Ein "kräftiger Schluck aus der Pulle"?

Implikationen des neuen Apothekentarifs


Prof. Dr. Reinhard Herzog

In der aktuellen Lohnrunde 2022 ist den Arbeitnehmervertretern um die Apothekengewerkschaft ADEXA eine schöne Steigerung der Löhne vor allem in den unteren Gehaltsstufen gelungen, erhalten doch alle einen kräftigen festen Lohnzuschlag. Welche Konsequenzen hat das?

Rund 6 Millarden Euro bezahlten die deutschen Apotheken an Löhnen und Gehältern einschließlich der gesetzlichen Lohnnebenkosten im letzten Jahr. Jeder Prozentpunkt mehr an Lohn belastet die Apotheken also jährlich mit etwa 60 Mio. €, die aus den Roherträgen (und nicht irgendwelchen schönen Umsätzen!) zu finanzieren sind.

Die Vor-Steuer-Gewinne der Inhaber aus dem klassischen Apothekengeschäft (ohne Spezialversorgung wie Zytostatika) im Jahr 2021 betrugen dagegen knapp 3 Mrd. €. Durch die Corona-Sonderkonjunktur könnten es, allerdings ungleich verteilt, über 4 Mrd. € geworden sein – das werden die Jahresauswertungen demnächst ergeben. Inwieweit sich diese Sondereinflüsse 2022 fortsetzen, steht indes auf höchst unsicherem Boden.

Da mutet die Begründung für die aktuelle Apotheken-Lohnrunde einigermaßen kurios an: "Anhebung aufgrund des Mindestlohns". Zum einen ist der versprochene Mindestlohn von 12 € je Stunde noch gar nicht in Kraft (dies dürfte frühestens in der zweiten Jahreshälfte erfolgen), zum anderen ist gerade eine (!) Tarifgruppe – nämlich die PKA-Eingangsentlohnung – überhaupt betroffen. Sie lag 2021 noch bei 11,85 € und somit knapp darunter. Alle anderen Lohngruppen wären insoweit gar nicht tangiert gewesen.

"Lohn-Gießkanne" 2022

Ungewöhnlich und der bisherigen Systematik entgegenlaufend ist der Festzuschlag von 200 € monatlich für alle Berufsgruppen außer den PKA, die mit 225 € sogar nochmals etwas mehr erhalten. Es liegt nahe, dass damit eher eine Art zweiter "Corona-Bonus" geschaffen wurde, was berechtigt erscheint, aber nun den Lohnsockel auch in Nach-Corona-Zeiten dauerhaft erhöht. 2023 gibt es dann wieder einen prozentualen Zuschlag von 3,0 %, und der Tarifvertrag selbst läuft mindestens bis Ende 2023.

Im Ergebnis wird die Einstiegs-PKA 2022 um beachtliche 12 % teurer, während die erfahrene Approbierte in der höchsten Stufe "nur" um 4,6% mehr entlohnt wird. Man kann trefflich diskutieren, welche Botschaft hinsichtlich Qualifikation und Leistung damit ausgesandt wird, und wie das mit der jeweils erbrachten Wertschöpfung im Betrieb zusammengeht.

Tabelle 1 fasst die Ergebnisse abgekürzt anhand der jeweils niedrigsten Eingangs- und höchsten Endstufe zusammen. Für Arbeitgeber zählen nur die Gesamtkosten einschließlich Sozialnebenkosten. PKA starten jetzt bei knapp 20 €, Apotheker bei 35 €, real eher um 40 €, in Leitungsfunktionen sind 50 € und mehr anzusetzen. Für die Kalkulation künftiger Dienstleistungen, Impfungen etc. sind das die entscheidenden Werte, denen noch Allgemeinkostenzuschläge für die Aufrechterhaltung der betrieblichen Infrastruktur und selbstredend ein Gewinn hinzuzurechnen sind.

Modellbetrachtung

Eine durchschnittliche Apotheke beschäftigt etwa 5 bis 5,5 Arbeitnehmer in den vom Apothekentarifvertrag umfassten Berufsgruppen, auf Vollzeitäquivalente umgerechnet. Im gewichteten Mittel aus PKA bzw. den anderen Gruppen steigt die Kostenbelastung je Vollzeitstelle bei 13 Gehältern um etwa 3.200 € pro Jahr. Mit 5 bis 5,5 Stellen summiert sich dies zu 16.000 € bis 17.600 € jährlich.

Die Erhöhungen bei den Auszubildenden bzw. Praktikanten (zusätzliche Kostenbelastung um 700 € bis 800 € pro Jahr und Stelle) sowie Abfärbe- und Nachholeffekte bei Minijobbern und sonstigen Beschäftigten (u.a. später durch den auf 12 € erhöhten Mindeststundenlohn) dürften im niedrig vierstelligen Bereich zu verorten sein. Unter der Prämisse einer vollen Ausreichung der Lohnerhöhungen sind also 17.500 € bis knapp 20.000 € Zusatzlohnkosten 2022 realistisch. Das entspricht deutlich mehr als 10% des üblichen Apothekengewinnes ohne Corona-Sondereinnahmen. Netto "unterm Strich" bedeutet dies typischerweise eine Schmälerung um etwa 800 € bis 1.000 € monatlich für die Inhaber, die diesen weniger zum Ausgeben zur Verfügung stehen.

Auf der Einnahmeseite in etwa kompensieren ließe sich dies bei einer durchschnittlichen Absatzstruktur durch zusätzlich 2.000 Rx-Packungen (von rund 40.000, die eine solche Apotheke umsetzt), einen gesamthaft um etwa 0,35 € bis 0,40 € je Kunde erhöhten "Korbertrag" (Rohertrag je Bonkunde, Ausgangswert etwa 12 € bis 12,50 € bei 50.000 bis 55.000 Kunden jährlich in den alten Bundesländern) oder eine durchgängige Preiserhöhung im Frei- und Sichtwahlbereich um rund 5 %.

Für sich allein genommen wird man keine dieser Maßnahmen vollständig am Markt durchsetzen können. Der Mix aus verschiedenen Ansätzen, mit dem herausragenden Kernziel, den Ertrag je Kunde zu steigern, verspricht dagegen Erfolg. Neben der Preispolitik kommen die Sortimentsgestaltung (u.a. Fokussierung auf ertragsstärkere Produkte) und die bekannte Thematik der Zusatzverkäufe auf den Schirm. Es gilt also, an vielen Stellschräubchen zu drehen.

Eine weitere Konsequenz ist die Verschiebung diverser Kennzahlen in neue Regionen. So sind 5,00 € Personalkosten je Bonkunde für die Durchschnitts-Apotheke nunmehr ein recht günstiger Wert, 5,50 € bis 6,00 € durchaus normal.

Weitere Handlungsoptionen

Möglicherweise kommt eine Anrechnung der Lohnerhöhungen auf die übertariflichen Gehaltsbestandteile – je nach Vertrag – in Betracht, d.h., Sie geben die Lohnerhöhung insoweit nicht oder nur gekürzt weiter, schmelzen also den übertariflichen Anteil ab. Hier ist Fingerspitzengefühl gefragt! Insbesondere gilt es, Lohnabstände zwischen erfahrenen und weniger erfahrenen sowie leistungsstärkeren und -schwächeren Mitarbeitenden zu wahren.

Auch Stundenanpassungen kommen infrage, insbesondere wenn Ihre Kundenzahlen strukturell rückläufig sind. Behalten Sie daher die Auslastung im Auge (vorrangig im teuren Handverkaufsbereich), mitsamt Kennzahlen wie die Kosten je Kunde. Machen Sie zudem nicht nur eine Wareninventur, sondern auch eine bei den Tätigkeiten bzw. Abläufen, und sagen Sie unnützen Zeitfressern den Kampf an.

Abschließende Empfehlung

Verankern Sie einen starken Leistungsgedanken und einen markt- und kundenorientierten "Spirit" im Team. Einen (Rohertrags-)Kuchen kann man gerne gerecht aufteilen, aber er muss eben erst einmal gebacken werden! Je nach Engagement winken dann noch deutlich höhere Entlohnungen, die man jedoch besser als Prämien auszahlt, als in höhere Gehalts-Sockelbeträge steckt.

Leider geht der gesellschaftliche Trend eher in die gegensätzliche Richtung. Ansprüche und Sicherheitsgedanken steigen auf allen Ebenen, ohne dass dem allzu oft noch ein adäquates Entgegenkommen der Arbeitnehmer gegenübersteht. Vielmehr ist der heutige "Lohn" eher eine Anwesenheitsgebühr oder gar Schmerzensgeld (siehe auch "Herzogs letzte Seite"). Das ist aber keineswegs in Stein gemeißelt, wie hoch erfolgreiche Betriebe und Teams beweisen. Es liegt an Ihnen, aus dem Trott des Üblichen auszubrechen – und Sie werden sehen, dass Sie weitaus geringere Probleme und Diskussionen um Vergütungen haben werden!

Prof. Dr. Reinhard Herzog, Apotheker, 72076 Tübingen, E-Mail: Heilpharm.andmore@t-online.de

Aktueller Wirtschaftsdienst für Apotheker 2022; 47(03):4-4