Prof. Dr. Reinhard Herzog
Zu Jahresbeginn 2008 war den meisten Anlegern eines klar: Nach fünf Jahren Hausse war es allein schon aus rationalen Gründen Zeit für eine Korrektur. Hinzu kamen die Bedenken hinsichtlich der Finanzkrise, die sich bis dahin nur geringfügig auf die Aktienmärkte ausgewirkt hatte. Und in der Tat: Kurz nach dem Start ins neue Jahr gaben die Kurse nach und der Januar wurde zu einem der schwärzesten Monate in der Börsengeschichte. Dem schloss sich jedoch eine Phase der Stabilisierung an und der Deutsche Aktienindex DAX, der zuvor von 8.000 auf 6.200 Punkte gefallen war, konnte sogar die Marke von 7.000 Punkten wieder überschreiten. Dies gab Optimisten, die mit einer moderaten Fortsetzung der Hausse rechneten, neuen Auftrieb.
Massiver Kurssturz
Doch es sollte schlimmer kommen: Ab Mitte September sorgte die Subprime-Krise für einen massiven Kurssturz an allen Weltbörsen und allein in der ersten Oktoberwoche gab der Deutsche Aktienindex DAX um 22 % nach. Denn mit der Pleite von Lehman Brothers war deutlich geworden, welch ungeahnte Dimensionen die Subprime-Krise erreicht hatte.
Ähnliche Entwicklungen erlebten auch die meisten anderen Aktienmärkte der westlichen Welt. Die Kurse brachen ein. Während sich jedoch z.B. amerikanische Standardwerte noch vergleichsweise gut behaupteten, kannten die Notierungen etwa der Aktien aus China oder Russland kein Halten mehr, Verluste von mehr als 50% waren eher die Regel als die Ausnahme.
Hohe Volatilität
Nun stellt sich die Frage nach der weiteren Entwicklung. Der DAX ist in das Jahr 2009 mit vergleichsweise kräftigen Schwankungen gestartet und hat damit auf die Unsicherheiten reagiert, die den Markt derzeit prägen. Erneut waren es die Banktitel, die an manchen Tagen Verluste um zweistellige Prozentsätze aufwiesen. Dem standen jedoch Phasen einer raschen Erholung gegenüber, die insbesondere sehr kurzfristig orientierte Spekulanten zu schnellen Gewinnen nutzten.
Aktuell spielt insbesondere die Konjunkturerwartung die entscheidende Rolle. Nicht zuletzt aufgrund der in den Medien gezeichneten Horrorszenarien von Unternehmensschieflagen und Massenentlassungen erscheint die Wirtschaft derzeit weiterhin „gelähmt“ – woran auch die Konjunkturpakete der Regierung nicht viel ändern dürften. Aus den anfänglichen Befürchtungen wird dann schnell eine „sich selbst erfüllende Prophezeiung“. Eine solche Entwicklung kann jedoch auch an den Aktienmärkten nicht spurlos vorübergehen. Lahmt die Wirtschaft, belastet dies die Kurse. Manche Experten rechnen daher mit einem Abtauchen des DAX unter die Marke von 4.000 Punkten.
Dem steht jedoch die Frage nach der Rolle der Medien gegenüber: Während die Finanzkrise in den USA fast schon kein Thema mehr ist, befassen sich in Deutschland selbst Boulevardblätter ausführlich mit ihren Folgen. Das Geld und die Börse sind zum „Thema an den Stammtischen“ geworden. Zumindest bisher war dies in schöner Regelmäßigkeit ein sicheres Signal für eine baldige Trendwende. Denn über kurz oder lang wird das Thema Finanzkrise der Vergangenheit angehören und dann zählen – sowohl bei den Anlegern wie auch den Unternehmen – weniger die Emotionen, sondern klare Fakten.
Und hier hat es vielfach den Anschein, dass die Stimmung oftmals schlechter ist als die Lage. Während auf der einen Seite Produktionskürzungen bekannt gegeben werden, können auf der anderen Seite stabile Erträge oder sogar Gewinnsteigerungen dargestellt werden. Auch die Auftragseingänge für 2009 sind – sieht man einmal von den oft hausgemachten Krisen einzelner Branchen wie der Automobilindustrie ab – häufig noch recht zufriedenstellend. Positive Effekte sind daneben von der Entspannung an der Rohstofffront und den sinkenden Zinsen zu erwarten.
Unternehmen niedrig bewertet
Zudem liegen die fundamentalen Bewertungen vieler Unternehmen auf so niedrigem Niveau, dass sich schon aus diesem Grund der Einstieg lohnt. So weisen nicht wenige deutsche Standardwerte derzeit ein Kurs/Gewinn-Verhältnis von 5 bis 10 auf. Dies bedeutet, dass ein Investor seinen Kapitaleinsatz bereits nach fünf bis zehn Jahren allein über die Gewinne „erwirtschaftet“ – und das ganze Unternehmen quasi gratis da‑ zuerhält. Selbst ein Gewinnrückgang von z.B. 20% würde diese Kennzahl nur leicht erhöhen. Insbesondere ausländische Investoren könnte dieser Gedanke durchaus dazu anregen, in diesem Jahr am deutschen Aktienmarkt zu investieren.
Gerade 2009 sollte sich allerdings eine sehr selektive Vorgehensweise lohnen: Die fundamentale Absicherung und die langfristig positive Gewinnentwicklung sind weitaus wichtiger als hochtrabende Zukunftspläne des Managements. In jedem Fall müssen Anleger sich auch fragen, ob die negativen Erwartungen ausreichend in den Kursen eingepreist sind. Manche Banktitel sind derzeit weit billiger als etwa nach der Baisse 2000/03, aber auch Automobilwerte und zahlreiche andere Papiere notieren im Bereich langfristiger Tiefststände. Gelingt es den Unternehmen jedoch, die Krise zu meistern, bestehen mittel- bis langfristig überdurchschnittliche Erholungschancen.
Neben einem Engagement in Deutschland sollten aber auch Anlagen im Ausland, speziell in Europa, den USA und Japan in Erwägung gezogen werden. Hier gilt die Kernfrage ebenfalls der „Qualität“ des Unternehmens. Solide Zahlen, zuverlässige Erträge, bedarfsgerechte Produkte und nicht zuletzt ein anlegerfreundliches Management sind bei entsprechend niedriger Aktienbewertung klare Kaufkriterien. Vorsicht ist hingegen z.B. bei Technologiewerten angesagt. Hier rechnen Experten in den kommenden Jahren noch mit einer bedeutenden Marktbereinigung, etwa bei den Chipherstellern.
Schnelle Amerikaner
Im Übrigen waren die USA in den vergangenen Jahren stets die Vorreiter im Fall einer Trendwende. Der Grund: US-Investoren sind im Gegensatz etwa zu deutschen Anlegern „vergesslich“. Verluste werden mit einem Schulterzucken hingenommen, man setzt auf neue Chancen. In Deutschland „trauern“ Anleger indes lange den Verlusten nach und wagen nicht zu investieren. Letztlich ist es nur eine Frage der Zeit, bis sich der US-Markt von seinem schärfsten Rückschlag seit der Weltwirtschaftskrise 1929 wieder erholen wird.
In Asien stellt sich verstärkt die Frage, inwieweit die Risiken bereits in den Kursen eingepreist sind. So ist der japanische Nikkei-Index seit Sommer 2007 von über 18.000 Punkten auf zeitweise weniger als 8.000 Punkte eingebrochen. Vor diesem Hintergrund erscheint daher eine Erholung in absehbarer Zeit durchaus möglich, denn schließlich gelten viele japanische Unternehmen als fundamental gut abgesichert.
Vorerst mit dem Einstieg warten
Mittelfristig besteht für Aktienanlagen durchaus wieder erhebliches Potenzial. Allerdings – und dies ist die entscheidende Einschränkung – erinnern die Aktienmärkte mit ihren enormen Schwankungen derzeit eher an Spielcasinos als an eine solide Möglichkeit zur Geldanlage. Anleger sollten daher vorerst noch abwarten. Erst wenn sich die Börsenentwicklung beruhigt hat, die Unternehmen und die Medien wieder zur Tagesordnung übergegangen sind und die täglichen Kursveränderungen zur Normalität zurückgefunden haben, ist der Zeitpunkt für den Einstieg gekommen.
Aktueller Wirtschaftsdienst für Apotheker 2009; 34(04):14-14