Prof. Dr. Reinhard Herzog
Nun, wir könnten uns fast entspannt zurücklehnen. Gäbe es da nicht einen Spielverderber namens „Finanzkrise“. Minus 5%, minus 6% bei der Wirtschaftsleistung – wer bietet noch schlechtere Zahlen? Wurde die Krise anfangs völlig unterschätzt, so hat sich mit dem üblichen Verzögerungseffekt bald Weltuntergangsstimmung breitgemacht. Interessanterweise ist die Krise jedoch in den Apothekenkassen bislang nur sehr abgeschwächt angekommen. Trotz Rekordrezession verläuft das Tagesgeschäft ruhig und undramatisch. Wir sind eben ein reiches Land mit erheblichen Reserven in breiten Bevölkerungsschichten, das schon etwas wegstecken kann – auch das ist eine Lehre aus der Krise.
Inzwischen hellt sich das Bild bereits wieder auf und es könnte manch positive Überraschung geben. Auch mit dem Arbeitsplatzabbau dürfte es dann nicht so hart kommen. Damit bricht die Einnahmebasis der Kassen weniger stark ein – bis heute ist das Arbeitseinkommen die wesentliche Finanzgrundlage, trotz steigender Steuerzuschüsse. Zudem erhalten die Krankenkassen selbst für Arbeitslose und Hartz-IV-Empfänger Beiträge. Auch wenn diese oft nicht kostendeckend sind, so mildert das doch die Folgen – die Kosten bleiben mehrheitlich in anderen Zweigen der Sozialversicherungen hängen.
Der viel gescholtene Gesundheitsfonds arbeitet recht geräuschlos und die Zahl der Krankenkassen sinkt kontinuierlich. Die Kostenentwicklung im Jahr 2009 weist nach oben, nicht dramatisch, aber doch deutlich. Etliches davon ist, wie so oft, politisch initiiert – Stichworte: Ärztehonorare und Schweinegrippe. Alles in allem besteht zur Panik aber kein Anlass, und hinter der Not- wendigkeit eines harten „Pharmasparpakets“ mehren sich die Fragezeichen. Wenn, erscheinen eher wieder „kosmetische Korrekturen“ wahrscheinlich, die aber ebenfalls schmerzhaft sein können.
Dramatische Zunahme der Krankheiten
Dennoch wird die Wahl 2009 als „Schicksalswahl“ für das Gesundheitswesen dargestellt. Eine jüngst publizierte Studie vom Fritz Beske Institut für Gesundheitssystemforschung in Kiel – im Internet: www.igsf.de – gießt hier Öl ins Feuer, indem sie die Entwicklung der Morbidität in Deutschland von heute bis in die Jahre 2030 und 2050 prognostiziert.
Obwohl nur 22 häufige Krankheiten erfasst wurden, ist die jetzige Morbidität der Bevölkerung erstaunlich hoch. 5,0% bis 7,7% leiden an Diabetes, 10,6% sind schwerhörig, ähnlich viele haben Osteoporose, 42,4% (!) sind Hypertoniker, 16,5% haben Arthrose und 15,5% chronische Rückenschmerzen. 7,8% sind COPD-Patienten, 1,3% gelten als dement, ähnlich viele leiden an Glaukom und 0,9% an der altersbedingten Makuladegeneration. Knapp 88.000 Patienten sind dialysepflichtig, 23.000 werden jährlich neu damit konfrontiert – oft als Folge von Diabetes. Nicht zu vergessen rund 0,4%, die jährlich der Herzinfarkt trifft, 0,2% mit frischem Schlaganfall sowie knapp 0,6% mit neu diagnostiziertem Krebs.
Somit leidet jeder Bundesbürger, addiert man die Morbiditäten, statistisch unter etwa 1,2 Krankheiten. Dabei sind psychische und Geisteskrankheiten, Sucht oder Unfälle in dem Katalog noch gar nicht berücksichtigt.
Die Zukunft verspricht drastische Zunahmen – und das vor dem Hintergrund einer schwindenden und alternden Bevölkerung. Bluthochdruck haben im Jahr 2030 gut 49%, Arthrose 20%, Osteoporose 13,2%, Diabetes 6,5% bis 10%, Glaukom 1,9%. Krebs nimmt um 50% zu. Die Steigerungsraten bewegen sich durchweg in einem Bereich von 30% bis 50% für den Zeitraum bis 2030, pro Jahr sind das knapp 1,5% bis 2,5%. Bis 2050 geht es nochmals gut zweistellig aufwärts.
Die deutsche Bevölkerung wird bis 2050 von heute 82,2 Mio. auf 68,8 Mio. Menschen schrumpfen, damit auch Teile des Marktpotenzials. Die Erwerbsfähigen (Alter 20 bis 64) werden sich von knapp 50 Mio. auf 35,5 Mio. vermindern, Junge unter 20 erhalten mit 10,4 Mio. gegenüber fast 16 Mio. heute beinahe Seltenheitswert, die Zahl der „65Plus“ steigt dagegen um 6,3 Mio. auf 22,8 Mio. an. Die Hochbetagten (80 und älter) werden um 6,1 Mio. auf 10,0 Mio. Personen im Jahr 2050 zunehmen.
Deutschland, ein Altenheim und Krankenhaus?
Bedenken wir auch: Auf viele Jahre hinaus wird die Erdbevölkerung noch wachsen, zurzeit um fast 80 Mio. Menschen jährlich. Es gibt also reichlich Junge, nur nicht hier. Im Zeitalter der Globalisierung sollten sich daher Lösungen finden lassen. Zudem ist die Definition der Erwerbsfähigkeit („20 bis 64 Jahre“) willkürlich. Sie könnte in fernerer Zukunft auch „20 bis 70“ oder gar „20 bis 75“ lauten – dann sehen die Relationen schon ganz anders aus.
Außerdem steht die Arbeitsgesellschaft vor einem Umbruch. Geht die technische Entwicklung weiter wie bisher, werden Wert und Notwendigkeit menschlicher Arbeit sich wohl ganz anders darstellen als heute. Die Automatisierung wird enorme Fortschritte machen und letztlich stellt sich „nur“ die Frage der Neuverteilung der Wertschöpfung.
Wenn man sich gleichzeitig ansieht, wie viele unsinnige Tätigkeiten heutzutage oft auf gesetzgeberisches Geheiß erfolgen (die Apotheke ist ein ausgezeichnetes Beispiel dafür), dann wird schnell klar, dass hier ein enormes Einsparpotenzial besteht, konzentriert man sich erst einmal auf die wirklich wertschöpfenden Arbeiten. Schauen Sie nur, wie sich die Umsätze je Mitarbeiter in der Apotheke entwickelt haben und welche Potenziale die Automation heute schon (Kommissionierer!) und künftig heben kann. Das relativiert den Begriff „Arbeit“ erheblich.
Konsequenzen für die Apotheke
Die Bevölkerungsentwicklung ist bereits heute ein ernst zu nehmender Standortfaktor. Die Altersstruktur und die Bevölkerungsbilanz vor Ort sind für eine langfristig angelegte Unternehmensgründung wesentliche Punkte. Unabhängig davon, wie die Politik mit dem Problem der Alterung und den Gesundheitskosten umgehen wird, gilt zudem nach wie vor: Leidensdruck öffnet die Geldbörsen – und zwar über die Leistungen der Krankenkassen hinaus! Das mag zynisch klingen, ist aber eine Tatsache.
Aktive Problemlösung
Allerdings erwarten die Menschen echte Lösungen, zumindest spürbare Linderung. Hier liegt noch viel Arbeit vor den Apotheken und es winkt ein hohes, wachsendes Marktpotenzial. Das Motto lautet „aktive Problemlösung“, nicht nur die Befriedigung der herangetragenen Nachfrage. Das heißt: Für wichtige Indikationen werden aktiv Strategien und Konzepte entworfen, die Sie den Kunden anbieten können, wie das Rheuma-Programm, das Allergiker-Set, das „Leistungs-Paket“ für Berufstätige und vieles mehr... Hierfür eignen sich Morbiditätsanalysen sehr gut. Sie zeigen Ihnen, wo welches Potenzial steckt. In vielen Fällen ist dabei die intensive Vernetzung mit Ärzten und anderen Heilberuflern sinnvoll.
Eines ist sicher: Es wird sich viel ändern! Vergessen Sie dabei nicht den technischen Fortschritt. Über die heutige Diabetestherapie wird man vielleicht in 20 Jahren lächeln. Es kommt darauf an, diese Trends frühzeitig zu erkennen, die Auswirkungen auf die eigene Existenz zu analysieren und von den Veränderungen positiv zu profitieren. Der eigene Körper liegt jedenfalls jedem am nächsten, und daran wird sich nichts ändern.
Dr. Reinhard Herzog,
Apotheker,
72076 Tübingen,
E-Mail: Heilpharm.andmore@t-online.de
Aktueller Wirtschaftsdienst für Apotheker 2009; 34(18):5-5