Prof. Dr. Reinhard Herzog
Nicht nur die Einwohnerzahl befindet sich auf Rekordniveau, auch die Versicherten- und Mitgliederzahlen in der GKV nehmen 2023 wieder stärker zu – um geschätzte 388.000 bzw. 328.000 Personen. Eine in den Annahmen immer noch stabile bis wachsende Erwerbstätigkeit verbunden mit Zuwanderung sind derzeit die wesentlichen Gründe.
Demzufolge soll weiterhin die Einnahmebasis ordentlich sprudeln (Tabelle 1).
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Um gut 70 Mrd. € sollen die beitragspflichtigen Einkünfte – fast nur Löhne und Renten – wachsen, trotz Krisen allerorten. Rund 16% Beitrag (mit Zusatzbeitrag) darauf lassen bereits reichlich 11 Mrd. € zusätzlich in der Kasse klingeln. Steigende Löhne bzw. Lohnsummen und kräftig erhöhte Renten machen es möglich, neben der erstaunlich stabil angenommenen Beschäftigungslage. Ein Beitragssatzpunkt steht insoweit für knapp 17 Mrd. €. Die Erhöhung des Kassenabschlags um 0,23 € spart somit nicht einmal 0,01 Beitragssatzpunkte. An dieser Stelle darf der zunehmend spürbare Einfluss der hohen Inflation nicht ausgeblendet werden. Diese bläst die nominalen Beträge ungesund auf, ohne dass eine adäquate Leistungs- oder Stellenbasis dahinter stünde.
300 Mrd. Euro in Sichtweite
Die Kostendynamik bewegt sich in den jetzigen Annahmen jedoch noch im Rahmen der Vorjahre. Absolut sollen die Leistungsausgaben um 12,8 Mrd. € zulegen, ein Plus von 4,7% bzw. 4,2% pro Kopf. Zusammen mit den Verwaltungsausgaben, die um vergleichsweise geringe 1,7% auf absolut allerdings stolze 13,0 Mrd. € zunehmen, wird die magische Marke von 300 Mrd. € Gesamtausgaben damit beinahe tangiert.
Die Zunahme der Leistungsausgaben stimmt fast auf das Zehntelprozent mit den steigenden Beitragseinnahmen überein. Insoweit wäre das Einnahmen-Ausgaben-Gleichgewicht fast ideal. Dass die Kassenfinanzen dennoch etwas straucheln, liegt somit an anderen Faktoren. Hier ist insbesondere das Hin und Her bei den Steuerzuschüssen zu nennen. Pandemiebedingt wurden diese in Hau-Ruck-Aktionen beträchtlich angehoben (auf in der Spitze 28,6 Mrd. € 2022). Diese Zuschüsse führt man jetzt wieder zurück, erhöht jedoch die Zuweisungen aus dem Gesundheitsfonds und gewährt ein eher symbolisches Bundesdarlehen von 1 Mrd. €. So rückt man das Ganze wieder gerade. Dennoch bleibt ein etwas höheres Defizit – welches mit um das eine oder andere Zehntelprozent erhöhten Zusatzbeiträgen je nach Finanzlage der einzelnen Krankenkasse eingefangen wird.
Noch eine Unbekannte für die Apotheken: Bislang liegen noch keine Rahmenvereinbarungen des GKV-Spitzenverbandes mit der kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) für 2023 vor. Es kann davon ausgegangen werden, dass sie sich im Rahmen der Vorjahre, wahrscheinlich im Zuge der Corona-Normalisierung eher am unteren Rand bewegen werden. Das liefe auf ein "geplantes" Umsatzplus von etwa 4% bis 5% bei unwesentlich veränderten Verordnungszahlen hinaus.
Rück- und Ausblick
Laufen die Gesundheitskosten tatsächlich davon? Abbildung 1 zeigt die Entwicklung der Gesundheitskosten in Deutschland insgesamt (nach Systematik des Statistischen Bundesamtes) sowie der GKV-Gesamtausgaben seit 1992 – einmal als Absolutbeträge (die zumeist anwachsen), aber auch anteilig in Prozent der jeweiligen Wirtschaftsleistung in Form des Bruttoinlandsproduktes (BIP).
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Während die Absolutbeträge gerade im letzten Jahrzehnt eine recht konstant-dynamische Entwicklung hingelegt haben (mit einem gar nicht mal so großen Pandemieschub 2020/2021), ist der Anteil an der Wirtschaftsleistung deutlich verhaltener gewachsen. Aber eine Zunahme ist auch hier zu sehen, bei den Gesamtausgaben stärker als bei der GKV. Wichtig ist bei diesen Betrachtungen, die "richtigen" Werte gegeneinander zu stellen – nämlich die jeweiligen Nominalbeträge bzw. deren Veränderungen. Ein BIP-Wachstum von nur 0,5% heißt nicht, dass die Wirtschaftsleistung in Euro und Cent auch nur um jene 0,5% gewachsen wäre. Das sind nämlich die publizierten, realen Werte nach Inflation. Die Inflationsrate ist insoweit noch aufzuschlagen, um den nominalen Betrag zu erhalten (diese "echten" Eurobeträge sind u.a. beim Statistischen Bundesamt unter www.destatis.de quartalsweise einsehbar).
Inflation macht arm!
Unsere Umsätze werden ebenfalls nominal in Euro abgerechnet und eben nicht inflationsbereinigt publiziert; wir müssen also die tatsächlich angefallenen (nominalen) Eurobeträge gegeneinander aufrechnen. Das könnte 2023 zu der kuriosen Situation führen, dass die Wirtschaft zwar per definitionem in eine Rezession gerät (Prognosen lauten auf eine reale BIP-Entwicklung von minus 0,5%), nominal bei 8% Inflation aber trotzdem um über 7% wächst. Der Anteil der Gesundheitsausgaben am BIP schrumpft dann sogar – wenn diese eben "nur" um 4% bis 5% zunehmen (siehe das letzte Jahr 2023 in Abbildung 1).
Zwar stellt sich die Frage, ob die Kostendynamik bei den Vorleistungen der Leistungsanbieter abseits von Energie wegen vieler Markteingriffe mit anderen Wirtschaftszweigen vergleichbar ist (z.B. die Arzneimittelpreise). Doch dürften 4% bis 5% Kostenplus selbst pro Kopf gerechnet nicht ausreichen und die Gewinne unter Druck bringen. Gewinne, die übrigens selbst bei nominalem Erhalt in Euro durch die Inflation per se entwertet würden!
Prof. Dr. Reinhard Herzog, Apotheker, 72076 Tübingen, E-Mail: Heilpharm.andmore@t-online.de
Aktueller Wirtschaftsdienst für Apotheker 2022; 47(22):4-4