Prüfsiegel bei Geldanlagen

Zweifelhafte Empfehlungen schaden der Branche


Prof. Dr. Reinhard Herzog

Jeder kennt ihn und sein Urteil ist gefürchtet: Der Technische Überwachungsverein (TÜV) steht als Garant für sichere Fahrzeuge, Geräte und Maschinen. Doch mit der Kontrolle von Geldanlagen haben sich die ansonsten kritischen Prüfer keinen guten Namen gemacht.

Die Commerzbank war die Erste: Im Jahr 2004 beauftragte sie den TÜV Süd, ihre Prozesse bei der Auswahl von Investmentfonds zu kontrollieren. Als Ergebnis prangt bis heute das blauweiße Achteck auf der Homepage und den Prospekten des Instituts. Rendi­temäßig profitierten die Kunden davon wenig. Die Fondsprodukte entwickelten sich meist „mit dem Markt“. Bei der Commerzbank selbst klingelten freilich die Kassen – mit einem TÜV-Siegel konnte sich damals noch kein anderer Finanzdienstleister schmücken.

Dies hat sich mittlerweile geändert: Nicht nur der TÜV Süd, sondern auch andere TÜV- Gesellschaften, die Dekra sowie zahlreiche Beratungsgesellschaften, Finanzmagazine und Analysten nehmen heute Geldanlagen unter die Lupe. Das Problem dabei: In der Branche gibt es keine Standards, nach denen die Prüfungen zu erfolgen haben und wie die einzelnen Faktoren gewichtet werden müssen.

Lasche Prüfungen

Entsprechend frei sind die Prüfer: Manchmal wird ein komplettes Produkt unter die Lupe genommen, von der Qua­lifikation des Emittenten über die Anlegerverständlichkeit bis hin zu den Kosten. Manchmal konzentriert sich die Prüfung aber auch nur auf die Plausibilität einer Fondskonstruktion, also ob z.B. die angestrebten Renditeziele – grundsätzlich – erreichbar erscheinen. In einigen Fällen wird sogar nur das Einhalten gesetzlicher Vorgaben bescheinigt, etwa bei den Wertpapierbörsen, die ohnehin einer strengen staatlichen Kontrolle unterliegen.

Aufwand variiert stark

Auch beim Aufwand gibt es enorme Unterschiede. Viele Prüfer analysieren ein Produkt vor Ort, andere verteilen ihre Sterne nach dem Lesen des Emissionsprospekts. Problematisch ist schließlich das heiß begehrte Siegel selbst. Ein privater Anleger wird davon ausgehen, dass ein TÜV- oder Dekra-Signet in den Werbeprospekten als Qualitätsmerkmal gilt. Er kann jedoch kaum einschätzen, unter welchen Bedingungen es zustandegekommen ist.

Erst recht bietet das Siegel keine Garantien für den Er-folg der Geldanlage. Im Gegenteil: Immer wieder stellt sich heraus, dass gerade „geprüfte“ Geldanlagen nicht selten zu den „Problemfällen“ des Ka­pi­talmarkts zählen. So berichtet die Stiftung Warentest von Fonds, deren Emittenten den Kunden bis zu 18 % Rendite versprachen – TÜV-Siegel inklusive. Möglich werden sollte dies durch hochriskante Zinsdifferenz­geschäfte mit zahlrei­chen Unbekannten. Kritische Fragen der Warentester beantwor­te­ten die Anbieter des Siegels mit dem Hinweis, dass ihr Zertifikat kein Ranking oder Rating darstelle. Man habe auch nicht die Erfolgsaussichten, sondern allein die Plausibilität geprüft. Dass dies oft nicht genügt, zeigt der Fall der durch Scheingeschäfte unrühmlich bekannt gewordenen Comroad AG, deren Geschäftsbetrieb nach ISO-Norm 9001 zertifiziert war.

Als Anleger sollten Sie sich daher nicht von einem Prüfsiegel blenden lassen. Setzen Sie sich stattdessen selbst mit dem Angebot auseinander und nehmen Sie den Anbieter unter die Lupe. Auch die versprochene Rendite liefert oft Hinweise auf Unseriö­ses: Werden höhere als marktübliche Zinsen geboten, bestehen entsprechend große Risiken.

Aktueller Wirtschaftsdienst für Apotheker 2009; 34(04):16-16