen schon länger geeignete Geschäftsräume leer. Die konnten wir bereits für die Corona-Tests zu fairen Konditionen anmieten und jetzt auch wieder für die COVID-19-Impfungen. Das passt sehr gut.

Welche Werbemaßnahmen haben Sie geplant, um impfwillige Kunden gezielt anzusprechen?

Jungbeck: Wir wollen unser Corona-Impfangebot eher ruhig anlaufen lassen. Geplant habe ich unter anderem Social-Media-Werbung auf Instagram und Facebook sowie in unserem Lokalblatt. Und natürlich werden wir die Kunden in unserer Apotheke auf das Angebot hinweisen.

Im Vordergrund steht zunächst aber, wie gesagt, erste Praxiserfahrungen zu sammeln und das Angebot dann Schritt für Schritt auszubauen. Wenn man etwas Neues anfängt, dann ist das in den seltensten Fällen von Beginn an ein Riesenerfolg – das muss sich erst entwickeln.

Das Interview führte Dr. Hubert Ortner

 

COVID-19-Impfungen in Apotheken: Das sind die Rahmenbedingungen

Seit Inkrafttreten der "Zweiten Verordnung zur Änderung der Coronavirus-Impfverordnung und Coronavirus-Testverordnung" am 12. Januar zählen Apotheken offiziell zu den berechtigten Leistungserbringern von Schutzimpfungen gegen SARS-CoV-2. In der Verordnung sind die Voraussetzungen für die Impfstoff-Bestellung ebenso geregelt wie die Vergütung, Abrechnung und Meldepflichten von Apotheken.

  • Voraussetzungen: Um Vakzine gegen SARS-CoV-2 für eigene Impfungen bestellen zu können, müssen Apotheker gegenüber ihrer Landesapothekerkammer eine Selbsterklärung zu folgenden Punkten abgeben:
  • Nur berechtigte Personen werden COVID-19-Impfungen durchführen.
  • Es stehen geeignete Räume zur Verfügung.
  • Die potenziellen Risiken der Impfung sind von einer Betriebshaftpflichtversicherung abgedeckt.
  • Vergütung:
  • Das Honorar für die Impfung durch Apotheker ist genauso hoch wie bei den Ärzten: 28 € an Werktagen bzw. 36 € an Wochenenden und Feiertagen (mehrwertsteuerfrei).
  • Für einen Patientenbesuch zwecks Impfung können 35 € abgerechnet werden, für jede weitere Person in derselben Einrichtung 15 €.
  • Das Erstellen eines digitalen Impfzertifikats wird mit 6 € brutto vergütet.
  • Die Beschaffung des Impfstoffs wird mit 7,58 € zzgl. USt. je Vial vergütet.
  • Datenübermittlung:
  • Die Übermittlung der Impfdaten ans Robert Koch-Institut läuft über das elektronische Meldesystem des Deutschen Apothekerverbands (DAV).


Darüber hinaus müssen Apotheken über entsprechend geschultes Personal verfügen: Wer impfen möchte, muss zuvor das von der Bundesapothekerkammer erstellte Curriculum zur
"Durchführung von Schutzimpfungen gegen das Coronavirus SARS-CoV-2 durch Apotheker" durchlaufen haben. Dieses besteht aus einem theoretischen und einem praktischen Teil und umfasst insgesamt 12 Einheiten á 45 Minuten.

Dr. Hubert Ortner, Biochemiker, Chefredakteur AWA, E-Mail: hortner@dav-medien.de

Aktueller Wirtschaftsdienst für Apotheker 2022; 47(03):6-6