Dr. Hubert Ortner
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"Bedauerlicherweise neigt unser Berufsstand dazu, sich gerne selbst zu sabotieren ..." (© AdobeStock/GOLDMAN)
Starten wir mit der Wahlposse um die ABDA-Präsidentschaft: Erst die überraschende Demontage der Präsidentin zur Unzeit (so kurz vor der Bundestagswahl), ihr Rückzug, dann der Rückzug vom Rückzug, nun Thomas Preis gewählt. Ist da noch irgendetwas zu retten?
Lukas Frigger: Ich glaube nicht, dass es in der Politik so sehr darauf ankommt, wer an der Spitze steht – das gilt auch für unsere Standesvertretung: Geschlagen wird die Schlacht in der zweiten Reihe. Insofern fand ich die ganze Aufregung darüber, ob es zu einem Wechsel an der ABDA-Spitze kommt oder Overwiening im Amt bleibt, übertrieben.
Eine Vorhaltepauschale für Vor-Ort-Apotheken von 80.000 € jährlich würde die Betriebe in strukturschwachen Regionen stärken und wäre ein fairer Ausgleich für das - im Vergleich zu den Versendern - viel höhere Engagement: Letztere machen ja nur stumpfe Warenlogistik.
Man sollte sich eher Gedanken darüber machen, ob die Struktur der ABDA noch zeitgemäß ist bzw. es je war. Eine Zwangsheirat aus Kammern und Verbänden ist ein echt schräges Konstrukt: Erstere sind die Kontrollinstanz, letztere vertreten die wirtschaftlichen Interessen. Wie passt das zusammen? Dieser Geburtsfehler lässt sich nicht beheben.
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Lukas Frigger, Inhaber der Akazien Apotheke in Bad Arolsen
Kann man einem frisch approbierten Pharmazeuten noch guten Gewissens raten, sich als Apotheker selbstständig zu machen? Oder fällt das schon in die Kategorie „unterlassene Hilfeleistung“, ihn/sie nicht zumindest eindrücklich zu warnen?
Lukas Frigger: Da muss man unterscheiden. Es gibt Menschen, die sehr gut in der Selbstständigkeit aufgehoben sind und andere, zu denen das nicht passt. Wenn jemand den richtigen „Drive“ und Lust dazu hat, eine Apotheke zu führen, dann ist das m. E. immer noch eine gute Option. Allerdings sollte man sich bewusst sein, dass die Tätigkeit als selbstständiger Apotheker mittlerweile als stark risikobehafteter Business Case einzustufen ist.
Zur besseren Einordnung ein Vergleich: Ein Vertretungsapotheker, der fleißig und gut ausgelastet ist, kann heute ein vergleichbares Einkommen erzielen wie der Inhaber einer durchschnittlich großen Apotheke (ca. 150.000 € p. a.). Jedoch weitgehend ohne Risiko und Kapitalbindung.
Die physische Anwesenheitspflicht eines Approbierten ist eine große Last gerade für kleinere Betriebe, und ich bin überzeugt, dieser Punkt in Lauterbachs Reformgesetz hätte die Lebenszeit so mancher Apotheke auf dem Land verlängert.
Ist mehr Geld im System, wie von der ABDA genauso penetrant wie erfolglos gefordert, tatsächlich die Lösung aller Probleme?
Lukas Frigger: Die geforderten 12 € für das Rx-Fixum waren mit Sicherheit zu hoch gegriffen. Aber irgendeine Erhöhung muss kommen. Alle Kosten steigen, insbesondere die Personalkosten. Das Einzige, das wächst, sind „Luftumsätze“ mit Hochpreisern, bei denen die Rendite-Risiko-Allokation ausgesprochen schlecht ist. Entweder man erhöht die Rendite oder senkt das Risiko.
Hinzu kommt die Mehrbelastung durch das BGH-Skonto-Urteil: Allein dieses hat für meinen Betrieb die Umsatzrendite um 1 %-Punkt nach unten gedrückt – bezogen auf das Rx-Segment sogar um 2 %-Punkte. Es wäre uns schon viel geholfen, wenn die Rx-Skonti wieder erlaubt würden und der Kassenabschlag wegfiele. Dann würde die Mehrzahl der Apotheken endlich wieder aufatmen können.
Doch wie realistisch ist die Erwartung einer substanziellen Honorarerhöhung vor dem Hintergrund einer stabilen Rezession, chronisch unterfinanzierter GKV-Kassen, dem Ukraine-Krieg und dem 3 % Nato-Ziel?
Lukas Frigger: Ich rechne gar nicht mit einer Honorarerhöhung und stelle mich allenfalls auf ein Nullsummenspiel wie bei der von Lauterbach geplanten Umverteilung zwischen fixer und variabler Vergütung ein.
Ist es an der Zeit, über eine grundsätzliche Reform der Apothekenvergütung nachzudenken? Und wie könnte eine solche gestaltet sein?
Lukas Frigger: Ich könnte mir sehr gut eine Vorhaltepauschale vorstellen, so wie Karl Lauterbach das in seiner Strukturreform für die Krankenhäuser vorgesehen hat. Wenn man diese Pauschale bei 80.000 € jährlich ansetzen würde, dann würde das Landapotheken in strukturschwachen Regionen überproportional stärken und damit auf die Erhaltung einer flächendeckenden Arzneimittelversorgung einzahlen. Und es wäre ein fairer Ausgleich für das hohe Engagement der Vor-Ort-Apotheken, die viel mehr leisten als die großen Versender: Letztere machen ja nur stumpfe Warenlogistik.
Wobei das Tagesgeschäft in einer typischen Offizin-Apotheke auch zu einem großen Teil aus nichts anderem besteht, als den Patienten ihre Arzneimittel über den HV-Tisch zu schieben.
Lukas Frigger: Apotheke ist aber viel mehr. Würde immer alles glatt laufen, dann wäre der Durchschnittsertrag von 10 € je Packung sehr auskömmlich. Tatsächlich verbringen wir aber einen guten Teil unserer Arbeitszeit mit Trouble Shooting: Das kann die aufwändige Rezeptur ebenso sein wie das endlose Telefonieren bei Lieferengpässen oder das Zuhören bei einer langjährigen Stammkundin, die gerade ihren Mann verloren hat.
Gerade diese persönliche Interaktion ist aber ungemein wichtig, um die wirklichen Probleme und Wünsche seiner Kunden – auch im pharmazeutischen Sinn – herauszufinden. Das ist ein wichtiger Mehrwert, den kein noch so smarter Abgabeautomat mit modernster KI-Technologie hinbekommt.
Was müsste darüber hinaus geschehen, damit das selbstständige Apotheker-Dasein wieder Freude macht? Wo sehen Sie den akutesten Handlungsbedarf?
Lukas Frigger: Es bräuchte dringend wieder mehr unternehmerische Freiheit! Das würde allerdings voraussetzen, dass die großteils sinnbefreite Bürokratie und Überregulierung mitsamt Kontrollen stark zurückgefahren wird.
Schauen wir uns z. B. den Nacht- und Notdienst an: Wozu brauchen wir diesen rund um die Uhr? Warum können wir uns nicht wie die Zahnärzte auf bestimmte Zeitfenster beschränken? Das halte ich für eine eklatante Ressourcenverschwendung. Zumal die Erfahrung aus der Praxis lehrt, dass mehr als 99 % der Kunden, die nicht innerhalb einer halben Stunde nach Schließung des ärztlichen Notdienstes kommen, gut bis zum nächsten Tag warten können.
Wann immer Fremdkapital in den Gesundheitsmarkt kommt, hat das für die Patienten am Ende nichts Gutes gebracht. Das gilt für Apotheker genauso wie für Ärzte.
Ich kann den Aufschrei förmlich hören, wenn jemand auch nur ein kleines Taschenmesser an diesen Überregulierungs-Mammutbaum ansetzt – Stichwort Apotheke light …
Lukas Frigger: Ich habe die Empörung über diesen Vorschlag nie verstanden. Warum muss immer ein Approbierter physisch in der Apotheke anwesend sein? Das ist eine große Last gerade für kleinere Betriebe, und ich bin überzeugt, dieser Punkt in Lauterbachs Reformgesetz hätte die Lebenszeit so mancher Apotheke auf dem Land verlängert. Es muss deshalb ja kein Apotheker zuhause bleiben. Aber es hätte mehr Flexibilität gebracht und war ja auch immer wieder gefordert worden.
Gerade vor dem Hintergrund der knapper werdenden Ressourcen – sei es beim Geld oder Personal – kann man doch nicht alles genau so belassen und aufrechterhalten, wie es früher war. Das geht nicht! Leider sabotiert sich unser Berufsstand diesbezüglich gerne selbst.
Themenwechsel. Vor gut einem Jahr startete der flächendeckende Rollout des E-Rezepts. Wie fällt Ihre Bilanz aus? Wie gut wurde das digitale Heilsversprechen – Zeiteinsparung durch effizientere Prozesse – beim E-Rezept eingelöst?
Lukas Frigger: Eher mäßig. Weil es beim E-Rezept immer noch oft hakt, oder die TI-Infrastruktur lahmt, kostet uns das deutlich mehr Zeit als die geringe Zeitersparnis an der Kasse sowie durch die schnellere Rezeptkontrolle. Unterm Strich überwiegen der Mehraufwand und Ärger.
Das dürfte übrigens auch für die Patienten gelten: Viele müssen nun mehrmals in die Apotheke kommen, entweder weil der Arzt die Stapelsignatur gewählt hat, oder wegen der lahmen TI.
Welche Rolle spielen pharmazeutische Dienstleistungen in der Akazien Apotheke in Bad Arolsen und wie fällt Ihre kaufmännische Bilanz mit denselben aus?
Lukas Frigger: Diese sind noch zu neu, um eine belastbare Bewertung abzugeben. Es wird noch Jahre dauern, bis die pDL eine größere Rolle spielen werden. Noch steht die Packung ganz klar im Fokus. Ich sehe das auch in meiner eigenen Apotheke: Obwohl wir schon länger pDL anbieten und diese auch aktiv bewerben, tragen sie weniger als 1 % zum Rohertrag bei. Wenig überraschend haben auch die Krankenkassen das Ihre dazu beigetragen, dass die Bäume nicht in den Himmel wachsen – durch eine maximal komplizierte Ausgestaltung. Ich bin aber überzeugt, dass die pharmazeutischen Dienstleistungen auch mittelfristig, wenn hier mehr Schwung reinkommt, keinem einzigen Apotheker wirtschaftlich das Leben retten werden.
Allein die Mehrbelastung durch das BGH-Skonto-Urteil hat die Umsatzrendite für meinen Betrieb um 1 %-Punkt nach unten gedrückt - bezogen auf das Rx-Segment sogar um 2 %-Punkte.
Wenn man alle Kosten seriös einpreist – inklusive Risikoaufschlag, Kapitalkosten und einem angemessenen Unternehmerlohn: Stehen Aufwand und Ertrag für den Inhaber eines durchschnittlich großen Apothekenbetriebs noch in einem gesunden Verhältnis zueinander?
Lukas Frigger: Machen wir eine einfache Modellrechnung auf: Angenommen Sie kaufen eine Apotheke für 800.000 €, investieren noch 300.000 € in die Modernisierung und 400.000 € ins Warenlager. Dann starten Sie erst einmal mit 1,5 Mio. € Schulden. Wenn Sie dasselbe Kapital in einen ETF mit einer typischen Rendite von 7 % investieren, dann kommen Sie auf Kapitalerträge von 105.000 € p. a. Ohne 60- bis 70-Stunden-Woche, Personalverantwortung und den ganzen Risiken bis hin zur privaten Vollhaftung. Außerdem zahlen Sie beim ETF nur 25 % Kapitalertragsteuer, wogegen der persönliche Steuersatz Selbstständiger i. d. R. deutlich höher liegt. Rein kaufmännisch betrachtet stellt sich insofern durchaus die Sinnfrage.
Wie bewerten Sie die Gefahr, dass kurz- bis mittelfristig politische Entscheidungen getroffen werden, die die Kräfteverhältnisse im Markt grundsätzlich verändern – Stichwort Wettbewerb mit dem Versandhandel oder Aufweichung des Fremdbesitzverbots?
Lukas Frigger: Beim Versandhandel sehe ich die große Gefahr, dass dem offensichtlichen Cherry Picking niemand einen Riegel vorschiebt. Shop Apotheke & Co. beschränken sich auf die stumpfe Arzneimittel-Logistik, das aufwändige, defizitäre Geschäft rundherum überlässt man den Vor-Ort-Apotheken. Das ist eine krasse Wettbewerbsverzerrung. Deshalb sollten wir, wie bereits erwähnt, über andere Anreizstrukturen nachdenken, die diesen Mehraufwand angemessen berücksichtigen – Stichwort Vorhaltepauschale.
Mit einer kurzfristigen Liberalisierung des Marktes rechne ich nicht, mittelfristig ist das aber durchaus denkbar. Nach meiner festen Überzeugung sind die derzeitigen Strukturen gelebter Patientenschutz. Wo man auch hinschaut: Wann immer Fremdkapital in den Gesundheitsmarkt kommt, hat das für die Patienten am Ende nichts Gutes gebracht. Das gilt für Apotheker genauso wie für Ärzte. Wenn der Markt aber eine stärkere Automatisierung der Arzneimittelabgabe möchte, dann wird das auch kommen – mit allen auch negativen Konsequenzen. Die rechtlichen Voraussetzungen dafür sind schließlich erfüllt.
Wir verbringen einen guten Teil unserer Arbeitszeit mit Trouble Shooting im Sinne unserer Kunden. Das ist ein wichtiger Mehrwert, den kein noch so smarter Abgabeautomat mit modernster KI-Technologie hinbekommt.
Sie haben BWL und Pharmazie studiert. Welches der beiden in Ihrer Brust schlagenden Herzen ist im Apothekenalltag im übertragenen Sinn infarktgefährdeter – das kaufmännische oder das pharmazeutische?
Lukas Frigger: Eindeutig das kaufmännische.
Kommen wir zum Schluss. Wenn Sie einem ambitioniert frisch-approbierten Apotheker auf dem Sprung in die Selbstständigkeit drei Tipps mit auf dem Weg geben könnten – welche wären das?
Lukas Frigger: Erstens sollte man sich klar machen: Will ich wirklich selbstständig sein? Zweitens braucht es ein Mindestmaß an BWL-Kompetenz. Und drittens sollte man genau überlegen, welcher Apothekentyp in welcher Region zu einem passt. Dabei sollte man sich ausreichend Zeit lassen, genau das richtige Objekt zu suchen und sich dabei auch von externen Fachleuten (nicht nur der Bank oder Maklern) beraten lassen. Schließlich gilt: Drum prüfe, wer sich ewig bindet. Wenn Geld eine wichtige Motivation ist, dann sollte man lieber die Finger davon lassen.
Das Interview führte Dr. Hubert Ortner
Dr. Hubert Ortner, Biochemiker, Chefredakteur AWA – APOTHEKE & WIRTSCHAFT, 70191 Stuttgart, E-Mail: hortner@dav-medien.de
Aktueller Wirtschaftsdienst für Apotheker 2025; 50(03):6-6