Esther Stollenwerk
Die unangenehme Auseinandersetzung mit dem Kollegen, das langatmige Meeting oder die viel zu kurz geratene Mittagspause: Am Ende eines Tages sind es oft die negativen Dinge, die uns durch den Kopf gehen. Dabei handelt es sich um eine ganz menschliche Eigenart, denn unser Gehirn speichert und erinnert negative Informationen viel leichter und länger als positive Erlebnisse. Dies führt nur leider häufig dazu, dass wir einen verzerrten Blick auf die Realität bekommen und uns die Tage oft viel schlimmer erscheinen, als sie es in Wirklichkeit gewesen sind.
Aber warum ist das eigentlich so? Wieso sind wir Menschen darauf ausgelegt, eher negativ zu denken und unseren Blick auf Gefahren und Risiken zu richten? Tatsächlich geht die Ursache hierfür weit zurück in unsere Vergangenheit. Eine Zeit, in der wir noch nicht in einer sicheren Umgebung gelebt haben und in der wir nur dann überleben konnten, wenn wir die Gefahren und Risiken im Blick hatten. Vermutlich würde es die Spezies Mensch heute nicht mehr geben, wenn wir beim "Bewundern der Gänseblümchen" vom Säbelzahntiger überrascht worden wären. Evolutionär gesehen hatten also die Vorsichtigen und Ängstlichen unter unseren Vorfahren, die lieber in der Höhle blieben oder draußen auf die Gefahren und Risiken fokussiert waren, einen klaren Überlebensvorteil. Und obwohl wir heute in einer völlig anderen Welt leben, in der uns dieser Mechanismus nicht mehr nützlich ist, prägt er bis heute unsere Haltung und Denkweise in vielerlei Hinsicht.
Positive Gedanken und sich auf das zu fokussieren, was gerade gut läuft, kann die Stimmung und die eigene Gesundheit nachhaltig verbessern. Das konnte in Studien vielfach belegt werden. Positive Emotionen sind wie Nährstoffe für unsere geistige Gesundheit und verändern nachweislich die Art und Weise, wie das Gehirn Informationen verarbeitet: Unsere Wahrnehmung und unsere Sicht auf die Welt erweitern sich. Dies unterstützt langfristig die geistige Flexibilität, Kreativität und Resilienz, sprich unsere Widerstandsfähigkeit. Und hiermit wird eine Aufwärtsspirale positiver Emotionen in Gang gesetzt. Denn wir werden durch positive Emotionen sozusagen zur "besseren Version unserer selbst" und können persönliche Ressourcen aufbauen, die viele Bereiche menschlichen Erlebens umfassen: Kompetenz, Sinnerleben, Optimismus, Resilienz, Selbstakzeptanz, stabile Beziehungen und gute Gesundheit. Der Forschungszweig der Psychoneuroimmunologie konnte zudem nachweisen, dass das Gehirn mithilfe positiver Gedanken in der Lage ist, Wirkstoffe zu produzieren, die in hochwirksamen Medikamenten vorkommen.
Doch wie können positive Emotionen hervorgerufen und trainiert werden? Und wie können Ihnen diese Erkenntnisse auch bei Ihrer täglichen Arbeit in der Apotheke nützlich sein?
Das Positive in den Fokus rücken
Was ist heute gut gelaufen? Damit auch die schönen Dinge des Tages nicht in Vergessenheit geraten, hat sich eine kurze aber effektive Übung bewährt: der positive Tagesrückblick! Hierzu bietet es sich an, einen kleinen Notizblock bereitzulegen, zum Beispiel am Nachttisch. Darin halten Sie dann jeden Abend drei positive Dinge fest, die Sie am Tag erlebt haben:
- Was ist heute gut gelaufen?
- Und wie habe ich dazu beitragen, dass ich diese Erfahrung als schön erleben konnte?
Wer sich abends etwas Zeit nimmt, um die schönen Augenblicke des vergangenen Tages noch einmal in Gedanken durchzugehen, wird das positive Gefühl erneut nacherleben können und dadurch automatisch den Blick für das Positive stärken. Die zweite Frage unterstützt die Selbstwirksamkeit – also den eigenen Beitrag zum Wohlbefinden – und regt dazu an, eigene Strategien zu entdecken, wodurch positive Erfahrungen möglich werden.
Ein Beispiel: "Was war heute schön? Die Sonne schien und es war ein herrlicher Tag." "Und wie habe ich dazu beigetragen? Ich habe mir in der Mittagspause Zeit genommen, die Sonne bewusst zu genießen."
Diese einfache, aber wirksame Übung hilft Ihnen dabei, auch die flüchtigen, positiven Momente im Alltag wahrzunehmen und damit den Blick auf das Positive zu verstärken.
Positive Emotionen bei der Arbeit fördern
Die vorgestellten Möglichkeiten zur Förderung positiver Emotionen lassen sich auch gut auf die Arbeit übertragen. Und das ist eine durchaus lohnende Investition für Sie und Ihr Team, denn in zahlreichen Studien konnte belegt werden: Mitarbeiter sind zufriedener, motivierter und leistungsfähiger, wenn sie positiv denken.
Wie genau könnte das in Ihrer Apotheke aussehen? Zum Bespiel könnten Sie einen "positiven Start" in Teammeetings etablieren, indem zu Beginn – als festes Ritual – jeder Mitarbeiter mit etwas Positivem beginnt:
- Mit Blick auf die vergangene Woche: Was ist gut gelaufen?
- Wo haben Sie positive Momente in der Offizin erlebt, in denen Sie Freude empfunden und sich gut gefühlt haben?
Eine weitere Intervention könnte sein, mit ihren Mitarbeitern auf "Schatzsuche" zu gehen und ein Portfolio positiver Augenblicke zu kreieren. Dies können Bilder von gemeinsamen Aktivitäten, Mails, Postkarten oder Notizen von Dingen, die gut gelaufen sind, sein. Visualisieren Sie Ihre positiven Momente an einer Pinnwand und platzieren Sie diese so in Ihrer Apotheke, dass sie für alle gut sichtbar ist.
Oder machen Sie sich gegenseitig öfter mal ein "Kompliment to go" wie zum Beispiel: "Danke für deine tolle Unterstützung!", "Wie wir den Tag gestern zusammen gerockt haben, war spitze!", "Ich freue mich, dass wir Kollegen sind. Mit dir macht die Arbeit Spaß!" Diese und andere Beispiele könnten Sie als Abreißzettel ebenfalls an der "Positiv-Pinnwand" platzieren.
Welche Möglichkeiten fallen Ihnen darüber hinaus noch ein, um ein positives Arbeitsklima in Ihrer Apotheke zu fördern? Gehen Sie dazu mit Ihren Mitarbeitern in den Austausch und werden Sie kreativ. Der Einsatz rentiert sich!
Natürlich ändern positive Emotionen nichts daran, welche Herausforderungen Sie täglich in der Offizin meistern müssen. Aber diese kleinen Übungen können Ihnen dabei helfen, sich ein wenig "umzufokussieren", indem Sie die Aufmerksamkeit bewusst auf Dinge lenken, die Ihnen ein gutes Bauchgefühl geben. Damit geht es Ihnen und Ihren Mitarbeitern automatisch besser. Sie werden dadurch widerstandsfähiger und können besser mit den täglichen Herausforderungen wie zum Beispiel einem hohen Arbeitspensum, schwierigen Gesprächssituationen mit Kunden etc. umgehen.
Probieren Sie es aus! Vielleicht zunächst als kleines Pilotprojekt begrenzt auf einen Monat: beobachten Sie, wie es Ihnen dabei geht und was sich verändert.
Probieren geht über studieren
- Was weckt bei Ihnen schöne Erinnerungen?
- Wann fühlen Sie sich besonders wohl?
- Worauf sind Sie stolz?
- Was macht Sie zufrieden, auch wenn Sie allein sind?
- Welche Gedanken helfen Ihnen, zuversichtlich zu sein, auch wenn es mal nicht so gut läuft?
Aktueller Wirtschaftsdienst für Apotheker 2022; 47(24):14-14